Wo Netrebko ein Steak ist

18. Juli 2013, 17:00
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Wer es auf die Speisekarte des Triangel schafft, darf sich geadelt fühlen. Denn diese Ehre lässt Wirt Franz Gensbichler nicht jedem Künstler der Salzburger Festspiele angedeihen. Von Thomas Rottenberg

Beschwert hat sich noch keiner. Das ist Franz Gensbichler wichtig. Schließlich macht es einen großen Unterschied, ob in einem Lokal der Schmäh rennt – oder ob jemand vorgeführt wird. Und dass Markus Werba, Salzburgs Papageno von 2012, Haussulz mit Essig, Öl und Zwiebel überhaupt nicht mag, wusste Gensbichler ganz genau. Trotzdem benannte er just diese Speise nach dem Sänger: "Zufleiß!", betont Gensbichler – und aus seinen Augen blitzt der Schalk: Ein guter Wirt kennt seine Pappenheimer – und wenn Gensbichler nicht genau wüsste, dass Werba über so einen Streich herzlich lachen kann, "hätte ich das natürlich nie gemacht".

Wozu auch? Schließlich sind in Salzburg zur Festspielzeit weit mehr Künstler zugegen, als sich Speisen auf der Karte des Triangel finden. Außerdem: Dass der Wirt während der Festspiele Gerichte nach Stars und Sternchen der Festspiele benamst, hat mittlerweile nicht nur Tradition – es gilt als Ehre, zur Schirmherrin des Schnitzels oder zum Paten des Kaiserschmarrens erhoben zu werden. Feuilleton und Klatschreporter mögen Künstler auch hochleben lassen oder verreißen – der wahre Adelsschlag findet in Salzburg anderswo statt: auf Gensbichlers Speisekarte.

Die Idee, Speisen Künstlern zuzuteilen, feiert heuer ihren zwölften Geburtstag. Und der 45-jährige Wirt im angeblich ältesten Haus im Salzburger Festspielbezirk braucht nicht extra zu betonen, dass er das Netrebko-Steak ("New York Steak vom Bio-Rind mit Steak-Pommes") oder den Ben-Becker-Salat ("Sommerlicher Salat mit gebratenem Kalb") nicht aus PR-Gründen auf die Karte setzte: Das Triangel braucht derlei nicht.

Zum einen, weil die Lage – gegenüber dem Festspielhaus – es ohnehin in den Fokus der echten wie der Wannabe-Kulturklientel stellt. Zum anderen, weil das Gasthaus mit den – für Salzburg im Allgemeinen und seine Lage im Besonderen – erstaunlich zivilen Preisen eine Institution ist. Nicht zuletzt, weil der aus dem Lungau stammende Wirt das, was heute zu den Standard-Gastro-Trend-Vokabeln gehört ("regional, nachhaltig, biologisch, fair etc. ..."), schon als Geschäftsphilosophie lebte, als die Kollegen noch ans Maggiflascherl glaubten: Das tägliche Studentenpreis-Mittagsmenu ist für Gensbichler ebenso selbstverständlich wie das Nichtverrechnen von Leitungswasser. Gute Gäste, weiß der Wirt, wissen derlei zu schätzen.

Obwohl die Erhebung auf die Triangel-Karte ohnehin niemanden zum "besseren" Gast machen soll: "Es liegt am Wirt, eine familiäre Stimmung zu schaffen. Dass alle auf Augenhöhe miteinander kommunizieren: Die, die auf der höchsten Wolke hereinfliegen, muss ich freundlich erden. Und jenen, die am Boden sind, einen sicheren Hafen bieten." Sein Haus sei wohl auch deshalb für viele Teilzeit- und Kunstsalzburger erste Anlaufstelle: "Man kommt nach Hause." Nachsatz: "Im Optimalfall." Und das eben schon zur Probenzeit: Gensbichlers bis zu 35 Mitarbeiter schauen genau, wer da was bestellt. Peter Simonischek hatte im Vorjahr ein Faible für Nudeln mit Sommertrüffeln. Nicholas Ofczarek stand der Sinn nach Fischsuppe. Der Pole Piotr Beczala schätzte ungarisches Biorindsgulasch. Und so weiter.

"Weil die so süß sind"

Anderen wurden die Speisen nach Wirtsgutdünken zugeteilt: Netrebkos Mann, Erwin Schrott, und dem gemeinsamen Sohn Tiago widmete er "Süße Variationen". Eben "weil die so süß sind". Jeder wäre hier gern Leberknödelsuppe oder Beiriedschnitte und Co. Julia Novikowa etwa. Gensbichler tat ihr den Gefallen: Das "Carpaccio von Bio-Rind mit gehobeltem Parmesan" war 2012 nach der Sopranistin benannt. Die Karte für diese Festspielsaison, bedauert Gensbichler, könne er jetzt noch nicht vorlegen: "Das entscheiden wir kurzfristig. Es soll eine Überraschung sein." Und während in Salzburg die Frage nach Geld und Namen immer Thema ist, klopfte bei ihm noch kein PR- und Marketingmensch je mit ­Gagenideen für Starnamen an: "Vielleicht spüren die Leute ja, dass es im Leben um ganz andere Dinge geht. Wenn das rüberkommt, wäre ich glücklich." (Thomas Rottenberg, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Restaurant Triangel

  • Seit zwölf Jahren werden Speisen nach Künstlern der Salzburger Festspiele benannt.
  • befindet sich im angeblich ältesten Haus im Festspielbezirk
  • 45 Jahre: Alter des Gastwirten Franz Gensbichler
  • rund 35: Anzahl der Mitarbeiter
  • seit Juli 2013: auch am Sonntag geöffnet 

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Franz ­Gensbichler ist Wirt des Triangel, gegenüber dem Festspielhaus: "Es liegt am Wirt, eine familiäre Stimmung zu schaffen."
    foto: lisi specht

    Franz ­Gensbichler ist Wirt des Triangel, gegenüber dem Festspielhaus: "Es liegt am Wirt, eine familiäre Stimmung zu schaffen."

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