Karadžić-Prozess soll Dimension des Genozids klären

17. Juli 2013, 18:37
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Der ehemalige Führer der bosnischen Serben ist nicht nur wegen Völkermords in der ostbosnischen Stadt Srebrenica angeklagt. Das Haager Tribunal hat die Genozid-Anklage wieder auf sieben weitere Gemeinden ausgedehnt. Die Reaktionen sind gemischt

Die Vuk-Karadžić-Schule in Bratunac liegt mitten in der Stadt, ein langgezogenes Gebäude mit großen Glasfenstern. Fotos von Schülerwettbewerben zieren den Eingang. Doch nichts erinnert hier an etwa fünfzig bosnische Muslime, die zwischen 10. und 16. Mai 1992 in der Schule, die damals als Gefängnis umfunktioniert war, gefoltert und ermordet wurden. Bereits am 9. Mai hatten serbische Soldaten das Dorf Glogova in der Nähe von Bratunac beschossen und teilweise niedergebrannt. Die Muslime wurden weggebracht.

Das Haager Jugoslawien-Tribunal bezeichnete dieses Verbrechen als Teil eines größeren Plans, Bosnien-Herzegowina zu teilen und "serbische Territorien" zu schaffen. In seinen schlaflosen Nächten, sagte Miroslav Deronjić, der damalige Präsident des Krisenstabs von Bratunac, später, frage er sich immer wieder dasselbe: "Wie war es möglich, dass wir uns das gegenseitig angetan haben?" Er habe keine Antwort gefunden, meinte er. "Doch eines weiß ich: Wenn die Wahrheit uns nicht retten kann, kann uns gar nichts retten."

Deronjić, früher Vizechef der Partei des ehemaligen Führers der bosnischen Serben, Radovan Karadžić ist einer der wenigen Personen aus Bratunac, der genau wissen will, was passiert ist und selbst geredet hat. In Bratunac schweigen die meisten, wenn es um den Krieg geht. Ganz in der Nähe der Stadt liegt Srebrenica, wo jedes Jahr im Juli an die Opfer des Genozids an den Bosniaken gedacht wird. In Bratunac wird wiederum jedes Jahr an die serbischen Opfer erinnert. Hier leben auch Tausende vertriebene Serben aus der Nähe von Sarajevo.

Auf dem Parkplatz stehen ein paar Kriegsveteranen herum. Einer zeigt Fotos von seinen Jagdtrophäen. Kaum jemand hat hier Arbeit. Seit vergangener Woche wissen die Leute hier aber, dass die Ereignisse in der Vuk-Karadžić-Schule 1992 Gegenstand eines Völkermord-Prozesses vor dem Haager Jugoslawien-Tribunal sein werden. "Das Tribunal führt sich mit dieser Anklage selbst ad absurdum", meint Aleksandar P. In Bratunac sei das kein großes Thema.

Konkret geht es darum, dass die Genozid-Anklage gegen Karadžić jenseits von Srebrenica nun doch wieder auf sieben weitere Gemeinden in Bosnien-Herzegowina ausgeweitet wurde. Die Berufungsinstanz wies die Argumente der ersten Instanz aus dem Vorjahr zurück, wonach nicht ausreichend Beweise für die Völkermord-Absicht in Bratunac, Foča, Ključ, Prijedor, Sanski Most, Vlasenica und Zvornik vorliegen würden.

Verletzend, nicht symbolisch

Dass das Tribunal diese Entscheidung am 11. Juli, also just jenem Tag, an dem in Srebrenica des Genozids an den Bosniaken gedacht wird, verkündete, sorgt auch für Kritik. Der Strafrechtsprofessor Goran Šimić findet das etwa "verletzend und gar nicht symbolisch". Insgesamt begrüßt er es allerdings, dass nun geklärt werden soll, ob jenseits von Srebrenica, auch in anderen Orten Bosniens-Herzegowinas ein Genozid stattgefunden hat oder nicht. Insbesondere gelte dies für die ethnischen Säuberungen 1992 in Prijedor, meint Šimić.

In der Essenz geht es laut Šimić bei dem Prozess auch darum, ob es sich um einen Völkermord gegen eine bestimmte ethnische Gruppe oder um einen "territorialen" Völkermord gehandelt hat. Die erweiterte Anklage gegen Karadžić umfasst nämlich neben Verbrechen gegen Bosniaken auch solche gegen Kroaten und bezieht sich abgesehen von Prijedor hauptsächlich auf Ostbosnien. Ein "territorialer Völkermord" würde bedeuten, dass es darum gegangen sei, alle Nicht-Serben aus Ostbosnien zu vertreiben oder zu töten, um ein Großserbien zu schaffen.(Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 18.7.2013)

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    Ein Bosniake bei einer Gedenkfeier in Kozarac, in der Nähe der Stadt Prijedor, wo zu Beginn des Bosnienkriegs 1992 viele hunderte Nichtserben vertrieben, gefoltert und getötet wurden. 

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