Jordaniens neue Stadt im Nirgendwo

19. Juli 2013, 14:39
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In der jordanischen Wüste entsteht ein neues Lager für 120.000 Flüchtlinge aus Syrien. Helfer meinen, der lokalen Bevölkerung wird es "langsam zu viel"

Abgeschieden: Das neue Camp Azraq entsteht mitten in der jordanischen Wüste. (Foto: (c) World Vision)


Steine, Geröll und Sand - viel mehr gibt es 50 Kilometer nordöstlich von Jordaniens Hauptstadt Amman entfernt nicht. Trotzdem entsteht hier im Nirgendwo der jordanischen Wüste eine der größten Städte im haschemitischen Königreich. Bagger graben Löcher für Wassertanks, Straßen werden asphaltiert, Leitungen verlegt - aber nicht für Jordanier. Ursprünglich in den 90er Jahren ein Flüchtlingslager für irakische Flüchtlinge, ist Camp Azraq 2013 für Flüchtlinge aus Syrien geplant.

Bereits mehr als 560.000 Menschen sind aus Syrien ins benachbarte Jordanien geflüchtet und haben sich beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert. Die Dunkelziffer liegt weit höher. An manchen Tagen überqueren bis zu 3.000 Menschen die unbefestigte Grenze in das 6,3 Millionen Einwohner zählende Land. Eine ihrer ersten Anlaufstellen ist das Flüchtlingscamp Zaatri, zwölf Kilometer von der syrisch-jordanischen Grenze entfernt. Das Lager ist voll: Mit mehr als 144.000 Einwohnern ist es bereits die viertgrößte Stadt Jordaniens. Zaatri platzt aus allen Nähten, die nahe gelegene Stadt Mafraq ist ebenfalls mit Flüchtlinge überfüllt.

Satellitenbilder zeigen das Wachstum des Zaatri-Flüchtlingscamps. (Copyright 2013 Digital Globe. Produced by UNITAR/UNOSAT)

Camp Azraq soll Entlastung bringen. Im Endausbau sollen hier 120.000 Menschen Unterkunft finden. "Alles wird befestigt, Leitungen werden verlegt, für Elektrizität und Entsorgung wird gesorgt - wie man sich das in einer Stadt vorstellt", sagt Bernd Noggler vom Zivil- und Katastrophenschutz des Landes Tirol, der für den Katastrophenschutz der EU das Lager diese Woche besuchte. (Die EU finanziert gemeinsam Teile des zu bauende Krankenhauses mit)

Von einer Stadt will offiziell trotzdem niemand sprechen, im formellen Sprachgebrauch ist nur von einem Flüchtlingslager die Rede - das Thema ist in Jordanien heikel. Bereits jetzt besteht mehr als die Hälfte der Bevölkerung de facto aus Palästinensern - auch sie sind anfangs als Flüchtlinge gekommen und geblieben. Die Behörden wollen alles vermeiden, was den Eindruck erweckt, die Flüchtlinge könnten permanent im Land bleiben.

Die Stimmung in der jordanischen Bevölkerung ist angespannt, sagt Noggler: "Man merkt, dass es langsam zu viel wird. Egal ob bei steigenden Mieten, Essen oder am überfüllten Arbeitsmarkt - die Flüchtlingswelle beeinflusst die lokale Bevölkerung stark."

Daher ist es auch kein Zufall, dass das neue Lager mitten in der Wüste errichtet wurde. Camp Azraq liegt weit weg von einer jordanischen Großstadt und damit "weit genug weg von irgendwelchen Interessenkonflikten", erklärt Noggler. Der nächste größere Ort ist 25 Kilometer entfernt, bis zur Provinzhauptstadt Zarqa sind es 60 Kilometer. "Das Camp liegt ganz brutal in der Wüste", bringt es Noggler auf den Punkt.

Camp Azraq Anfang Juni. (Video: World Vision)


Die Lage bringt auch logistische Herausforderungen mit sich. Das Wasser muss täglich mit Lastwagen herangekarrt werden. Gleichzeitig werden Bohrlöcher gegraben, um an Grundwasser zu kommen.

Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Bereits jetzt hat der Flüchtlingsstrom aus Syrien nach Angaben der Vereinten Nationen einen Umfang angenommen, der zuletzt beim Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren erreicht wurde. Momentan verlassen im Schnitt täglich 6.000 Menschen wegen des Bürgerkriegs Syrien. Insgesamt sind in den umliegenden Staaten fast 1,8 Millionen Flüchtlinge registriert. (Stefan Binder, derStandard.at, 19.7.2013)

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