Monsanto gibt Gentechnik in EU auf

18. Juli 2013, 18:45
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Agrarkonzern nennt fehlende kommerzielle Perspektive als Grund

Washington - Es ist ein Kampf David gegen Goliath, und derzeit jubelt die Umweltlobby. Der Grund: Monsanto zieht alle ausstehenden Zulassungsanträge für den Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in der EU zurück. Die Begründung: Dem US-Agrarkonzern fehle die kommerzielle Perspektive, sagte der für Europa zuständige Manager José Manuel Madero der Nachrichtenagentur Reuters.

Betroffen seien fünf Anträge für genetisch veränderten Mais, einer für Sojabohnen und einer für Zuckerrüben. Die Erneuerung der Zulassung für die Maissorte MON810 wird aber weiterhin angestrebt. MON810 ist bis jetzt die einzige genetisch veränderte Nutzpflanze, die kommerziell in Europa angebaut wird. Mehrere EU-Staaten, darunter Frankreich, Deutschland und Italien, haben wegen der Ablehnung der Technologie durch ihre Bürger aber ein nationales Verbot erlassen. Monsanto konzentriert sich in Europa nun auf das Geschäft mit konventionellem Saatgut, heißt es.

Kritiker bemängeln die Macht von Monsanto seit langem. Vernon Bowman wollte es wissen. Der Bauer aus dem Bundesstaat Indiana hatte nicht eingesehen, warum er seine Sojabohnenkeime immer nur bei Monsanto kaufen sollte, mit jeder weiteren Aussaat von neuem. Statt jedes Mal tief in die Tasche zu greifen, fuhr er zum Silo einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, um sich aus der überschüssigen Ernte seiner Kollegen Saatgut zu besorgen, zu einem deutlich besseren Preis und wie beim Monsanto-Original gentechnisch so verändert, dass ihm Unkrautvernichtungsmittel nichts anhaben konnten.

Ein Vergleich mit Apple

Der Konzern kam ihm auf die Schliche und berief sich auf Patentrechte. Durch den Instanzenweg ging der Fall bis zum Obersten Gerichtshof in Washington. Am Ende bekam nicht Bowman recht, sondern Monsanto, wobei sich die Anwälte des Unternehmens einer Metapher aus der Hightech-Welt von Apple bedienten. Jeder dürfe ein iPhone kaufen und damit machen, was er wolle. Aber niemand dürfe das Telefon nachbauen und damit seinen Erfindern das Geschäft vermiesen.

Wieder war es so ein Fall, in dem sich die Geister an Monsanto schieden. Für seine Kritiker ist der Agrarriese eine Kreuzung Viktor Frankensteins mit schnödem Kapitalismus, dessen Züchtungen einerseits die Gesundheit gefährden und der andererseits mit dem Pochen aufs Patentrecht den letzten Heller aus brasilianischen oder indischen Bauern herauspresst oder eben mittelwestliche Farmer wie Bowman kräftig zur Kasse bittet. Für Bewunderer wie Bill Gates ist er der sprudelnde Innovationsquell einer technischen Revolution, ohne die angesichts der wachsenden Weltbevölkerung schon bald eine globale Nahrungskrise drohte.

Beheimatet in St. Louis am Mississippi, wurde das Unternehmen 1901 gegründet, um den Süßstoff Saccharin zu produzieren. 99 Jahre später verschmolz es mit Pharmacia & Upjohn, einem Medikamentenhersteller. 2002 wurde die Agrarsparte der fusionierten Firma abgespalten, sodass ein neues Monsanto entstand. 2005 übernahm man Seminis, den weltgrößten Produzenten von Gemüsesamen. Das Markenzeichen war bis vor einer Dekade noch das weitverbreitete Herbizid Roundup.

Heute bestreitet Monsanto den Löwenanteil seines Umsatzes mit Saatgut. Zunehmend sind es genmanipulierte Sorten (GM), wie sie Mitte der neunziger Jahre erstmals kommerziell produziert wurden - GM-Soja, GM-Mais, GM-Baumwolle. Wenn etwa Sojabohnen das Label "Roundup Ready" tragen, ahnt man schon, was für einen Kreislauf Monsanto anstrebt: Keimlinge auf dem eigenen Haus, die allein resistent sind gegen die eigenen Pflanzenvertilgungsmittel und deutlich mehr kosten, als es normalerweise der Fall wäre.

Der Gigant an der Schnittstelle von Landwirtschaft und Biotechnologie, heißt es in einer Studie des American Antitrust Institute, dominiere den Markt bereits so sehr, dass es echten Wettbewerb verhindern könne. "Potenziell verlangsamt es die Forschung und wirkt sich negativ aus, auf Preise, Qualität und Wahlmöglichkeiten für Bauern wie Konsumenten. Von 1995 bis 2011, dokumentiert das Center for Food Safety, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Washington, ist es im Schnitt um 325 Prozent teurer geworden, ein und dasselbe Sojabohnenfeld zu beackern.

Mit dem GM-Regime sei eine neue Ära des Feudalismus angebrochen, spitzt es das Zentrum in einer Analyse zu. Nur würden die Pächter heute nicht mehr von Großgrundbesitzern beherrscht, sondern von global vernetzten Unternehmen, die rund um den Globus die Anbaupraktiken diktierten. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 19.7.2013)

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