Warum Totalüberwachung zu Oberflächlichkeit führt

Leserkommentar17. Juli 2013, 16:50
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Über fehlende Vorsicht in Sachen Datenschutz

Angesichts der Ereignisse um den Abhörskandal der USA haben sich schnell zwei entgegengesetzte Meinungen gebildet. Die eine ist: "Wie kann es rechtens sein, daß die NSA, eine US-amerikanische Geheimorganisation, die mit Spionage beauftragt ist und unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit kaum irgendeiner demokratischen Kontrolle unterliegt, flächendeckend Daten von Menschen weltweit, und nicht nur innerhalb der USA, sammelt und auswertet? Das hat sich unverzügluch aufzuhören, wir müssen etwas dagegen tun, und sei es nur symbolisch, indem wir dem Aufdecker dieser Affäre, Edward Snowden, Asyl gewähren!".

Das andere Lager sieht das hingegen etwas entspannter, wenn auch vielleicht undifferenzierter: "Na klar überwachen sie uns, sie tun das damit sie Terroristen aufspüren. Das verstehen wir, und uns ist das auch recht, wir haben ja nichts zu verbergen. Diejenigen, die Leichen im Keller haben, die gehören doch sowieso aufgestöbert und ausgeforscht. Darüberhinaus, was technisch möglich ist, das wird selbstverständlich auch gemacht, das sollte niemanden überraschen."

Was technisch möglich ist, das wird gemacht

Es ist technisch möglich, Menschen auf bloßen Verdacht hin und ohne jedwede juristische Rechtfertigung mittels ferngesteuerter Drohnen zu töten, wobei Kollataralschäden, welche auch Kinder, die mit ziemlicher Sicherheit keine Terroristen sind einschließt, als "notwendig" toleriert werden. Es ist technisch möglich, Menschen zu enführen und in einem Gefangenenlager außerhalb der USA auf Ewigkeit und unter schwersten Bedingungen einzusperren. Es ist technisch möglich, in einen souveränen Staat einzufallen und diesen zu besetzen, weil es den Interessen einer selbsternannten Großmacht dient.

Es ist dabei technisch gesehen egal, wieviele Menschen umkommen oder ihre Lebensgrundlage verlieren. Und die technischen Möglichkeiten, wenn es zum Beispiel um Folter geht, sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft, vielleicht ist das einer der wenigen zukunftsträchtigen Wirtschaftszweige der USA? Wenn etwas technisch möglich ist, ist dann damit automatisch jedes Recht, national oder international, außer Kraft gesetzt? Gelten Gesetze nur mehr für diejenigen, die ohnehin machtlos sind? Nein.

Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn es sich um elektronische Daten handelt. Was Mein ist, das muss auch Mein bleiben. Außer ich treffe die bewusste Entscheidung, Daten an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Womit wir beim nächsten Punkt wären: soziale Medien. Oder noch allgemeiner: Medien in welcher Form auch immer. Natürlich sind Inhalte, die von Personen aus freien Stücken am Internet veröffentlicht warden, jedem zugänglich, und der Verfasser verliert jedwede Kontrolle darüber was mit dem Eintrag auf Twitter, Facebook, Linkedin etc. in weiterer Folge geschieht.

Im Gegenteil, seine Meinung in diversen elektronischen Medien kundzutun hat genau den Zweck, Diskussionen anzuregen, wofür etwa das Forum von derStandard.at ein hervorragendes Beispiel darstellt. Zwecks Vollständigkeit soll auch nocht erwähnt sein, daß dies in weiterem Sinne auch auf Inhalte der Unterhaltungsindustrie zutrifft: Ist etwas einmal freiwillig vom Urheber veröffentlicht, dann wird es seinen Weg um die Welt finden.

Im Gegensatz dazu gibt es Daten, die persönlich sind und ausschließlich privaten Zwecken dienen. Was früher einmal, wenn überhaupt, auf Papier festgehalten wurde, konnte damit recht einfach unter Verschluß gehalten werden. Heute, hingegen, wird praktisch alles in unserem Leben elektronisch registriert, aufgezeichnet, und gespeichert: mit wem wir telefonieren, wo wir uns dabei befinden, von welchem Telefon wir aus anrufen; welche Einkäufe wir tätigen, am Internet oder mit Bankomatkarte, was beim Billa auf unserer Rechnung steht; ob und wann wir ärztliche Betreuung in Anspruch nehmen, welche Medikamente wir verschrieben bekommen, welche Krankheiten oder Unzulänglichkeiten uns plagen.

Und so weiter, und so weiter: die Liste kann beliebig lang fortgesetzt werden. Wollen wir tatsächlich erlauben, daß der Geheimdienst einer fremden Macht Zugriff auf alle unsere persönlichen Daten, die nur unserem eigenen Wohl dienen sollen, erlangt und damit machen kann was er will? Ohne Kontrolle darüber was damit geschieht?

Öffentliche Hämorrhoiden

Auch wenn viele der Details die unser Leben ausmachen weder illegal noch "Leichen im Keller" sind, wollen wir tatsächlich, dass jeder darin Einsicht nehmen kann? Ist das Konzept der "Privatheit" bereits Teil der Geschichte? Kaum jemand hat nichts, was er eher nicht an die große Glocke gehängt sehen will: der eine hat Hämorrhoiden, der andere leidet unter Depressionen; manche haben Erektionsstörungen, wohingegen andere Affären mit der Nachbarin oder dem Au Pair Mädchen haben. Dabei macht uns gerade letzteres, der vielleicht privateste Aspekt unseres Seins, unser Sexualleben und -verhalten, zur leichten Zielscheibe für Datenschnüffler, vor allem, wenn wir jemals vorhaben sollten, ein politisch relevantes Amt auszuüben.

Gefahr der Interpretation

Der NSA und der amerikanischen Regierung stehen all diese Informationen zur Verfügung, zumindest im Prinzip. Das Fatale daran ist aber nicht, dass uns diese Dinge einfach nur "peinlich" wären – das wären sie ganz bestimmt, aber die Folgen sind viel weitreichender. Daten sind einfach nur was sie sind, nämlich Daten. Die Gefahr liegt in der Interpretation. Vor allem wenn Schlüsse gezogen werden und Urteile über uns gefällt warden, zu denen wir uns nicht einmal äußern dürfen. Automatisierte Systeme, welche zur großräumigen Analyse notwendig sind, besitzen die starke Tendenz genau jene Verdachtsmomente zu finden nach denen man sucht, und jede alternative Erklärung ausser Acht zu lassen.

Gefährliche Abweichungen von der Norm

Etwas überspitzt formuliert wird so leicht jeder Arabisch-Student zum radikalen Islamisten, jeder 3D-Druckertechnologieinteressierte zum Flugzeugentführer, und wer weiß, jeder Fußballfan mit Haarausfall zum rechtsradikalen Skinhead. Damit ist die Angelegenheit aber noch lange nicht zu Ende: automatische Analyse nimmt die Daten verbatim und so wie sie sind und normalisiert sie über die Allgemeinheit. Jede Abnormalität scheint auf, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass jeder von uns ein Individuum ist, das eben nicht zu hundert Prozent der "Norm" entspricht.

Hier bleiben weder Platz für Äußerungen oder Handlungsweisen die wir vielleicht "nicht ganz ernst gemeint haben", wie etwas das Posting oder der Einkauf am Web letzte Nacht nach ein paar Gläsern zuviel, noch für jede Art von Humor, wobei bei letzterem insbesondere selbstrkritische Witze hohes Gefahrenpotential beherbergen. Alles zusammengenommen machen sich die Datendiebe ein Bild von uns, welches im besten Falle eine schräge Karrikatur unserer "abnormalen" Oberfläche darstellt.

Und bewahre, sollte dieses Bild, das von jedem von uns angefertigt wird, an dritte weitergegeben werden, etwa an bestehende oder potentielle Arbeitgeber, Einwanderungs- und Asylbehörden, oder wem auch immer: der Phantasie mit der hier Albträume gemalt werden können sind kaum Grenzen gesetzt.

Unverzichtbare Anonymität

Ein gewisses Maß an Anonymität, und die damit einhergehende Erhaltung der Integrität privater Umstände, ist unverzichtbar, da es Menschen dazu bringt einander auf persönlicher Ebene zu begegnen, womit das Individuum selbst in den Mittelpunkt gestellt wird. Wenn aber gemacht werden wird, was technisch möglich ist, dann ist es genau diese daraus resultierende elektronische Oberflächlichkeit, die jeden einzelnen Menschen zwangsweise und ungefragt auf vielleicht ein paar millionen durchstöberbare digitale bits und bytes reduziert, vor der wir uns am meisten in Acht nehmen sollten.

Ist das hier beschrieben Szenario übertrieben? Möglicherweise, aber sind wir uns dessen wirklich sicher? Sollen wir der amerikanischen Regierung tatsächlich und willentlich freien Lauf lassen und darauf vertrauen, daß sie um unser Wohl bemüht sind, nach dem Motto: "Na wird schon nix schlimmes passieren"?

Wir, die nicht einmal mitbestimmen dürfen, wer, jetzt und in Zukunft, im weißen Haus unsere E-Mails mitlesen läßt? Oder ist es doch ratsam, Vorsichtsmaßnahmen treffen, bevor der große "Unfall" kommt? Als mein Sohn fünf Jahre alt war, reparierte ich einmal die Bremsen an seinem Fahrrad. Als ich ihn bat, diese auszuprobieren ob sie auch funktionieren, nahm er einen gewaltigen Anlauf in Richtung Hausmauer, legte eine Zielbremsung hin, und kam ganz knapp davor zum Stillstand.

Mein Herz blieb ziemlich im gleichen Moment stehen: da wurde mir klar daß ich ihm das Prinzip des "sicheren Testens, mit der Annahme daß etwas schiefgehen wird, wenn es kann", nicht ausreichend erklärt hatte, da ich annahm, daß das für jeden selbstverständlich wäre. Was für ein Fehler! Damals ist alles gut gegangen. Im Falle der NSA, die jetzt von unseren persönlichen Daten gebrauch machen, sollten wir zuerst erwachsen werden, und dann größtmögliche Sorgfalt walten lassen, damit wir nicht alle sehenden Auges und ohne Bremsen in die Mauer rasen. (Manfred Grabherr, Leserkommentar, derStandard.at, 17.7.2013)

Manfred Grabherr (46) ist Senior Scientist/Group Leader in Computational Biology and Evolutionary Bioinformatics am Institut für medizinische Biochemie und Mikrobiologie der Universität Uppsala. 

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