Das ist nicht mein Papa

21. Juli 2013, 17:00
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"Mama", fragt das Kind, "hat dich das früher auch so genervt?" Da musste ich mich erst erinnern, wie das so war, als ich selbst Kind war und später jugendlich. Ich war also gefragt, nicht als Mama oder Erziehungspersonal, sondern gewissermaßen als Leidensgenossin, als Patchwork-Kind a. D., das ich früher einmal war, aber streng genommen immer noch bin.

Ich dachte also nach und musste zugeben: Ja, das hat mich auch genervt! Sehr sogar, obwohl es keine große Sache war. Gehäuft aufgetreten sind solche nervenden Situationen immer in Ferienzeiten. Dann, wenn Kindergruppen in neuen Konstellationen aufeinandertreffen, was in neun Wochen Sommerferien schon einmal vorkommen kann, siehe Hotelaufenthalte, Campingurlaube, Strandbesuche, Ferienkurse et cetera.

Diese neuen Kinderfreunde, die über genauere Familienkonstellationen noch nicht Bescheid wissen, sagen gerne und unbedarft Sätze wie zum Beispiel: Kommen deine Eltern auch mit zum Essen? Sollen wir deinem Papa ein Eis mitbringen? Oder: Sind das die Flipflops deiner Mama? Harmlose Sätze, die sich trotzdem anfühlen wie kleine Stiche, auch in einem sehr harmonischen Patchwork-Urlaub.

Daran erinnere ich mich also und an meine Genervtheit und Unsicherheit damals, weil ich nicht schon wieder etwas erklären wollte: "Du, ich weiß, du meinst das nicht böse, aber das ist nicht mein Papa, das ist der Freund meiner Mama" oder "Das ist nicht meine Mama, das ist die neue Frau meines Papas."

Reden hilft, wie in den meisten Situationen des Lebens, aber manchmal habe ich auch einfach nichts mehr gesagt und nur gedacht: egal. Angenehm war es nicht. Irgendwann, später, nimmt man dann alles nicht mehr so tragisch, wird gelassener, man könnte auch sagen: Man hat sich daran gewöhnt. Plötzlich tauchten Situationen ganz anderer Art auf, daran erinnere ich mich jetzt auch wieder.

Als Teenager war ich öfter mit meinem Vater auf Reisen. In der Lobby eines Hotel in Südengland hat sich irgendwann ein Mann sehr höflich, wie die Briten nun einmal sind, an meinen Vater gewandt, um ihn zu fragen, ich übersetze jetzt, "ob es seine Frau stören würde, wenn er Pfeife rauchte". Während mein Pubertäts-Hirn noch langsam übersetzte, hörte ich, wie sich mein Vater kurz räusperte und dann sagte: "No, not at all." Sonst sagte er nichts. Ich hingegen wollte laut rufen: "Das ist mein Papa!" Gleichzeitig dachte ich nur: Oh, wie peinlich! Und sagte nichts. (Mia Eidlhuber, derStandard.at, 21.7.2013)

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