Post will am Lebensmittel-Onlinehandel mitnaschen

17. Juli 2013, 14:08
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Die deutsche Post liefert in Zukunft auch Wurst, Milch und Käse. Der Online-Lebensmittelhandel wächst, die Ansprüche sind hoch

Ein Kilo Karotten, 20 Deka Haussalami und fünf Kilo Erdäpfel, bitte per Post. Was bei Biokistl oder Weinlieferung ohnehin gang und gäbe ist, seitdem das Internet Einzug  in Wohnungen und Telefone hielt, soll nun auch für den täglichen Einkauf oder die Wochenration gelten.

Vom Prinzip her ist die Online-Lieferung von Lebensmitteln eine technische Weiterentwicklung der Hauszustellung, die schon Greißler Offline als besonderen Dienst an ihren Kunden angeboten haben. Wenn Tante Rosi nicht mehr gut zu Fuß war und die kiloschweren Einkäufe für die Woche nicht mehr alleine in die Wohnung transportieren konnte, reichte oft ein Anruf. Und der Lehrling oder der Chef persönlich brachte die bestellte Ware vorbei.

Die Greißler verschwinden sukzessive aus dem Stadtbild. Außerdem haben neue technologische Möglichkeiten auch den Handel erreicht. Bestellen übers Internet, egal ob Schuhe, Kühlschränke oder Whisky, ist Teil des Alltags vieler Konsumenten geworden. Nun ist die nächste Branche dran, sich Gedanken zu machen, um den Online-Zug nicht zu verpassen.

DHL am Sprung ins Geschäft

In Deutschland will die Post groß in den Versand mit Lebensmitteln einsteigen. Dabei reicht das Spektrum von der Zusammenarbeit mit großen und kleinen Handelspartnern bis hin zu einer direkten Beteiligung an einem Online-Lebensmittelhändler. Bis 2015 will die Pakettochter DHL in allen deutschen Ballungszentren aktiv sein, erklärt der DHL-Chef in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Derzeit habe das Unternehmen in Köln ein Pilotprojekt laufen, nach eigenen Angaben werde das Angebot sehr gut angenommen.

Die Österreichische Post beobachtet genau, was die deutschen Kollegen beim Lebensmittelhandel übers Internet so treiben. Michael Homola, Pressesprecher der Österreichischen Post, sagt auf Nachfrage von derStandard.at, das Geschäft mit dem Lebensmittelversand sei auch für die Post ein sehr interessantes Thema. Die große Herausforderung sei aber, das ganze alltagstauglich und wirtschaftlich – sowohl für die Post als auch für Händler und Kunden – attraktiv zu machen. "Im Grunde bräuchte man eine abgekoppelte Logistik, ein zweites Netz für den Lebensmittelhandel", so Homola. Denn auch in Österreich gilt: Das Internet war zwar der Feind des Briefes, ist aber ein Freund der Pakete.

Dass auch am Lebensmittelsektor Kasse zu machen ist, davon sind viele überzeugt. Schließlich haben Online-Versandhäuser wie Zalando oder Amazon den Paketdienstleistern bereits ein boomendes Geschäft beschert. Ob sich das auch eins zu eins auf den Lebensmittelhandel umlegen lässt, ist aber keineswegs gesichert.

Dichtes Supermarkt-Netz

Für Deutschland gilt ähnlich wie für Österreich: Es gibt ein recht dichtes Netz von Supermärkten. Online-Bestellungen sind ein Minderheitenprogramm. Noch. Roman Seeliger von der Bundessparte Handel der Wirtschaftkammer zitiert aus einer Umfrage aus dem Jahr 2011: Nur rund drei Prozent der Österreicher bestellten Lebensmittel über das Internet. Von denen, die überhaupt im Internet einkaufen, sind es immerhin acht Prozent. Seeliger schließt daraus im Gespräch mit derStandard.at: "Der Lebensmittelhandel ist zwar innerhalb der Branche der größte Bereich. Im Internet spielt er aber eine relativ geringe Rolle." Was aber schon gut funktioniere seien der Verkauf von Einzelprodukten, wie die Sachertorte oder der Bad Ischler Zaunerstollen, die weltweit verschickt werden.

Dennoch gilt das Credo: Auch der stationäre Handel soll sich internetfit machen, um das Feld nicht kampflos den Online-Händlern zu überlassen. Rewe experimentiert in Österreich schon seit längerem mit Online-Shops. Billa liefert derzeit nur in Wien vor die Haustüre, Merkur bringt die Einkäufe den Kunden in Wien und Umgebung, im Großraum Linz, Baden und Wiener Neustadt.

Spar hingegen verzichtet derweil auf einen Internet-Shop, in dem man Milch, Brot und Zuckerl kaufen kann, nur Wein wird über das Internet vertrieben. Es sei nicht wirtschaftlich zu führen, heißt es dazu vom Konzern. Man habe die Lage zwar im Blick und sehe auch den Wunsch der Konsumenten nach Online-Angeboten, derzeit zahle sich das aber für keinen der Beteiligten wirklich aus. Die Frage der Frische der Waren sei zudem die größte Herausforderung.

Herausforderungen

Der Versand von Lebensmitteln ist tatsächlich ein heikles Unterfangen. Frische und verderbliche Ware muss punktgenau beim Empfänger eintreffen. Wenn ich heute drei Kilo Brot brauche, hilft es nicht, wenn die Laibe in vier Tagen eintrudeln. Beim Kölner Modellversuch bietet DHL die Lieferung zu zwei Zeitfenstern am Abend an, Milch und Käse können die Kunden spätestens am Tag nach der Bestellung in ihre Eiskästen einräumen.  Was das dann kostet, hängt vom Händler ab. Billa verrechnet zum Beispiel Frachtkosten nach Gewicht, Merkur hingegen nach gewählter Lieferzeit.

Vor allem Büros, Kindergärten und Schulen nehmen das Online-Angebot in Anspruch, heißt es von Rewe auf Nachfrage. Wie viel das Geschäft genau ausmacht, will man aber nicht sagen. Der Umsatzanteil liege "im unteren einstelligen Bereich", entwickle sich aber gut. Deswegen sieht Rewe auch Potenzial und Ausbaumöglichkeiten im Online-Bereich.

DHL-Chef Andrej Busch nennt die Lebensmittel-Lieferung jedenfalls den "Mount Everest der Privatkundenlogistik". Angst abzustürzen hat er aber nicht. (Daniela Rom, derStandard.at, 17.7.2013)

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    In der Sonne liegen, statt Wagerl schieben: Die deutsche Post will am Online-Geschäft mit Lebensmitteln mitnaschen und steigt ins Liefergeschäft ein.

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