"Die Peinlichkeit überwinden"

Interview18. Juli 2013, 17:00
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Helga Rabl-Stadler, Festspielpräsidentin seit 1995, und Intendant Alexander Pereira, seit 2011 verantwortlich für das künstlerische Programm der Salzburger Festspiele, residieren in der Direktionsetage des Festspielhauses Tür an Tür. Andrea Schurian sprach mit ihnen über Berufsbilder, Niederlagen und die Liebe zum Beruf.

STANDARD: Herr Intendant, als Gentleman haben Sie der Präsidentin das eindeutig schönere Büro überlassen?

Alexander Pereira: Das hatte sie schon vor mir.

Helga Rabl-Stadler: Ich musste darum nicht kämpfen, schon mein Vorgänger Heinrich Wiesmüller saß in diesem Büro. Und da es eindeutig das schönere ist, bitten wir hier bisweilen gemeinsam in der Pause zu einem Empfang, etwa für den Herrn Bundespräsidenten.

STANDARD: Fällt es Ihnen beiden nach dem doch ­etwas rumpeligen und von Zwistigkeiten begleiteten Start in die Saison schwer, mitein­ander zu kooperieren?

Pereira: Wir haben jetzt einen Festspielsommer vor uns, den wir so erfolgreich wie möglich gestalten wollen. Da gibt es ein höheres Gut als die Frage, ob ich mit diesem oder jenem nicht einverstanden bin. Die Hauptauseinandersetzungen gingen um Geld, aber das Budget 2014 ist abgeschlossen. Für mich fallen Kämpfe um finanzielle Dinge ab 2014 weg – und somit das wesentliche Konfliktpotenzial.

Rabl-Stadler: Ich sehe es ähnlich. Es ist ein Glücksfall, dass die Festspiele jetzt beginnen, da hat man keine Zeit, negativen Gedanken nachzuhängen. Es wäre geradezu herzlos gegenüber den Künstlern, wenn sie das Gefühl haben müssten, sie kommen in ein zerrissenes Haus.

STANDARD: Wie ist die Arbeitsaufteilung: Was macht der Intendant, was die Präsidentin?

Rabl-Stadler: Der Intendant hat ganz klar die künstlerische Hauptverantwortung. Ich bin nicht nur Präsidentin, sondern auch kaufmännisch verantwortlich, daher zuständig für Erhaltensinvestitionen, Personalfragen, bauliche Erneuerungen. Ich gehe – das war nicht mein Lebenstraum – als Reformatorin des Rechnungswesens in die Annalen der Festspiele ein.

Pereira: Die spezifische Ausfärbung meiner Karriere bedeutet, dass ich mir stets überlege, was die finanzielle Konsequenz dessen ist, was ich mir künstlerisch ausdenke. Also suche ich für Projekte, welche die Festspiele nicht so ohne weiteres stemmen können, Unterstützung. Ich wünsche mir, dass Sie nach drei Jahren sehen und erkennen können, was ich mit den Festspielen wollte.

STANDARD: Nämlich?

Pereira: Sie möglichst einzigartig zu ­machen. Dafür habe ich gekämpft und ­gestritten. Nach drei Jahren wird man ­sehen können, ob es geklappt hat.

STANDARD: Sie gelten beide als Meister im Sponsorengeldersammeln. Ist es Ihnen mitunter peinlich, ständig um Geld zu schnorren?

Rabl-Stadler: Nein. Es ist ja nicht für mich, sondern für wichtige künstlerische Projekte. Ich habe auch noch nie eine Abfuhr bekommen. Je anziehender das Projekt ist, umso leichter ist es, Geld dafür zu bekommen.

Pereira: Da unterscheiden wir uns. An dem Tag, da es das nicht mehr wäre, ist etwas falsch. Ich könnte nicht Geld sammeln, wenn es mir wurscht wäre. Aber der Glaube an das Projekt muss die Peinlichkeit überwinden.

Rabl-Stadler: Der Intendant behauptet ja auch, dass er schüchtern ist.

Pereira: Bin ich ja auch! Immer gewesen. Aber es sind die ängstlichsten Menschen, die letztendlich die mutigsten sind. Denn wenn man diese Angst nicht überwinden muss, muss man auch nicht mutig sein.

STANDARD: Welchen Einfluss haben Anfütterungsdebatten und Compliance-Vereinbarungen?

Pereira: Sie sind im Grunde Ausdruck dessen, dass der Staat null begriffen hat. Seit Ende der 1970er-Jahre geht den Staaten zunehmend das Geld aus, nur Länder wie Österreich glauben, dass sie immer noch alles aus der eigenen Tasche bezahlen können. Noch ist die Katastrophe nicht groß genug. Vielleicht muss eine gewisse Form an Destruktion eintreten, damit der Staat private Initiativen zu schätzen weiß. An dem Tag, als ich zum Intendanten der Mailänder Scala gewählt wurde, hat der italienische Kulturminister gesagt, er hoffe, dass ich am Beispiel der Mailänder Scala einen Weg aufzeige, um das italienische Kulturerbe zu retten. In Österreich bleiben Institutionen wie die Salzburger Festspiele auf dem Subventionsstand von 1998. Ich beschwere mich nicht, dass der Staat kein Geld mehr gibt. Aber ich meine, dass man angesichts der finanziellen Lage neue Solidaritäten kreieren muss. Man muss Private, Wirtschaft und den Staat animieren zusammenzuarbeiten. Wenn ich heuer die doppelte Sponsorsumme von 2011 habe, ist es ein Beitrag zu einer solchen Solidarität. Und zum Anfütterungsparagrafen: Der kommt ja aus den USA. Allerdings muss man dazusagen: Wenn die Amerikaner so etwas einführen, dann führen sie auch gleich die Methode ein, wie man diese Regeln umgehen kann. Das haben wir nur alle viel zu wenig studiert. Es geht nicht darum, Compliance-Regeln zu umgehen. Aber es ist ein Unsinn, wenn man keinen gemeinsamen Weg gehen kann, um eine Institution der Werteordnung wie die Salzburger Festspiele zu unterstützen.

Rabl-Stadler: Oder, wenn man sagt: Ich darf jemandem, der den Festspielen 100.000 Euro spendet, als kleine Geste der Dankbarkeit nicht einmal zwei Karten schenken. Da ist bei uns so viel neidgetrieben. Jetzt muss ein Sponsor fast Angst haben, dass jede Gastfreundschaft unter den Generalverdacht von Korruption und Anfütterung gerät.

Pereira: Oft kommen junge Leute in verantwortungsvollen Positionen erstmals mit Oper, mit Musik in Berührung, weil sie hierher eingeladen wurden. Wenn sie auch nur für eine Sekunde tief in ihrem Inneren berührt werden, dann sehe ich in diesen Einladungen auch eine Möglichkeit für eine Werteordnung abseits von Gewinn- und Karrierestreben. Wir sollten uns übrigens vom Wort Sponsor verabschieden, wenn jemand 100.000 Euro gibt, ist er kein Sponsor, sondern ein Mäzen.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Pereira: Das habe ich als Schreibmaschinen-Vertreter gelernt: Nach der hundertsten Tür, die einem vor der Nase zugeworfen wird, gehen Sie ins Gasthaus und weinen. Irgendwann überlegen Sie sich: "Der schreibt einen Brief im Jahr und hat schon eine Schreibmaschine. Warum soll er mir eine abkaufen?" Man entwickelt eine Stehaufmännchen-Mentalität. Ich habe gelernt, was mir bis heute hilfreich ist: ein Nein nicht persönlich zu nehmen. Eine misslungene Produktion ist schwerer zu verkraften: Der Lieblingssänger ist  nicht so gut wie erhofft; man hat zu viele Kompromisse gemacht; alles läuft gut, doch am Tag vor der Premiere wird der Hauptdarsteller krank. Das Glück dieses Berufs ist, dass man sich nach der letzten Vorstellung sofort wieder in ein neues Abenteuer stürzen kann.

Rabl-Stadler: Ich beurteile Menschen danach, ob sie im Erfolg größenwahn­sinnig und in der Niederlage mutlos ­werden. So jemand ist ungeeignet für die Spitze eines Unternehmens. Man scheitert immer wieder, nimmt einen neuen Anlauf. Scheitern muss nicht Versagen bedeuten. Vielleicht war es nur die richtige Idee zum falschen Augenblick. Ich glaube, als erfolgreiche Frau kann man besser mit Niederlagen umgehen, weil man es am Anfang ungleich schwerer hatte als Männer. Ich habe kein Talent zur Frustration.

STANDARD: Was mögen Sie an Ihren Berufen? Künstler zusammenzubringen, bestimmte Konstellationen herzustellen? Oder hat man davor am meisten Scheu und Angst?

Pereira: Ja, aber diese Angst muss man letztendlich überwinden. Als ich seinerzeit Ruth Berghaus und Nikolaus Harnoncourt zusammenbrachte, wusste ich: "Du bist der einzige Katalysator, wenn ­etwas schiefgeht, hängt es an dir. Zumindest am Anfang der Zusammenarbeit läuft alles durch dein Gekröse." Aber man muss im Leben immer wieder alles riskieren, um alles zu gewinnen – oder alles zu verlieren. Denn wenn man diese Fähigkeit nicht mehr hat, fehlt einem auch die Fähigkeit, wirklich Großes zu ermöglichen. Gleichzeitig ist diese Katalysatorfunktion das Schönste an dem Beruf: Dass man die Leute dorthin, wo man glaubt, es sei richtig, hinlieben kann. Vielleicht stellt sich heraus, dass man sie falsch hingeliebt hat. Aber man bekommt auch die Chance, immer wieder zu ­löschen und dann wieder von null anzufangen.

Rabl-Stadler: Der Lam­pedusa-Satz: "Wenn du willst, dass alles so bleibt, musst du alles verändern" gilt insbesondere für die Festspiele. Zudem haben wir das Privileg, dass uns die interessantesten Leute aus Kunst, Politik und Wirtschaft besuchen. Nobelpreisträger gehen ein und aus. Vor allem aber dürfen wir mit den wunderbarsten Künstlern arbeiten. (Andrea Schurian, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Direktorium

  • Fast immer steht ein exquisites Blumenbouquet am Schreibtisch von Helga Rabl-Stadler.
  • Die Türen zwischen den beiden Büros bleiben für Zurufe aller Art offen.
  • Da das Büro von Frau Rabl-Stadler schöner ist, wird es in den Pausen für Empfänge genützt.

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Den ernst-heiteren Blick fest auf die kommende Festspielsaison gerichtet: Helga Rabl-Stadler und Alexander Pereira: "Wenn du willst, dass alles so bleibt, musst du alles verändern."
    foto: lisi specht

    Den ernst-heiteren Blick fest auf die kommende Festspielsaison gerichtet: Helga Rabl-Stadler und Alexander Pereira: "Wenn du willst, dass alles so bleibt, musst du alles verändern."

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