Dayli-Mitarbeiter versammeln sich

17. Juli 2013, 18:04
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Viele in der Belegschaft der tief in der Krise steckenden Handelskette entscheiden sich für den vorzeitigen Austritt

Wien - "Ich will in der Früh in den Spiegel sehen können. Das bin ich meinen Leuten schuldig." Gertrude Pronegg hat nicht gezögert, den Vorsitz des Dayli-Betriebsrates zu übernehmen. Seit 19 Jahren arbeitet sie im Drogeriehandel, erst für Schlecker, nun für Dayli. Es sei nie leicht gewesen, dennoch habe sie es gern getan und gedacht, hier in Pension zu gehen zu dürfen. Bis Freitag muss sie stattdessen die Schließung von 355 Läden begleiten, ist Anlaufstelle für Mitarbeiter und Sprachrohr nach außen.

Die Hoffnung, dass sich für die verbliebenen Standorte in letzter Minute noch ein Retter findet, hat sie so gut wie aufgegeben. "Ich sehe nicht mehr viel Licht. Es erdrückt die Leute, dass keine Ware da ist." Viele hätten schon unter Schlecker harte Zeiten durchgemacht, zitterten nun seit einem Jahr bei Dayli einem ungewissen Schicksal entgegen - um zu guter Letzt auch kein Gehalt mehr zu bekommen. Sie sei keine, die klage, "aber das ist nur noch Quälerei".

Betriebsversammlungen seit Dienstag

Seit Dienstag gehen bei der tief in der Krise steckenden Handelskette österreichweit Betriebsversammlungen über die Bühne. Gewerkschafter Michael Huber, der in Salzburg im Einsatz ist, berichtet von Teilnahmequoten von 90 Prozent der betroffenen Mitarbeiterinnen. Sie alle hätten sich für einen vorzeitigen Austritt aus dem Dienstverhältnis entschieden.

Und viele der Verkäuferinnen, deren Geschäft derzeit nicht auf der Schließungslist steht, würden gerne ebenso einen Schlussstrich ziehen, erzählt er. "Die Leute wollen nicht mehr. Sie sahen das Konzept schon vor Monaten scheitern, die Regale sind leer, viele haben mit Dayli abgeschlossen."

Auch Pronegg weiß von durchwegs vorzeitigen Austritten in der Steiermark. Mitarbeiter verlieren damit keinen Anspruch auf Abfertigung und Gehälter innerhalb der Kündigungsfrist. Sie können sich nach neuen Stellen umsehen, und bis zu drei Monate sind im Falle neuer Arbeitgeber auch Doppelbezüge möglich, resümiert Huber. Wer sich entscheidet zu bleiben, den kann Dayli in noch geöffneten Märkten einsetzen, eventuell als Springer in benachbarten Städten.

16 Kunden an einem Tag

Sie zählte in ihrer Filiale an einem ganzen Tag nur noch 16 Kunden, sagt Pronegg, "das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen." Konsumenten hätten sich bei den jüngsten Abverkäufen mit Drogeriesortiment eingedeckt, "sie warten jetzt verständlicherweise auf den nächsten". Und dieser sei absehbar. In Deutschland lockte Schlecker kurz vor seiner Schließung mit Rabatten von bis zu 90 Prozent.

Große Handelsketten wie Spar, DM, Bipa und Hofer geben sich offen für Dayli-Verkäuferinnen. Der Jobwechsel drohe aber vielfach an zu weit entfernten Standorten und fehlenden Fahrmöglichkeiten zu scheitern, sagt Pronegg. Dass einige auf den Bereich Pflege und Gesundheit umsatteln, kann sie sich durchaus vorstellen. "Viele wollen mit dem Verkauf nichts mehr zu tun haben." (Verena Kainrath, STANDARD; 17.7.2013)

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    Österreichweit finden bei Dayli Betriebsversammlungen statt. Frust und Resignation der Verkäuferinnen überwiegen.

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