Fährtenleser verblüffen Archäologen: Steinzeit-Spuren bislang missinterpretiert

17. Juli 2013, 15:44
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Namibische San analysierten 17.000 Jahre alte Fußspuren - und machten so manche Spekulation zunichte

Köln - Es war ein ganz neuer archäologischer Denkansatz, und er hat bereits Früchte getragen: Deutsche Archäologen engagierten namibische San, die als Jäger und Sammler Experten im Spurenlesen sind (wir berichteten). Sie sollten die 17.000 Jahre alten Spuren von Eiszeitmenschen in südfranzösischen Höhlen begutachten und darlegen, unter welchen Umständen diese Spuren ihrer Ansicht nach zustande gekommen waren. Ihren Bericht fasste der Forscher Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann nun mit dem Satz zusammen: "Die Geschichte der einzelnen Höhlen muss umgeschrieben werden."

Insgesamt wurden stichprobenartig etwa 500 Fußabdrücke in mehreren Pyrenäen-Höhlen begutachtet. Erste Erkenntnisse präsentierte das Forscherteam bereits direkt nach der Rückkehr der San: So sprachen die Fußspuren in der Höhle von Niaux nicht wie bisher angenommen für eine gebückte Haltung, obwohl die Höhle eine niedrige Decke hat. Die San fanden heraus, dass ein etwa zwölfjähriges Mädchen dort aufrecht gegangen sein muss. Bisher gingen Forscher davon aus, dass zwei Kinder die Spuren hinterlassen hatten.

Doch keine Schuhe getragen ...

Ein Fußabdruck in der Höhle von Fontanet galt bisher als der einzige Abdruck aus der Eiszeit von einem beschuhten Fuß. Die San-Jäger kamen zu einem anderen Schluss: Auch dieser Abdruck stamme von einem barfußgehenden Menschen - sie erkannten Zehenabdrücke. Aus bisher noch nicht wissenschaftlich bearbeiteten Fußabdrücken in der Höhle lasen die namibischen Experten, dass sie von rund 16 Menschen im Alter von drei bis 60 Jahren stammen.

Die Untersuchung der Hand- und Fußspuren in den Bilderhöhlen war in der Erforschung der eiszeitlichen Kunst bisher immer nur ein Randthema. Die Erkenntnisse der San müssten bei zukünftigen Forschungsarbeiten berücksichtigt werden, sagte Pastoors. "Wir haben als westliche Wissenschaftler nicht die Fähigkeit, das so zu lesen."

... und auch nicht rituell getanzt

In den 1920er Jahren fingen Archäologen zwar an, Alter, Größe und Geschlecht der Menschen durch die Vermessung der Spuren zu entschlüsseln. Zumeist wurden die Abdrücke aber mit rituellen Handlungen in Verbindung gebracht. Diese Spekulationen widerlegten die San: In der Höhle von Tuc d'Audoubert lasen sie aus den Fußspuren, dass ein etwa 38-Jähriger Erwachsener mit einem etwa 14-jährigen Kind dort Lehm abgetragen hatte. Bisher hatten Forscher von den Spuren auf einen rituellen Tanz mehrerer Jugendlicher geschlossen.

Das Projekt wird unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Die Leitung haben die auf Höhlenmalerei spezialisierten Wissenschafter Pastoors und Tilman Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika der Universität Köln.

Anhand der jetzt analysierten Fußspuren auf die Bedeutung der Höhlenmalereien zu schließen, sei allerdings nicht möglich, sagte Lenssen-Erz. Den Archäologen sei es um die Tätigkeiten der prähistorischen Menschen in den Höhlen gegangen. (APA/red, derStandard.at, 17. 7. 2013)

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