Prince Charming im Großen Haus

18. Juli 2013, 17:00
3 Postings

Wenn Thomas Hampson über heilige Stätten spricht, meint er das Große Festspielhaus in Salzburg. Er singt dort den Rodrigo in Verdis "Don Carlo". Seine berufliche Verbundenheit mit dem "Großen Haus" geht weit über jene eines normalen Arbeitsplatzes hinaus, wie Stefan Ender erfahren hat.

Ein Samstagmittag Ende Juni: Touristen touren durch die Gassen, der Festspielbezirk ruht noch vor dem Sturm. Äußerlich. Innen drinnen wird natürlich schon emsig geprobt. Im fußballplatzgroßen Großen Festspielhaus ist über dem Orchestergraben eine hoffentlich solide Abdeckung angebracht. Denn auf der Abdeckung befinden sich: vier Tische, etliche Stühle, ein Flügel, eine Präsidentin, ein Regiealtmeister und etliche Opernweltstars.

Auf der Bühne sind schon Teile des Bühnenbilds für Don Carlo zu sehen, aber dazu darf man jetzt natürlich nichts, nichts und nochmals nichts sagen. Auf dem Flügel wird noch leise gespielt, ein Proben-Postludium sozusagen, Hintergrundmusik für das entspannte Geplauder der Künstler und der Verantwortlichen. Jonas Kaufmann, des Münchener Premierenstresses (auch Verdi, auch mit Anja Harteros, Il trovatore) ledig, trägt Turnschuhe und freundliche Gelassenheit zur Schau, Peter Stein ein mintgrünes Hemd. Helga Rabl-Stadler ist so fragil wie freundlich, Thomas Hamp­son groß und gut gelaunt. Alles sehr ­familiär, alles sehr entspannt hier.

Hampson hätte, huch, den Gesprächstermin fast vergessen. Geht's schnell und schmerzlos? Aber ja. Zack, und ab in eine der Garderoben. Das Große Festspielhaus in Salzburg, Herr Hamp­son. Was haben Sie da für Erinnerungen? "Mein Debüt war in den späten Achtzigerjahren mit Jean-Pierre Ponnelle und James Levine, Le nozze di Figaro", legt Hamp­son gleich los, "das war schon eine goldene Zeit. Nach Karajan kam Mortier, und der wollte mit den Künstlern aus der späten Karajan-Ära nicht mehr so viel machen, und da war der Hampson dann nicht mehr dabei. Was irgendwie ein Grundmotiv in meinem Leben ist: Kaum habe ich wo angefangen, gibt es einen Regimewechsel, einen neuen Intendanten, und ich bin wieder weg. Aber später habe ich dann bei Mortier hier auch einen Don Carlo gemacht und auch Busonis Faust, eine Koproduktion mit der Metropolitan Opera, dafür bin ich ihm sehr dankbar." Die Anfänge in Salzburg also mit dem greisen Karajan: Lag dessen Aura, dessen Autorität näher beim Großinquisitor (sehr, sehr dogmatische Figur in "Don Carlo", Anm.) oder bei Philipp II. (ziemlich autoritäre Figur in "Don Carlo", Anm.)? Hampson lacht. "Also, ich habe ihm vorgesungen. Er war sehr angetan. Er hat Notiz von mir genommen und mich hinter der Bühne unterstützt. Leider Gottes habe ich nie mit ihm musizieren dürfen."

Zweieinhalb Jahrzehnte in Salzburg, im Großen Haus: Ist so eine Vertrautheit, eine Verbundenheit mit dem Auftrittsort auch eine Hilfe für einen Künstler? "Natürlich ist es das. In Salzburg kommt aber noch etwas dazu: Es gibt für einen Musiker heilige Stätten, das ist die Wiener Staatsoper, der Musikverein, die Met, die Scala, Covent Garden, der Amsterdamer Concertgebouw. Das sind keine normalen Arbeitsplätze, das sind Kathedralen. Alles muss hier echt und ernsthaft geschehen, alles Vulgäre und Banale sollte sich hier von selbst verbieten."

War die oft als problematisch beschriebene Dimension des Großen Festspielhauses nie ein Problem? "Ich will es so sagen: Wenn der Bühnenbildner einer Produktion sein Handwerk nicht versteht und nicht auf diesen Raum Bezug nimmt, dann fühlen wir Sänger uns verloren. Die Bühne dort, das ist ein enormes Portal; Karajan hat sich ja etwas dabei gedacht, er wollte, dass der Sänger von jedem Platz aus sichtbar ist. Die Felsenreitschule ist nach dem Umbau viel besser geworden, das Haus für Mozart ist meines Erachtens ein Zauberort geworden. Ich habe dort einige Konzerte gesungen und fühle mich akustisch sehr wohl." Hampson ist, das muss zwischendurch mal kurz bemerkt werden, auch auf die 60 zugehend immer noch beeindruckend aktiv, agil, gutaussehend: Prince Charming. Hatte man im Vorfeld noch kurz Skepsis, ob denn ein Rodrigo noch geht, ist man sich nach ein paar Minuten Gespräch schnell sicher: Natürlich geht der.

Rodrigo, der Marquis von Posa, ist die positivste Figur der Oper: ein Mann der Aktion, der Aufklärung. "Natürlich ist Posa ein politischer Mensch. Ich finde, er hat aber auch etwas Zwiespältiges", meint Hampson. "Wir wissen nicht genau, wie rein seine Absichten sind. Und er steckt in einem Netz von Schwierigkeiten. Er wird von Filippo ins Vertrauen gezogen, ist aber eigentlich auf der Seite von Don Carlo und Elisabetta. Er ist von diesem Augenblick an eigentlich ein Doppelagent. Und auch die Beziehung zu Don Carlo ist schwierig, schon allein deshalb, weil sie nicht einfach nur Kumpel sind. Don Carlo ist der Infant, Posa ist Soldat.

Dieses Gefühl der Brüderlichkeit

Die tiefe Freundschaft zwischen Rodrigo und Don Carlo ist auch immer wieder Thema, wenn von diesem Werk die Rede ist. Kann Hampson hier aus eigenen Erfahrungen schöpfen, wenn er diese auf der Bühne darstellt? "Auf jeden Fall. Ich habe solche Freundschaften, auch auf künstlerischem Gebiet. Diese Vertrautheit, dieses Durch-dick-und-dünn-Gehen für einen Freund, natürlich kenne ich das. Und auf der Bühne war es bis jetzt noch nie ein Problem, dieses Gefühl der Brüderlichkeit zu finden, egal, wer den Don Carlo gespielt hat."

Und Peter Stein? "Ach, als ich von diesem Team für den Don Carlo erfahren habe, Tony Pappano und Peter Stein, habe ich gesagt, wenn der Pereira mir jetzt auch noch ein bisschen was zahlt, dann mach ich das! Stein ist ein ganz großer Meister. Er hat ein außerordentliches Geschick und Gespür dafür, eine Geschichte zu erzählen. Man lernt bei ihm als Opernsänger, die Dinge zu reduzieren, die Szene, die Gefühle einfach nur zu erleben, da zu sein. Oft kann man mit einer anderen Handbewegung einer ganzen Szene eine neue Bedeutung geben."

Wie muss man sich den Beginn der szenischen Proben vorstellen? Sitzt da Peter Stein mit allen Sängern am Tisch und sagt, Kinder, also ich stell mir die erste Szene so und so vor, oder fragt er die Sänger zuerst, wie sie ihre Figur anlegen wollen? "Das ist unterschiedlich. Heute war er, glaube ich, froh, nicht viel reden zu müssen, sondern gleich zu arbeiten. Also: 'Hör mal die Musik, der Posa kommt von dort, nein, versuch mal so, nein, so nicht, ja, genau ...' Wir entwickeln das einfach. Für einen Meister wie Peter Stein probe ich gern fünf Wochen. Bei manchen nicht so talentierten Regisseuren wäre es verlorene Zeit, aber bei ihm lohnt sich das."

Bei Hampsons Rollendebüt als Simon Boccanegra an der Wiener Staatsoper in der von den Osterfestspielen übernommenen Produktion hätte aber auch zweieinhalb Wochen Probenzeit mit Peter Stein gereicht. Damals hat Danielle Gatti dirigiert. Wie sieht Hampson die Unterschiede zwischen dem Pianissimomeister Gatti und dem eher kräftig musizierenden Sir Antonio Pappano? "Sie sind absolut unterschiedliche Typen", konzediert Hampson, "aber beide Meister auf ihre Art. Gatti war damals eine Offenbarung für mich, Tony hat vielleicht noch die etwas besseren Ohren für den Sänger. Ich habe sehr viel gelernt von beiden." Der Magen knurrt, das Handy bimmelt, die Frau ruft. Ein bisschen Pause muss auch im Festspiel-Salzburg sein.(Stefan Ender, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Großes Festspielhaus

  • 26. Juli 1960: Eröffnung mit dem Rosenkavalier (Leitung Herbert von Karajan)
  • rund 35 Meter: Seitenlänge des nahezu quadratischen Zuschauerraums
  • 2179 Sitzplätze
  • 34 Tonnen: Gewicht des eisernen Bühnenvorhangs
  • 100 Meter:Breite der Bühne
  • 25 Meter: Tiefe der Bühne
  • 2. August 2013:Premiere der Oper Die Meistersinger von Nürnberg
  • 3. August 2013:Premiere der Oper Don Carlo

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Thomas Hampson singt im Festspielhaus Salzburg den Rodrigo in Verdis "Don Carlo".
    foto: lisi specht

    Thomas Hampson singt im Festspielhaus Salzburg den Rodrigo in Verdis "Don Carlo".

Share if you care.