Getrübte Freude in Serbien

17. Juli 2013, 17:54
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EU-Besuch überschattet von Gendarmerie-Skandal

Es hätte die Krönung der Regierung Serbiens vor der Sommerpause sein sollen: der Besuch von EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle am Mittwoch, den man in Belgrad auch als "informellen Beginn" der Beitrittverhandlungen mit der Union deutete.

Doch die Lobreden der hohen Delegation aus Brüssel wurden überschattet von der Ablösung des Chefs der serbischen Gendarmerie am Dienstag. Die Begründung des Polizeidirektorats: Bratislav Dikic trage als Kommandant die Verantwortung dafür, dass ein Mitglied dieser Eliteeinheit kürzlich zwei Männer in ein Auto gelockt, ihnen ins Genick geschossen und den Wagen in Brand gesetzt habe. Serbischen Medienberichten zufolge schuldete der Täter einem der Opfer 5000 Euro und wollte sie nicht bezahlen.

Doch statt sich dem Befehl der Vorgesetzten stillschweigend zu beugen, wandte sich Dikic an die Öffentlichkeit: "Jemanden scheint zu stören, dass ich mich in meiner altserbischen Umgangsweise in meinem und eurem Land Serbien als Serbe deklariere. Doch die Zeit wird kommen, dass sich auch das ändert", sagte der im Kosovokrieg kampferprobte Gendarm. Dikic ist Autor des umstrittenen Eidschwurs für Gendarmen, in dem der Kosovo dreizehnmal als untrennbarer Teil Serbiens erwähnt wird.

Einige Kommentatoren sahen in Dikics Worten eine Drohung. Sicherheitsexperten wiesen darauf hin, dass sich die Gendarmerie längst der Kontrolle der Staatsspitze entzogen habe und gründlich reformiert werden müsse.

Dikic selbst interpretierte seine Ablösung als politisch motiviert. Seit Jahresbeginn haben Medien immer wieder über kriminelle Taten der Gendarmeriespitze berichtet. Dikic und sein Bruder, selbst Sicherheitsoffizier in der Gendarmerie, wurden unter die Lupe genommen; Premier und Innenminister Ivica Dacic soll sie geschützt haben. Hinter den Kulissen tobte ein Machtkampf um die Kontrolle der Polizei.

Die Gendarmerie wurde im Juni 2001 gegründet, als die in den Jugoslawienkriegen berüchtigte Sondereinheit JSO aufgelöst wurde. Dadurch sollten die JSO-Mitglieder "pazifiziert" werden. Das Vorhaben ging schief: Einige Mitglieder der Eliteeinheit und ihr Chef Milorad Ulemek, genannt "Legija", töteten im März 2003 den serbischen Reformpremier Zoran Djindjic. Den nun abgelösten Dikic nannte man auch den "kleinen Legija". (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD, 18.7.2013)

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    EU-Kommissar Stefan Füle besuchte am Mittwoch Belgrad. Foto: EPA

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