Costa-Concordia-Prozess: Unglückskapitän Schettino will Vergleich

17. Juli 2013, 18:43
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Verteidigung schlägt dreieinhalb Jahre Haft vor - 700 Zeugen sollen befragt werden

Es ist einer der größten Prozesse der italienischen Rechtsgeschichte, der am Mittwoch im 1500 Plätze umfassenden Teatro Moderno in Grosseto begonnen hat. Die Zahl der Geschädigten beläuft sich auf 4228 Einzelpersonen und 31 Firmen, 700 Zeugen und 242 Nebenkläger mit insgesamt 62 Anwälten sind zugelassen. Eineinhalb Jahre nach dem Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der Insel Giglio muss sich der Hauptangeklagte, Kapitän Francesco Schettino, wegen fahrlässiger Tötung in 32 Fällen, wegen Körperverletzung, Havarie und Verlassen seines Schiffs verantworten. Dem 52-Jährigen drohen bis zu zwanzig Jahre Haft. Fraglich, ob das Urteil noch in diesem Jahr erfolgen kann.

Über Monate werden Richter, Anwälte und Zivilkläger in der toskanischen Provinzhauptstadt mit einem Auge auf ein Parallelverfahren schielen, das am 23. Juli jenseits des Ozeans vor dem kalifornischen Bundesgericht beginnt und bei dem 300 Passagiere der Costa Concordia von der US-Muttergesellschaft Carnival Schadenersatzforderungen in einer Höhe erheben, die nach europäischen Rechtsordnungen unrealistisch scheinen. Die Staatsanwaltschaft von Grosseto ermittelt in einem getrennten Verfahren gegen fünf Mitglieder des Costa-Verwaltungsrats - drei davon sind Carnival-Manager.

Ermittlungen gegen Costa für eine Million eingestellt

Die italienische Reederei kann im Schettino-Verfahren strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Wie DER STANDARD berichtete, hat sich Costa Crociere vor wenigen Monaten mit der Justiz auf einen Vergleich geeinigt. Gegen Bezahlung der höchstmöglichen Strafsumme von einer Million Euro wurden alle Ermittlungen gegen das in Genua ansässige Unternehmen eingestellt.

Zu Beginn des Verfahrens am Mittwoch warteten Schettinos Verteidiger ebenfalls mit dem Vorschlag eines gerichtlichen Vergleichs auf: drei Jahre und fünf Monate Haft für den Unglückskapitän, der seine Schuld eingesteht und dafür Strafmilderung erhält. Anwalt Domenich Laino, der bereits mit einem ähnlichen Antrag gescheitert war: "Wir versuchen es jetzt erneut. Aber wir wissen, dass die Richter den Antrag auch diesmal abweisen werden".

Auch die fünf Mitangeklagten haben sich bereits im Vorfeld des Gerichtsverfahrens auf einen Vergleich verständigt. Am Samstag soll Untersuchungsrichter Pietro Monilo die Entscheidung über die Anträge von zwei Concordia-Offizieren, einem indonesischen Steuermann, einem Hoteldirektor und dem Chef des Krisenstabs der Reederei, Roberto Ferrarini, verkünden. Alle fünf scheiden aus dem Verfahren aus.

Reederei als Geschädigte und Klägerin

Längere Wortgefechte gab es zum Prozessauftakt über die Rolle der Reederei Costa, die in Grosseto sowohl als Geschädigte als auch als Klägerin gegen Schettino auftritt - eine Doppelrolle, die die Anwälte der Nebenkläger nicht hinnehmen wollen. Es handle sich um einen "unzulässigen Interessenkonflikt", so die Anwältin Michelina Soriano. Der Schaden sei bereits von den Versicherungen vergütet worden und könne nicht neu eingeklagt werden.

Die Aufmerksamkeit der Medien galt vor allem der Moldauerin Domnica C., die als Geliebte Schettinos galt und sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Kommandobrücke aufhielt. Sie will sich dem Verfahren nun als Nebenklägerin anschließen, nimmt den Kapitän aber weiterhin gegen den Vorwurf in Schutz, das Unglück verursacht zu haben. C. sei Opfer infamer Unterstellungen und Verleumdungen, erklärte ihr Verteidiger Gianluca Madonna. Das Verfahren wird heute, Donnerstag, fortgesetzt. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 18.7.2013)

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    Auf der Costa Concordia starben 32 Menschen. Kapitän Francesco Schettino muss sich nun vor Gericht verantworten.

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    Seine Anwälte wollen eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren für ihren Mandanten.

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    Das Urteil liegt bei den Richtern Marco Mezzalona, Giovanni Puliatti, Sergio Compagnucci (von links nach rechts).

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    Das Wrack der Costa Concordia konnte noch immer nicht geborgen werden. Das Foto entstand am Montag.

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