Von Gott verlassen, vom König gehetzt

17. Juli 2013, 17:29
10 Postings

Das Genre des historischen Romans hat durch die Booker-Preisträgerin Hilary Mantel seine glanzvolle Rehabilitierung erfahren

In "Falken" ( "Bring up the Bodies "), dem zweiten Teil einer Trilogie, ersteht das England des 16. Jahrhunderts neu vor Augen.

Wien - Offiziell bekleidet Thomas Cromwell (1485-1540), Sohn eines Londoner Hufschmieds, das Amt des königlichen Sekretärs. Sein "Master" ist Henry Tudor. Der Herrscher vertraut dem Juristen, denn Cromwell leistet ihm unschätzbare Dienste. Heinrich VIII. hat gerade die erste Frau gegen eine zweite, erotisch fügsamere ausgetauscht. Ganz Europa zürnt dem Monarchen.

Henry erkennt die geistliche Oberhoheit des Papstes nicht mehr an. Die Gründe hierfür sind schnöde. Seine erste Gemahlin hat ihm keinen Stammhalter geschenkt. Die zweite, Anne Boleyn, bemüht sich nach Kräften, doch auch sie bringt "nur" eine Tochter zur Welt. Immerhin sollte später aus Elisabeth die berühmte "jungfräuliche Königin" werden.

Von Cromwell kennt man die Daten seines Lebens. Ein Porträt von Hans Holbein zeigt einen glattrasierten Mann mit Doppelkinn, dessen finstere Augen an Selbstbeherrschung denken lassen. "Cremuel", wie ihn die Höflinge nennen, ist das Hirn seines Herrschers. Leider Gottes gleicht die Regentschaft Heinrichs einer hormonellen Achterbahnfahrt.

Auch wenn England im 16. Jahrhundert ein Parlament besaß: Der Roman Falken der Booker-Preisträgerin Hilary Mantel erzählt von den Zerreißproben des Absolutismus. Heinrichs Liebesleben zeitigt Auswirkungen auf das ganze Königreich. Der "Körper des Königs" ist kein physisches Gebilde. Sein Leib mag physisch sein, sein wahrer Körper gehört in die Sphäre der Politik.

Wer Witze auf Kosten der königlichen Manneskraft reißt, vergeht sich nicht allein am guten Geschmack. Der Witzbold wird zum Hochverräter. Eine ganze Generation junger Höflinge, die Anne Boleyn leichtsinnig umschmeicheln, fällt dem Henker zum Opfer. "Crumb", wie man den Sekretär bei Hofe nennt, sammelt die Beweise der Anklage. Er bildet auf des Königs Geheiß "Anwalt, Gericht und Henker" in einer Person.

Falken ist der zweite Band einer auf drei Romane angelegten Reihe. Hilary Mantel betreibt nicht nur die Ehrenrettung des Thomas Cromwell. Sie rekonstruiert das Subjekt einer absolut zeitgemäßen Figur. In diesem kaltschnäuzigen Mann sammelt sich das unglückliche Bewusstsein einer Moderne, die sich bereits mit Recht als von Gott verlassen fühlt.

Cromwell, dessen Urgroßneffe Oliver einen anderen König auf das Schafott bringen wird, würde sich keinesfalls als Held einer Fernsehserie eignen. Mit Kaltherzigkeit und Umsicht begeht er ungeheuerliche Verbrechen. Dieser Mann aus dem Volk beherzigt eine einzige Maxime: Du sollst dir keine Illusionen machen.

Tränen eines Herrschers

Er sieht sich folgerichtig als Werkzeug einer höheren Macht. Noch gelten die Regeln des Hochmittelalters. Erlösung wird dem Sünder einzig durch den Opfertod Christi zuteil. Die Erinnerung an Frau und Töchter, die am "Englischen Fieber" gestorben sind, verblasst allmählich. Im Verborgenen wird Cromwell die wichtigste Erkenntnis zuteil: Als letzter Gesellschafter sitzt dem Menschen das Nichts gegenüber. Dunkel empfindet der spätere Earl von Essex, dass es bald Zeit werden könnte zu gehen. Der reale Thomas Cromwell wurde 1540 hingerichtet. Sein Despot Henry weinte ihm später bittere Tränen nach.

In Hilary Mantels klugen, mit feiner Ökonomie geschriebenen Büchern feiert ein verpöntes Genre seine Wiederauferstehung. Der historische Roman bildete einst für Lion Feuchtwanger oder Heinrich Mann eine Hohlspiegelform. In ihr blieb das Zeitgeschehen gerade noch erkennbar.

Mantels Anspruch ist ein nicht unbedingt geringerer. Man bekommt das England Heinrichs VIII. wie eine exotische Speise vorgesetzt. London tönt und rumort in den 1530er-Jahren. Das Martyrium der als Hure verunglimpften Anne Boleyn bildet den Hauptgang. Mantels kluger Blick aber ist auf hunderterlei Details gerichtet. Ob die Königin einen Giebelhut trägt oder eine Haube mit Bändeln, ob sie das herabfließende Haar zu einem Knoten dreht, ehe der Henker ihr das Haupt mit einem Schwertstreich vom Rumpf trennt - aus solchen Zutaten wird beiläufig große Literatur gemacht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 18.7.2013)

Hilary Mantel: "Falken". Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, DuMont 2013

  • In seinem Namen rollen die Köpfe von Königinnen in den Staub: Heinrich VIII. (1491-1547), der sich während seiner Regentschaft sechsmal verehelichte. Thomas Cromwell diente ihm als Sekretär und Minister. Das Porträt stammt von Holbein dem Jüngeren.
    foto: wikimedia commons

    In seinem Namen rollen die Köpfe von Königinnen in den Staub: Heinrich VIII. (1491-1547), der sich während seiner Regentschaft sechsmal verehelichte. Thomas Cromwell diente ihm als Sekretär und Minister. Das Porträt stammt von Holbein dem Jüngeren.

  • Hilary Mantel veröffentlichte mit "Falken" ihren zweiten Thomas-Cromwell-Roman.
    foto: ap/alastair grant

    Hilary Mantel veröffentlichte mit "Falken" ihren zweiten Thomas-Cromwell-Roman.

Share if you care.