Anprobe für Kulissen

18. Juli 2013, 17:00
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Zu den Probebühnen der Salzburger Festspiele haben Besucher keinen Zutritt. Hier wird im Geheimen an den großen Bühnenbildern von "Jedermann" & Co gebastelt. Matthias Kodric gewährte Thomas Rottenberg Einblick. Ein bisschen zumindest

Das mit dem Kreißsaal hat Matthias Kodric nicht gesagt. Aber vermutlich hätte er die Assoziation begrüßt. Schließlich ist im Kreißsaal jedes Gefühl, jede Regung und jedes Wort erlaubt – weil man dort anderes zu tun hat, als auf Außenwirkung zu achten: Was im allerintimsten Kreis passiert, geht keinen von denen, die draußen warten, etwas an. Denen zeigt man dann das Ergebnis von Schmerz und Mühe. Und ist stolz.

Zu dieser Diskretion, bedauert Kodric, gehöre es auch, dass Besucher zwar in die Nähe, aber nicht zu den Probebühnen gelassen werden: Viele Proben zu Jedermann & Co finden seit einigen Jahren im sogenannten Lehrbauhof am Stadtrand Salzburgs statt. Hier wird Bauarbeitern das Bauen in Theorie und Praxis beigebracht. Der Blick in jene Hallen, in denen Lehrlinge eifrig Ziegel auf Ziegel setzen, ist frei – die Übungen zur Kunst (und das Setting, das die Bühnentechniker auch hier rundherum schaffen) fallen aber unter Geheimhaltungspflicht: Kodric erzählt – und sitzt dabei in einem Klassenzimmer. "Mein ­Beruf ist es, Menschen zu ermöglichen, ­etwas zu erschaffen – ohne sich dabei über irgendetwas anderes Gedanken machen zu müssen: Technik, Infrastruktur, Logistik – dafür sind wir da", sagt Kodric. Er werde keine "Gschichterln" erzählen: "Es ist das Wesen einer Probebühne, dass hier Dinge geschehen und gesagt werden – die draußen keinen etwas angehen." Denn in seinem Job gehe es eben nicht bloß um technisches und mechanisches Verständnis, sondern um Vertrauen. Um Loyalität. Um Diskretion – und um das Zurückstellen eigener Eitelkeiten und Bedürfnisse: Das, betont der 62-Jährige mit dem strahlenden Gesicht, sei das Erste gewesen, was er gelernt habe, als er nach Salzburg kam. Und am Landestheater als "Aushelfer" zu arbeiten begann. Vor 28 Jahren war das. Heute ist Kodric Bühnenmeister der Probebühnen der Salzburger Festspiele.

Ein zusätzlicher Benefit

Eigentlich hatte der Plan anders gelautet. Matura in Wien. Dann die Uni. Etwas Solides: Jus. Zur Freude noch Psychologie. Doch dann lief Kodric André Heller über den Weg. "Zwei Stunden später hatte ich die Bühnenleitung von Hellers ­Flic-Flac über." Kodric ist kein Techniker. "Aber ich bin geschickt. Ich habe ein Talent, zu erkennen, was geht." Schon bei Heller, erzählt er, seien "g'standene" Techniker zu ihm gekommen. "Vielleicht weil ich immer den Satz '›Geht nicht‹ gibt's nicht' im Kopf habe – und nicht das österreichische 'Das kann nicht gehen'."

Mit Heller ging Kodric tingeln – falls man das bei Heller so nennen darf. Und lernte. "Sein Mantra war, so zu arbeiten, dass Geld wie ein zusätzlicher Benefit wirkt." Diese Einstellung hätte ihm später, in Salzburg, extrem geholfen. "In den 80er-Jahren waren Lamento, Jammer und Beschwerde ja omnipräsent." Heute sei das im Festspielteam grundlegend anders. "Ich glaube, dass alle erkannt haben, dass wir für eine gute Sache arbeiten." Natürlich kämpfe man mit den Grenzen des Machbaren: zeitlich, technisch, finanziell. Natürlich hätten Regisseure manchmal schwere bis unerfüllbare Wünsche und Vorstellungen. Und manche Schauspieler Allüren. "Aber wenn sie spüren, dass wir wollen, dass wir für sie da sind, dass wir für sie bis
an unsere Grenzen gehen – dann funktioniert es: Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich nicht respektiert oder geachtet werde." Ausgesprochen werde das zwar so gut wie nie, aber Worte sind oft nicht nötig: "Man bekommt das Gefühl von 'danke'."

Bühnenarbeiter sind Heinzelmännchen – ihre Existenz fällt nur dann auf, wenn etwas nicht ­funktioniert. Oder – horribile dictu – danebengeht. Unbekannt, unerkannt und unbedankt zu sein und zu bleiben, weiß Kodric, sei der Beweis, dass er und seine Leute ihren Job gut machen. "Wenn eine Inszenierung verrissen wird, trifft uns das genauso, wie wir uns über Lob freuen", sagt Kodric.

Die Verlockung des Rampenlichtes, gibt der Bühnenmeister zu, spüre auch er. "Ich glaube, dass niemand über eine Bühne gehen kann, ohne diese Kraft zu spüren." Einmal – noch bei Heller – sei ein Nebennebennebendarsteller nicht aufgetaucht. "Ich steckte schneller im Kostüm, als ich denken konnte." Am Anfang, schildert Kodric, "war da nur Panik. Aber dann war es toll."

Dennoch sei sein Platz nicht vorn: Sein Job sei eine ideale Übung, "das eigene Ego kleinzuhalten" – und das klänge jetzt nicht zufällig so, wie es klingt. Esoterisch nämlich: Die Salzburger Festspiele dauern – inklusive Probenarbeiten – für Matthias Kodric nicht ganz ein halbes Jahr. Und die andere Hälfte des Jahres verbringt der "educated vagabond" (Eigendefinition) in Indien. Meditierend. Und lernend. (Thomas Rottenberg, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Probebühnen

  • untergebracht in der Bauakademie Lehrbauhof
  • Dieser wurde 1989 nach Plänen des Schweizer Architekten Michael Alder fertiggestellt.
  • Seit 1992 proben die Salzburger Festspiele in der Bauakademie Lehrbauhof.
  • Umgebaut wurde der Lehrbauhof von soma Architekten.
  • Dafür gab es 2012 den Architekturpreis des Landes Salzburg.

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Matthias Kodric sorgt mit seinem Team bei den Probebühnen der Salzburger Festspiele dafür, dass, wenn's ernst wird, alles hinhaut: "'Geht nicht' gibt's nicht."
    foto: lisi specht

    Matthias Kodric sorgt mit seinem Team bei den Probebühnen der Salzburger Festspiele dafür, dass, wenn's ernst wird, alles hinhaut: "'Geht nicht' gibt's nicht."

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