Männerkuss auf dem Dachstein

18. Juli 2013, 16:58
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Den 200. Geburtstag des Geografen und Alpenforschers Friedrich Simony begeht man am sinnigsten auf dem ältesten Klettersteig der Alpen

Ein Mann sitzt auf dem Berg. Es ist nicht irgendein Berg, es ist der Hohe Dachstein. Es ist Mittag, er schaut in Richtung Südwesten, mustert den Gipfel der Hochalmspitze, des Ankogels sowie den von Großglockner, Wiesbachhorn und Großvenediger, blickt zurück in seinen Block, zeichnet die frühherbstlich verschneiten Alpenspitzen nach und misst zwischendurch die Temperatur.

Im Fels wird gehämmert und geklopft. So geht es seit dem Morgen. Längst ist die taube Nachtkälte aus den Gliedern des Mannes entwichen. Keine Wolke trübt sein Panorama, ganz vertieft ist er in sein Zeichnen und Schauen. Selbst als Rufe aus der Wand ertönen und die Arbeitsgeräusche aus dem senkrechten Kalk eine Zeitlang verstummt sind, lässt er sich nicht unterbrechen. So ein Panorama hat hier noch keiner gezeichnet.

Simony heißt der Mann, Friedrich Simony. Er hat die Nacht dort oben verbracht, auf dem schmalen Plateau, das nur wenige Meter unter der Dreitausendergrenze liegt, mit den unter Mond- und Sternenhimmel glitzernden Gletschern im Norden seiner Felszinne, und der gut 1200 Meter abfallenden Südwand unterhalb seiner Zehenspitzen.

Vom Süden strahlt die Sonne auf den Zeichner, der es sich und seinen Mannen mit einem in Butter und Schneewasser gedünsteten Braten sowie Wein und frisch gebrühtem Kaffee am Vorabend genau so wenig mangeln ließ wie beim Frühstück. Erneut ertönen Rufe, diesmal schon um einiges näher, bald könnte er hinter seinem Rücken die ersten Tritte im Fels hören, doch er ist ganz von seiner Arbeit eingenommen.

170 Jahre später, knapp 170 Jahre, um genau zu sein, setze ich wenige Meter unterhalb des Gipfelplateaus meine letzten Tritte in die Wand. Der Himmel ist blau, und die Fönwolken darin lassen eine Zeitreserve bis zum Hereinbrechen der Schlechtwetterfront aus dem Westen realistisch erscheinen.

Als das Gipfelkreuz über mir auftaucht, sind sofort Bilder der Großeltern in meinem Gedächtnis. Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1930er-Jahren. Das Gipfelkreuz im Winter mit angewehten Wimpern aus Raureif. Dicke Hanfseile, klobige Lederschuhe, Knickerbocker und Rucksäcke aus altem Tuch.

Unendlich weit weg wirkt darin vieles. Trotzdem - weiße Flecken auf der Landkarte, unentdeckte Territorien mitten im eigenen Land, waren selbst die höchsten Alpengipfel für die Generation meiner Großeltern keine mehr.

Spielwiese mit Selbstbedienung

Sie und die Generation ihrer Kinder waren es, die Seile für Gondeln, Sessel- und Schlepplifte ins Gebirge spannten, Berg- und Talstationen bauten, das System der Selbstbedienungshütten und jenes der volkstümlichen Musik erfanden. Die Skier, zuerst gefertigt von den örtlichen Tischlern, heute sind sie mithilfe von Weltraum- und anderen Hochtechnologien zu einem Massen-Hightech-Produkt geworden und die Berge zu einer Spielwiese der Freizeitindustrie. "Früher hat es so etwas nicht gegeben!", lautet der automatische Satz, wenn es um verlorene Idyllen geht. Gerade in den Bergen muss man sich aber fragen, welches Früher gemeint ist? Jene heile Bergsteigerwelt etwa, in der Juden bereits 1905 aus Alpenvereinssektionen ausgeschlossen und mit Hüttenverbot belegt wurden?

Zweifellos ist - sobald es zu überdecken gilt, dass die Kombination von Sport und Berg die Alpen längst zu einem einzigen Sportgerät werden ließ - immer noch dieses eine alpine Idyllenbild am wirkmächtigsten, das von Sonne, Wind und Wetter gegerbten Gesichtern erzählt, von strahlend reiner Kraft, weiblicher Unschuld, von unbesiegbar männlich blauen Augen und jenen gesunden Geistern, die allein in gesunden Körpern stecken.

Eng ist es auf dem Gipfelplateau. Das Gipfelkreuz ragt in den blauen Himmel, schwüler Dunst liegt über dem Ennstal tief unten, und unweit der Bergstation hängt ein Kran Bauteile einer über den Abgrund gespannten Hängebrücke in die Stahlseile. Winzig klein sind die Bauarbeiter in ihren Monturen, die beiden Skihänge des Schladminger Gletschers sind beinahe leer, ebenso die daran angrenzenden Schlaufen der unter Langläufern berüchtigten Trainingsloipe, während jene auf dem Hallstätter Gletscher erst im Herbst gespurt wird.

Kurz davor, am 27. August, feiert der 1843 fertiggestellte Steig auf den Gipfel sein 170-Jahr-Jubiläum. Es war der erste Klettersteig in den Alpen, der damals auf Veranlassung des Dachstein-Erforschers und Universitätsprofessors für Geografie, Friedrich Simony, errichtet wurde. Denn wie alle anderen ersten Alpinisten jener Zeit der ersten Alpenbegeisterung, die vom 18. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre reichte, war auch Simony kein Bergsportler. Dementsprechend übersehen von den Touristikern ist heute sein 200. Geburtstag.

Auf die Berge zu gehen war eine urbane Angelegenheit, angespornt von Entdeckergeist und begleitet von Eleganz. Ein Abenteuer abseits viriler Kraftmeiereien. So traten die Erstbesteiger der höchsten Alpengipfel stets in Stufen, die ihnen die Führer ins Eis schlugen, verwendeten Pickel nur als Spazierstockersatz.

Tee für Madame, Tschämpägn für Messieu

Ein Gentlemen wie Edward Whymper etwa, der 1865 als Erster auf dem Matterhorn stand, ließ sich im Abstieg selbstverständlich Kerben für Finger und Füße ins Eis treiben. Während von Albert Mummery, dem 1895 vermutlich am Nanga Parbat umgekommenen Erstbesteiger der Aiguille du Grépon (3482 m), berichtet wird, dass er nach einer anstrengenden Tour auf einen Alpengipfel ankommend ausrief: "Kellner, bringen Sie Tee für die Madame, Tschämpägn für Messieu und einen Schluck Wein für den Führer!"

So verwundert auch nicht, dass Friedrich Simony bei seiner ersten Besteigung im Jahr 1842 die Felspassagen auf den Hohen Dachstein einfach als "recht abscheuliches Klettern" empfand. Dem musste in seinen Augen Abhilfe geschaffen werden. Er schrieb an seine Gönner, und im nächsten August war er so weit: der erste Klettersteig in den Alpen. Zur Feier verbrachte Simony im September 1843 zwei Nächte auf dem Gipfel seines Berges. Er saß in der Sonne, zeichnete sein Panorama, führte Buch über Temperatur, Wind und Wetter und hörte keinen Moment lang auf Stimmen in der Wand hinter ihm, zu wertvoll waren die wolkenlosen Momente, nachdem er am Vortag immer wieder von städtischen Besuchern und ihren Führern aufgehalten wurde.

"... da schallen Tritte dicht hinter mir, ich blickte zurück - und ein teurer Freund aus der fernen Residenz liegt in meinen Armen." So beschreibt Simony jene Momente des 16. Septembers, in denen nun, auf einem gerade erst in den Landkarten verzeichneten Platz, vorübergehend auch soziale Tatsachen einen Ort bekamen, die nichts mit Männerbildern zu tun haben, wie sie aus den Alpen bis heute herhalten müssen:

"Stumm hielten wir uns eng umschlossen, die Lippen brannten in langem Kusse treuer Freundschaft und die Macht des Augenblicks preßte das ringende Wort tief zurück in die freudig erregte Brust ... Da standen wir allein mit den verbrüderten Herzen ... allein mit unsern teuersten Empfindungen, mit unsern heiligsten Gedanken, welche hier keine empörende Gemeinheit in den Schlamm selbstsüchtiger Beurteilung niederzuziehen vermochte." (Martin Prinz, DER STANDARD, Rondo, 19.7.2013)

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, ist Schriftsteller und Autor. 2010 erschien "Über die Alpen. Von Triest nach Monaco. Zu Fuß durch eine verschwindende Landschaft" (C. Bertelsmann, München), das auf einer Artikelserie im Rondo basiert.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Ramsau am Dachstein.

  • Die 1843 geschaffene Versicherung der Gipfelschlucht und -rinne zum Dachstein-Gipfel mit Seilen gilt heute als ältester Klettersteig der Alpen.
    foto: steiermark tourismus / popp-hackner

    Die 1843 geschaffene Versicherung der Gipfelschlucht und -rinne zum Dachstein-Gipfel mit Seilen gilt heute als ältester Klettersteig der Alpen.

  • Artikelbild
    foto: tvb ramsau dachstein
  • Und die 2013 errichtete Hängebrücke über die Südwand ist sozusagen die aktuelle touristische Rückversicherung.
    foto: tvb ramsau dachstein

    Und die 2013 errichtete Hängebrücke über die Südwand ist sozusagen die aktuelle touristische Rückversicherung.

  • Der älteste Klettersteig der Alpen feiert heuer 170jähirges Jubiläum.
    foto: tvb ramsau dachstein

    Der älteste Klettersteig der Alpen feiert heuer 170jähirges Jubiläum.

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