Mandela - "Father of the Nation" für ganz Südafrika

Analyse18. Juli 2013, 13:57
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Viele weiße Südafrikaner stehen dem ANC mittlerweile kritisch gegenüber, Nelson Mandela aber genießt uneingeschränktes Vertrauen - Donnerstag wurde er 95

"Die diesjährige Ehrung kommt zu einer schwierigen Zeit für Mandela und seine Familie": UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon brachte es vor wenigen Tagen auf den Punkt. Im Zentrum der Feierlichkeiten des 95. Geburtstags von Nelson Mandela steht vor allem die Sorge um seine Gesundheit. Der erste schwarze Präsident Südafrikas liegt seit dem 8. Juni mit einer schweren Lungenentzündung in einem Krankenhaus in Pretoria. Zumindest habe sich sein Zustand  in den letzten Tagen verbessert, ließ die Regierung verlautbaren. Die Sorge bleibt.

Seit 2010 ist der Geburtstag des Ex-Präsidenten auch "Mandela-Tag". Die Vereinten Nationen rufen dazu auf, am 18. Juli 67 Minuten für wohltätige Projekte einzusetzen - eine Erinnerung an Mandelas 67 Jahre währenden Kampf für die politische Neugestaltung seines Landes. Mandelas Vorbildfunktion ist in Südafrika unumstritten.

Kulturelle Identitäten

"Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft vertreten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben", sagte Mandela schon 1964, als im Apartheidstaat Südafrika die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß noch klar definiert waren.

Als der letzte Präsident einer Apartheidregierung, Frederik Willem de Klerk, Anfang 1990 den Abbau des rassistischen Systems begann, stieg auch die existenzielle Angst der Weißen in Südafrika stark an. Beamte fürchteten um ihren Arbeitsplatz, Klein- und Mittelunternehmer um ihr Geschäft und Bauern um ihr Land. Groß war die Sorge der afrikaanssprachigen Weißen um ihre kulturelle Identität - Sprache, Schulen, die Niederländisch-reformierte Kirche, aber auch Symbole wie Flagge, Hymne und der geliebte Rugby-Sport schienen bedroht. Viele Afrikaaner hatten Angst vor Plünderungen und gewaltsamen Übergriffen. Von konservativen Afrikaanern wurde de Klerk nun als die Person gesehen, die ihre Existenz gefährdet.

Herrschaft der weißen Minderheit

Praktisch seit ihrer Auswanderung aus Europa führten die Afrikaaner in Afrika eine Art Existenzkampf, der ein wesentlicher Beweggrund zum Ausbau der Apartheid war. Der Kern der Strategie, die vor allem von der afrikaanssprachigen rechtskonservativen politischen Elite verfolgt wurde, war eine Herrschaft der weißen Minderheit über die nichtweißen Bevölkerungsgruppen. Vor allem die afrikaanssprachige weiße Bevölkerung sah sich als Kämpfer für Selbstbestimmung angesichts einer afrikanischen Dominanz, aber auch angesichts eines britischen Imperialismus und nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetischen Expansionsstrebens im südlichen Afrika.

Nelson Mandela wusste in der schwierigen Übergangszeit in Südafrika von 1990 bis 1994, dass militante rechtsextreme Kreise unter den Afrikaanern zum Äußersten fähig wären und sich daraus ein ernsthafter Bürgerkrieg entwickeln könnte. Sie besaßen Schusswaffen, Geld und militärisches Know-how. Vor diesem Hintergrund ist Mandelas Strategie zu sehen, von Anfang an auf die Afrikaaner einzugehen und damit den rechtsextremen Weißen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mandela wollte einen Bürgerkrieg verhindern, nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen, sondern auch zwischen Weißen und Weißen - zwischen jenen Weißen, die nun einen politischen Wandel wollten, und den reaktionären Kräften. Nicht selten richteten sich die Aggressionen der Rechtsextremen gegen liberale Weiße.

Präsidentschaft 1994 bis 1999

Schnell wurde Mandela von vielen Weißen in Südafrika als eine Art "Father of the Nation" akzeptiert. Sie waren über die außerordentliche internationale Popularität ihres neuen Staatsoberhauptes erfreut und nach der langen Zeit der Sanktionen und der Ächtung über eine Öffnung ihres Landes. Das erkannten auch viele rechtskonservative Weiße, und für Wirtschaftstreibende versprach der neue Präsident, dessen Regierung eine fast neoliberale Wirtschaftspolitik verfolgte, sehr günstige wirtschaftliche Möglichkeiten. Bereits die Freilassung Mandelas 1990 wurde so nicht nur von schwarzen Südafrikanern sehnsüchtig erwartet. Auch für viele Weiße war er ein wichtiger Hoffnungsträger.

Was zu Mandelas großer Popularität bei der afrikaanssprachigen Bevölkerung beitrug, waren seine oftmals großherzigen Versöhnungsgesten und das empathische Eingehen auf die besonderen Ängste und Probleme dieser Bevölkerungsgruppe. Hier half Mandelas Wissen um Kultur, um Geschichte und besonders um die Sprache der Afrikaaner. Diese Versöhnungsgesten in Richtung der afrikaanssprachigen Bevölkerung wurden von seinen Kritikern oft als übertrieben empfunden. Auch für die von seinem Nachfolger als Staatspräsident, Thabo Mbeki, geplante neoliberale Wirtschaftspolitik wurde er kritisiert.

Mbeki konnte und wollte an die Versöhnungspolitik Mandelas nicht anschließen. So erfolgte während der Regierung Mbeki eine größere Umbenennung von Ortsnamen und öffentlichen Einrichtungen, was Mandela stets abgelehnt hatte. Viele Afrikaaner fühlen sich heute in Südafrika nicht mehr so akzeptiert und integriert wie in der Amtszeit Mandelas. Während viele Weiße in Südafrika heute dem African National Congress (ANC) äußerst kritisch gegenüberstehen, genießt Mandela noch immer ein enormes Vertrauen bei der weißen Bevölkerung.

Fundamente der alten Ordnung

Das neue Südafrika wurde zum Teil bewusst auf den Fundamenten der alten Ordnung errichtet. Das zeigte etwa die Übernahme vieler Beamter des Apartheidstaates in den neuen Staatsdienst. Diese Politik, ein Kompromiss in den Verhandlungen, wurde von Mandela in seiner Amtszeit als Staatspräsident umgesetzt. Mandela ging es in seiner Versöhnungspolitik in erster Linie um den Bruch mit alten Verhaltensmustern, eine Veränderung in der Wahrnehmung und weniger stark um eine Umverteilung des Besitzes. Von Beginn an inkludierte er die weiße Bevölkerung in das neue Südafrika, und er tat das sowohl auf einer emotionalen als auch auf einer praktischen Ebene.

Mandelas Versöhnungsgesten sind sicher ein Grund, weshalb sich die afrikaanssprachige Bevölkerungsgruppe so schnell und bereitwillig in das neue Südafrika eingefunden hat. Für die Afrikaaner wurde Mandela gewissermaßen zu einem Garanten ihrer Minderheitenrechte und ihrer Kultur. Vor diesem Hintergrund ist auch die Beunruhigung bei vielen Weißen in Südafrika zu verstehen, die mit dem ernsten Gesundheitszustand des 95-Jährigen verbunden ist. (Georg Bacher, derStandard.at, 18.7.2013)

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    Bild der Versöhnung: Nelson Mandela trifft im Jahr 2000 Betsie Verwoerd, die Witwe des ideologischen Begründers und Architekten der Apartheid-Politik, Hendrik Verwoerd. Verwoerd wurde 1966 in Kapstadt ermordet.

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    Mandela-Tattoo aus Anlass seines 95. Geburtstags.

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    Mandela-Büste nahe Howick.

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