Die Zwei vom Domplatz

18. Juli 2013, 17:00
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Wenn sich ein neuer Regisseur am "Jedermann" versucht, dann ist das ein Ereignis. Jetzt geben gleich zwei Regisseure dem Salzburger Paradestück eine neue Gestalt: Julian Crouch und Brian Mertes. Stephan Hilpold hat mit ihnen gesprochen

Der Domplatz ist ein Marktplatz – zumindest wenn es nach Julian Crouch und ­Brian Mertes geht. Die beiden Regisseure des neuen Jedermann haben klare Vorstellungen, wie der Weg Jedermanns zu seiner Bekehrung ausschauen wird: Freudvoll, überströmend und gesäumt von Figuren, die ihr Schicksal zu Markte tragen. Schließlich wird um nichts weniger als um Jedermanns Leben gefeilscht.

"Wir werden mit einer Prozession vom Festspielhaus zum Domplatz feierlich beginnen", sagen die beiden. "Wir wollen – einer mittelalterlichen Schauspieltruppe gleich – unsere Zuseher mithilfe von Spektakel und Humor in den Bann ziehen, sie mitreißen und sie einladen." Die Bühne vor der frühbarocken Fassade des ehrwürdigen Domes hat in den vergangenen 93 Jahren schon einige Jedermann-Inszenierungen erlebt. Jene von Julian Crouch und Brian Mertes könnte aus dem Rahmen fallen.

Schon allein, weil die beiden Regisseure gänzlich unbelastet an ihre Aufgabe herangehen. Die altehrwürdige Tradition des Jedermann? Die war den beiden nicht wirklich bewusst. Als die Nachricht die Runde machte, dass die beiden die Neuinszenierung des Jedermann übernehmen, war die Verwunderung groß. Wobei: Julian Crouch, das ist doch der von Shockheaded Peter, der abgründigen, comic­haften Version des Struwwelpeter, die jahrelang um den Globus tingelte. Aber Brian Mertes?

Den kennt selbst Julian Crouch noch gar nicht so lange: "Ich habe Brian bei einer seiner Tschechow-Inszenierungen kennengelernt", erzählt der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Seit einigen Jahren lebt der Brite, der zu den Gründungsmitgliedern des Londoner Improbable Theatre gehört, in Brooklyn. "Ein Freund von mir spielte in dem Stück mit, das Brian in seinem Haus am See inszenierte. Ich glaube, das war der beste Iwanow, den ich je gesehen habe!"

Mit "Haus am See" meint Crouch ein historisches Haus, das Mertes 1993 am Lake Lucille im Staate New York gekauft hat. Jedes Jahr im August werden 30, 40 Schauspieler und Musiker eingeladen, gemeinsam ein Tschechow-Stück zu erarbeiten. Eine Woche Probezeit, das war's. "Ich war von Brians ungewöhnlicher Fantasie begeistert, mit der es schafft, ganze Welten zu erschaffen", erzählt Crouch, "und von seiner Fähigkeit, einfache Geschichten auf eindrückliche Art zu erzählen." Das Freiluftfestival wurde von einem Geheimtipp zu ei­nem Kultereignis.

Als Crouch das Angebot bekam, den ­Jedermann neu zu inszenieren, schlug er sofort zu. "Aber es war klar, dass ich es zusammen mit jemand anderem machen muss." Die Freiluftsituation und die Besonderheit der Bühne vor dem Dom: Das alles verlangte nach Brian Mertes – nur dass dieser im ersten Moment recht ­wenig mit dem Jedermann anfangen konnte.

Theater in ursprünglicher Form

"Während meiner Studentenzeit beschäftigte ich mich immerhin mit Max Reinhardt", erzählt der in Texas geborene und in Kansas aufgewachsene Regisseur: "Als ich das Stück dann las, tauchte das englische Mysterienspiel Every­man wieder vor meinem inneren Auge auf."

Das war es denn auch, was Mertes im Besonderen faszinierte: Mysterienspiele seien nämlich eine Gelegenheit, dem Thea­ter in seiner ursprünglichen Form zu begegnen: "Einfache Bühnen, die auf öffentlichen Plätzen rasch auf- und abgebaut werden, Stücke, die uns scheinbar – oder vielleicht auch tatsächlich – geistige Erkenntnis vermitteln wollen und das Publikum zugleich auch unterhalten müssen."

Der Jedermann ist wahrscheinlich kein Stück, über das er von allein gestolpert wäre, es ist ihm aber auch nicht wirklich fremd: "Es gibt einen menschlichen Wunsch, zu wissen, warum wir hier sind und wozu. Ein nicht hinterfragtes Leben ist ein sinnloses Leben."

Das sieht auch Julian Crouch so, den das Stück auch noch aus einem ganz anderen Grund in seinen Bann gezogen hat. In Crouchs Inszenierungen führen Puppen oder auch ganz einfache Dinge oftmals ein Eigenleben, sie werden auf der Bühne live erschaffen: "Ich selbst komme nicht von einer realistischen Theatertradition. Der Jedermann hat mich gleich an alte Puppenspiele erinnert. So etwas wie eine vierte Wand gibt es dabei nicht."

Die Anpassung an die jeweilige thea­trale Situation sind die beiden gewöhnt. Beide haben schon oft Freilufttheater gemacht, und beide sind von den Möglichkeiten, die sich dabei bieten, begeistert. Ob Sonne oder Regen, ob großes Spek­takel oder intime Theatersituation, ob auf dem Domplatz oder im Großen Festspielhaus, das alles muss von vornherein bei der Entwicklung des Stücks mitgedacht werden. "Das ist ein bisschen so, wie wenn man vier Stücke inszenieren würde" – wobei das Ergebniss immer gleich überzeugend wirken muss. (Stephan Hilpold, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Domplatz

  • 2544 Sitzplätze
  • 200 Stehplätze
  • seit 1920 Schauplatz von Hugo von Hofmannsthals Jedermann
  • 20. Juli 2013: Premiere Jedermann

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Brian Mertes (links) ist ein ausgewiesener Freilufttheaterexperte, Julian Crouch ist für seine Puppenspiele berühmt. Ganz links und rechts zwei Gesellen aus der Neuinszenierung.
    foto: lisi specht

    Brian Mertes (links) ist ein ausgewiesener Freilufttheaterexperte, Julian Crouch ist für seine Puppenspiele berühmt. Ganz links und rechts zwei Gesellen aus der Neuinszenierung.

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