In Bayern bestimmt das Land, was Asylwerber essen

17. Juli 2013, 13:43
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Eine Initiative kritisiert das bayerische System zur Verpflegung Asylsuchender

"Und? Schmeckt's?" heißt die Aktion, bei der sich zehn Bewohner der bayerischen Stadt Bamberg sieben Tage wie Asylsuchende ernährt haben. Das Besondere daran: Bayern ist das einzige deutsche Bundesland, in dem das "Sachleistungsprinzip" gilt.

Essen aus dem Paket

Das heißt, Asylwerber bekommen kein Verpflegungsgeld ausbezahlt, mit dem sie selbst Lebensmittel einkaufen können, sondern werden zweimal pro Woche vom Freistaat mit einem Essenspaket beliefert. Bamberger Journalisten, Künstler und Politiker haben Asylsuchenden in der Testwoche ihre Essenspakete abgekauft - diese sind nach Angaben des Freistaats Bayern im Monat ungefähr 130 Euro wert - und sich ausschließlich davon ernährt. In einem Blog haben sie über ihre Erfahrungen damit berichtet.

Organisiert wurde das Projekt von der bayerischen Initiative "Freund statt fremd", die sich für Asylsuchende einsetzt. Mit der Aktion will sie das System zur Verpflegung Asylsuchender kritisieren, da dieses den Betroffenen das Recht auf eine selbstbestimmte Ernährung vorenthalte.

Kompliziertes Bestellsystem

Eine der Testpersonen ist der 24-jährige Student und freie Journalist Tarek J. Schakib-Ekbatan. Die Asylwerber müssen aus einem beschränkten Sortiment mittels einer Liste Essen und Trinken bestellen. Die Lieferung erhalten sie zweimal pro Woche. "Es ist keine Seltenheit, dass frische Asylwerber erst ihr Vorgängerpaket bekommen und keine Rücksicht auf ihre eigenen Wünsche genommen wird, erzählte mir die Flüchtlings-Initiative bei der Übergabe", so Schakib-Ekbatan. 

Da auch Schakib-Ektaban die Bestellliste nicht selbst ausgefüllt hat, sondern ein bestehendes Paket von einem Asylsuchenden übernahm, war Fisch im Paket des langjährigen Vegetariers. Außerdem findet Schaki-Ektaban das Bestellsystem vor allem für Asylwerber, die keine lateinischen Buchstaben lesen können oder denen die deutsche Bürokratie fremd ist, sehr kompliziert.

Nudeln, aber keine Sauce

Aus diesem Grund ist die Zusammenstellung der Pakete oft nicht besonders stimmig. So auch bei Schakib-Ekbatan: "Ich hatte einen Haufen Mehl zur Verfügung, aber kein Öl oder Hefe, um daraus etwas zu machen." Gefehlt hat es ihm auch an einer Sauce für die Nudeln aus seinem Paket und frischem Obst. Von Donnerstag bis Dienstag war in seinem Essenspaket nur ein Apfel vorgesehen.

Eine weitere Schwierigkeit für Schakib-Ekbatan in der Testwoche war, dass er nicht essen konnte, worauf er Lust hatte. Dadurch ist ihm ein Kilo Brot hart geworden, in seinem zweiten Essenspaket war dafür gar keines vorhanden.

Hoher logistischer Aufwand

Neben der Einschränkung, nicht nach den eigenen Bedürfnissen einkaufen gehen zu können, fällt bei den Essenspaketen auch die sozialisierende Wirkung des Essens weg. "Gerade beim Einkaufen findet man zu den Menschen und redet mit den Verkäufern", sagt Schakib-Ekbatan. Zudem würde dem lokalen Einzelhandel durch diese Praxis eine Menge Gewinn entgehen. Wegen des hohen logistischen Aufwands würde es den Freistaat günstiger kommen, wenn er Asylsuchende selbst einkaufen ließe, ist er überzeugt.

Trotzdem hält Bayern bisher an den Paketen fest. "Obwohl die Versorgung mit Essenspaketen nicht für einen langen Zeitraum ausgelegt ist, wird sie in der Praxis oft lange angewandt", sagt Schakib-Ekbatan. Flüchtlingsinitiativen werfen der Regierung vor, durch dieses Vorgehen die Integration von Asylwerbern verhindern zu wollen.

"Man verhungert nicht"

"Natürlich verhungert man durch die Essenspakete nicht", sagt Schakib-Ekbatan. "Für uns hat die Aktion aber vor allem eine Symbolbedeutung." Durch diese sollen neben dem Inhalt der Essenspakete auch die generell vorherrschenden Missstände im Asylwesen kritisiert werden. Als Teil davon habe man die Versorgung durch Essenspakete beispielhaft ins Zentrum rücken wollen, erklären die Aktivisten auf ihrer Homepage.

Weitere Kritikpunkte sind unter anderem die vorherrschende Residenzpflicht in Bayern, aufgrund derer die Asylwerber ihren zugewiesenen Regierungsbezirk nicht verlassen dürfen, sowie die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften auf oft engstem Raum. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 17.7.2013)


Wissen: Situation in Österreich

In Österreich gibt es für die Versorgung von Asylwerbern drei unterschiedliche Modelle: Jene, die in einer Unterkunft mit Vollverpflegung leben, bekommen dort drei Mahlzeiten am Tag und kein zusätzliches Geld für den Lebensunterhalt.

In Selbstversorgungs-Quartieren der Caritas oder der Volkshilfe erhalten Asylwerber rund 170 Euro monatlich. Asylsuchenden in Privatunterkünften wird eine Unterstützung von 190 Euro ausbezahlt.

Links

Blog mit Erfahrungsberichten zu den Essenspaketen

Beispiele für Listen zum Bestellen von Essen und Trinken

  • Mit der Kampagne "Es wird gegessen, was vom Amt kommt!" kritisiert auch Pro Asyl die Versorgung Asylsuchender.
    foto: pro asyl

    Mit der Kampagne "Es wird gegessen, was vom Amt kommt!" kritisiert auch Pro Asyl die Versorgung Asylsuchender.

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