Das Wetter ist schön, liebe Grüße!

21. Juli 2013, 16:08
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Trotz Facebook, SMS und Twitter lässt sich die gute alte Postkarte mit ihren Urlaubsgrüßen nicht unterkriegen, weiß Oliver Zelt

Es vergeht kaum eine Saison, in der die Postkarte nicht posthum geehrt wird. Und Feuilletonisten nicht über die Kulturlosigkeit der Smartphone-Generation klagen.

Der Datenschutz verhinderte die erste Ansichtskarte. Als Heinrich von Stephans, seines Ranges geheimer Postrat, 1865 die Idee hatte, Karten ohne Umschläge zu verschicken, polterte die preußische Postverwaltung, das sei "unmoralisch und beleidigend". Wenn jeder alles lesen könnte, verstieße das gegen das Postgeheimnis.

Die Österreicher waren schon damals lockerer drauf. Amtlich und höchst offiziell gaben die österreichisch-ungarischen Behörden am 22. September 1869 ihr "Ja" für die "Correspondenzkarte", mit aufgedruckter Briefmarke und Adressfeld, zuerst aber noch ohne Bild auf der Vorderseite.

Zwar buddelten Historiker immer wieder Karten mit Lithografien und den ersten Fotoversuchen aus der Zeit vor 1869 aus, doch es bleibt dabei, die Österreicher haben die freien Gedanken als Erste höchst förmlich erlaubt.

Bis heute bleibt der Gruß aus der Ferne an die Lieben für viele ein Privileg der Postkarte. Selbst die hippe Smartphone-Generation postet zwar gerne jedes abgestandene Buffet aus den All-inclusive-Ferien und smst genüsslich die letzten Nachterlebnisse mit all ihren Aussetzern.

Trotz Twitter-Gebrabbel und Facebook-Freunden, auf der Höhe der Zeit ist man mit ein bisschen Old School, mit den zahlreichen Postkarten-Apps. Die den unschätzbaren Vorteil haben, den Gruß an die Daheimgebliebenen auch noch auf dem eignen Handy mit selbstgemachten Fotos von Schlössern, Strand und Shoppingmall stylen zu können. Auf der App samt nettem Text fertiggestellt, verlässt das virtuelle Werk dann die digitalen Datenbahnen und setzt, von den App-Betreibern ausgedruckt und frankiert, seinen Weg als konservative Postkarte fort und landet via Briefträger im Postkasten.

30 Millionen Postkarten pro Jahr

Natürlich vergeht trotzdem kaum eine Saison, in der die Postkarte nicht posthum geehrt wird. Und Feuilletonisten und Großeltern nicht über die Kulturlosigkeit der Smartphone-Generation klagen. Zwar weisen die Statistikzahlen der Branche Urlaubsgrüße nicht extra aus, aber nach einer Delle steigen die Umsätze in den letzten Jahren sogar wieder leicht, weiß auch Herbert Steinmann, Obmann des Salzburger Verbandes der Ansichtskartenverleger und -hersteller. 30 Millionen Ansichtskarten kaufen Österreicher und Touristen zwischen Neusiedler und Bodensee jährlich, ob mit Stephansdom, Großglockner oder Kuhlimuhli.

Mehr als die Hälfte der Deutschen outeten sich bei einer repräsentativen Umfrage im vergangenen Sommer als permanente Urlaubskartenschreiber. Während 63 Prozent der Damen den Stift zur Hand nehmen, waren es lediglich 43 Prozent der Herren. Was die Männer wiederum gerne mit dem allseits bekannten Vorurteil "Frauen haben keine Ahnung von Technik" begründen, während die Wahrheit wohl in der männlichen Schreibfaulheit gepaart mit schlimmer Klaue liegt. Die Damen pflegen offenbar einen anderen Stil.

Die Hüter der klassischen Korrespondenz können sich beruhigen. Das Ende des handschriftlichen Abendlandes ist noch nicht gekommen. Und die Attitüde, früher war alles besser, galt auch früher schon. Der geniale Erzähler Wilhelm Raabe ließ in einer seiner Geschichten 1891 den Reisenden Eduard resigniert feststellen: "Wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe?" Über 120 Jahre später tragen Briefträger immer noch zu Recht ihren Namen.

Gerade in den Ferien haben es die meisten satt, ständig erreichbar zu sein, und legen "Offline-Tage" ein. Im sowieso angesagten Retro-Trend gönnt man sich ein bisschen nostalgischen Plüsch und greift auch zur leicht vergilbten Karte, von deren waldreichen Motiven oder pompösen Mauerwerken manche längst gerodet und abgerissen worden sind. Und schreibt schön brav, dass "das Wetter schön ist, das Wasser warm und sich die Vollpension rentiere". Da passt es hervorragend, dass auf den meisten Karten der Himmel himmelblau strahlt und die Bildbearbeiter in den Herstellerfirmen höchstens ein paar klitzekleine Schäfchenwölkchen zulassen. Das schafft bei denen zu Hause auf dem Sofa den zusätzlichen Neidfaktor und lässt die lieben Kollegen mit sehnsuchtsvollen Blicken die Büro-Pinnwand mit den bunten Urlaubsgrüßen ansehen. Eine ausgedruckte Facebook-Seite würde verblassen und hätte keine Chance.

Wäre da in Zeiten wachsender Paranoia auch noch die Sache mit der Sicherheit. Die schnellen Finger auf dem Smartphone weisen computerversierten Ganoven in den sozialen Netzwerken des Internets allemal schneller als die Postkarte den Weg in die verlassene Wohnung der Reisenden. (Oliver Zelt, DER STANDARD, Rondo, 19.7.2013)

  • Gerade in den Ferien haben es die meisten satt, ständig erreichbar zu sein, und legen "Offline-Tage" ein
    foto: lake county museum/corbis

    Gerade in den Ferien haben es die meisten satt, ständig erreichbar zu sein, und legen "Offline-Tage" ein

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