Graugansforschung: Soziale Mechanismen mit Parallelen zu Säugetieren

23. Juli 2013, 19:28
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Vermächtnis von 20 Jahren Forschung: Kurt Kotrschal und Kollegen fassen Erkenntnisstand über komplexes soziales Leben der Vögel zusammen

Wien/Grünau - Als Konrad Lorenz 1973 als Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Pension ging, übersiedelte er nach Grünau im Almtal (OÖ), um seine Arbeit mit Graugänsen fortzusetzen. Es sei reiner Zufall, dass genau 40 Jahre später bei Cambridge University Press das Buch "The Social Life of Greylag Geese" erscheint, meinte Herausgeber Kurt Kotrschal. Der Vertrag mit dem Verlag bestehe schon seit mehr als zehn Jahren, man habe aber immer noch neue Ergebnisse berücksichtigen wollen. Nun liege mit dem Buch aber "eine Art Vermächtnis unserer Arbeit der vergangenen 20 Jahre" vor, so der Verhaltensforscher.

"Ein guter Teil unseres Wissens darüber, dass Vögel ähnlichen sozialen Mechanismen folgen wie Säugetiere, kommt aus der kontinuierlichen Graugansforschung der vergangenen Jahrzehnte in Grünau", betonte Kotrschal, der Direktor der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau ist. Die noch von Lorenz gegründete Graugans-Schar - derzeit rund 150 Tiere - habe sich zu einem einflussreichen Tiermodell entwickelt.

Auch Gänse gehen fremd

Das Wissen seit Lorenz hat sich dabei deutlich weiterentwickelt, wie das von Kotrschal gemeinsam mit Isabella Schreiber, Brigitte Weiß und Josef Hemetsberger herausgegebene Buch zeigt. So habe Lorenz zwar gewusst, dass Graugänse monogam leben, habe aber noch gedacht, dass sie auch sexuell ziemlich monogam sind. "Das hat sich in der Zwischenzeit als nicht ganz richtig erwiesen", so Kotrschal. Auch Gänse gehen also fremd, doch genetische Untersuchungen würden zeigen, dass dies meist folgen-, also kinderlos bleibt.

"Im Endeffekt ist es wirklich ein monogames System", so Kotrschal: Zwei Individuen bleiben nicht nur zusammen, um Nachkommen zu zeugen, sondern auch um sie gemeinsam aufzuziehen. Doch ist dies der einzige Grund für die Langzeitmonogamie, nicht nur bei Gänsen, sondern auch bei vielen anderen Vögeln und auch einigen Säugetieren? Nein, meint Kotrschal, eine vermutlich wesentlich bessere Erklärung sei die soziale Unterstützung durch den Partner. "Gänse leben - so wie Menschen - in einer ziemlich komplexen Gesellschaft und da braucht man so eine soziale Unterstützung."

Parallelen zu Säugetieren

"Wir haben hier ganz ähnliche Muster wie bei Säugetieren, die Nähe zum Partner bringt eine gewisse Beruhigung", so Kotrschal. Das zeigt sich etwa, wenn der Ganter im Streit den Kürzeren zieht und das Weibchen sich ihm tröstend nähert. "Das lässt bei ihm den Stresslevel schnell absinken und sorgt dafür, dass eine Niederlage keinen nachhaltigen Schaden anrichtet", schildert der Verhaltensforscher.

"Wir haben seit 1990 Daten von 600 Graugans-Weibchen", betonte der Verhaltensforscher die Vorteile der Langzeitforschung. So könne man etwa analysieren, welche Faktoren den Bruterfolg beeinflussen. Dabei zeigte sich, dass es für eine Gans gar nicht so einfach ist, sich erfolgreich zu reproduzieren. Von den 600 erfassten Gänsen haben zwei Drittel gar keine Jungen aufgezogen, nur fünf Prozent schafften mehr als zehn flügge Gössel.

Entscheidend für den Erfolg sei nicht nur die Qualität der Partnerbeziehung, sondern auch soziale Kompetenz und Erfahrung. "Das zählt wahrscheinlich viel mehr als sie von den Eltern genetisch mitbekommen haben - eine Erkenntnis, die wir vor 20 Jahren auch noch anders erklärt hätten", so Kotrschal.

Die Verhaltensforscher fanden in ihren Studien sowohl Parallelen als auch Unterschiede zwischen Gänsen und Säugetieren. So zeigen sich etwa sowohl bei Gänsen als auch bei Säugetieren "weibchengebundene Clanstrukturen". Gänse-Schwestern würden in der Schar Zeit ihres Lebens näher zusammenbleiben als man das aufgrund einer Zufallsverteilung erwarten würde. Sie bleiben auch näher an der Mutter, es ergeben sich also weibliche Clanstrukturen, die wiederum das Umfeld beruhigen.

Konflikte zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter

Lange habe man auch geglaubt, dass die Großmütter das Überleben der Nachkommen begünstigen. Das sei richtig, allerdings nur mütterlicherseits. Die Mutter des Vaters senke dagegen den Reproduktionserfolg und die Überlebensrate der Kinder. "Das ist beim Menschen der Grundkonflikt zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter - das sind schon ganz witzige Parallelen", so Kotrschal.

Im Unterschied zu Säugetieren gebe es bei Gänsen "langzeitwertvolle Beziehungen nur innerhalb von Paar und Clan (ein Clan ist ein Paar mit seinem Anhang, Anm.), zwischen den Clans wird nicht kooperiert" - bei Primaten etwa helfe oder versöhne man sich auch über Clangrenzen hinweg. Dafür hat man innerhalb des Paares oder des Clans so gut wie nie aggressive Interaktionen. In der Schar dagegen koche es ständig, "das ist keine nette Umgebung, zusammen bleibt man nur, weil es sicherer ist".

Dennoch dürften sich die Gänse in der Grünauer Schar persönlich kennen, verweist Kotrschal auf entsprechende Experimente, die die hohe soziale Intelligenz der Vögel belegen. So haben die Forscher den Herzschlag von Gänsen gemessen, wenn sie in gewisser Distanz einen Streit zwischen zwei Gänsen beobachten. Ist der Partner involviert, gehe der Herzschlag stark nach oben. Ebenso aufregend ist es, wenn zwei höherrangige Gänse streiten - weil das Tier dies offensichtlich als relevanter für sich empfindet wie wenn zwei gleich- oder niederrangige Vögel streiten. Um das beurteilen zu können, müsse die Gans die involvierten Artgenossen bis zu einem gewissen Grad kennen, erklärte Kotrschal und sieht darin eine weitere Parallele zum Menschen: "Das ist ein bisschen der Promi-Effekt und der Grund, warum die Regenbogenpresse funktioniert." (APA/red, derStandard.at, 23.7.2013)

  • "The Social Life of Greylag Geese - Patterns, Mechanisms and Evolutionary Function in an Avian Model System", von Isabella Scheiber, Brigitte Weiß, Josef Hemetsberger und Kurt Kotrschal (Hrsg.)
Cambridge University Press
ISBN: 9780521822701
    buchcover: cambridge university press

    "The Social Life of Greylag Geese - Patterns, Mechanisms and Evolutionary Function in an Avian Model System", von Isabella Scheiber, Brigitte Weiß, Josef Hemetsberger und Kurt Kotrschal (Hrsg.)

    Cambridge University Press

    ISBN: 9780521822701

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