Forscher finden mikroendemische Froschart in der "vergessenen Welt"

19. Juli 2013, 16:25
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Winziger südamerikanischer Frosch existiert nur in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet im Bergland von Guayana

Das Bergland von Guayana im nördlichen Südamerika zählt zu den unberührtesten Gegenden der Erde. Noch heute wirkt es wie die "Lost World", die der britische Schriftstellers Sir Arthur Conan Doyle in seinem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1912 beschrieb. Die Region beherbergt heute mehr als 25 Prozent des noch verbliebenen globalen Regenwaldbestandes und zählt somit neben Amazonien, dem Kongo und Papua-Neuguinea zu den vier weltweit bedeutendsten großflächigen Regenwaldgebieten. Bei Untersuchungen zu Ökotourismus und Artenschutz ist einem Wissenschaftlerteam in diesem Landstrich ein unscheinbarer Frosch aufgefallen - der sich schließlich als bisher unbekannte Art herausstellte.

Das Team des Senckenberg-Forschungsinstituts Dresden um die Biologen Raffael Ernst und Monique Hölting untersucht in seiner Studie, ob sich Amphibienschutz und Ökotourismus in den Wäldern Guyanas in Einklang bringen lassen. Ziel der Studie war es ursprünglich, die Populationen des Hoogmoeds Harlekinfrosch (Atelopus hoogmoedi) zu analysieren, um herauszufinden, ob diese (morphologisch) sehr variable Froschart durch die geplanten touristischen Aktivitäten beeinflusst werden könnte. Die Ergebnisse sollen mittelfristig in einem nachhaltigen Entwicklungsplan für das Gebiet münden, wobei Atelopus hier die Rolle einer so genannten "flagship species" zukommen soll, also einer Art, die stellvertretend für den Schutz des gesamten Gebietes steht.

Während der Feldarbeit zu diesem Projekt fiel den Forschern jedoch ein nur daumennagelgroßer, brauner Frosch auf, den sie keiner bekannten Art zuordnen konnten. Wie sich herausstellte, handelte es sich tatsächlich um eine bis dato unbeschriebene Pfeilgiftfroschart, die nun gemeinsam von Dresdner und belgischen Wissenschaftern erstmals beschrieben werden konnte.

Mikroendemische Arten besonders gefährdet

So unscheinbar das Fröschchen erscheint, so einzigartig ist es. Bisher sind lediglich drei Arten der Gattung Allobates aus Guyana bekannt – eine davon, der Kuckucksfrosch Allobates spumaponens Kok & Ernst 2007, wurde vom selben Team bereits im Jahre 2007 neu beschrieben. Außerdem ist der jetzt entdeckte kleine Frosch die dritte bekannte mikroendemische, also nur in dem sehr kleinen Gebiet vorkommende Art der Iwokrama Mountains. Bisher waren nur ein Gecko und eine Blindwühle, ein beinloses Amphib, mit ähnlich eingegrenzter Verbreitung von dort bekannt.

Mikroendemiten gelten aufgrund ihres kleinen Verbreitungsgebiets und dementsprechend oft auch geringen Gesamtbestandes als besonders gefährdet durch Lebensraumveränderungen und Störungen. Es ist daher fraglich, ob die Nutzung des Gebietes als ökotouristisches Reiseziel nicht langfristig zum Verlust einer Art führen kann, die gerade erst neu entdeckt und damit der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich gemacht wurde. Um auf diesen Umstand hinzuweisen, haben die Forscher dem kleinen Lurch den bezeichnenden Namen Allobates amissibilis (lat. der verloren gehen könnte) gegeben. Aber es bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt auch aufgrund der Forschungsarbeiten des Dresdner Teams noch nicht alles verloren ist für die vergessene Welt im Norden Südamerikas.

Guianaschild am Scheideweg

Auch aufgrund der hohen Anzahl endemischer Arten ist die Region eines der wichtigsten Zentren biologischer Vielfalt in den Neuwelttropen. Entgegen dem globalen Trend lagen die Entwaldungsraten in diesem Gebiet in der Vergangenheit weit unter denen vergleichbarer tropischer Regionen. In Folge rasanter wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen nimmt jedoch auch hier der Druck auf die bisher noch verhältnismäßig intakten Waldökosysteme zu. Die Region steht inzwischen an einem Scheideweg, an dem kritische Entscheidungen über die Vereinbarkeit von Nutzung und Schutz, bzw. Erhalt der verbleibenden Wälder und somit beträchtlicher Teile der Biodiversität dieser Region getroffen werden müssen. (red, derStandard.at, 19.7.2013)

  • Mikroendemische Spezies wie die neu entdeckte Froschart Allobates amissibilis sind besonders vom Aussterben bedroht, da ihr Vorkommen sich auf ein äußerst kleines Gebiet beschränkt.
    foto: m.hölting & r.ernst / senckenberg

    Mikroendemische Spezies wie die neu entdeckte Froschart Allobates amissibilis sind besonders vom Aussterben bedroht, da ihr Vorkommen sich auf ein äußerst kleines Gebiet beschränkt.

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