Grunge-Ikone Kirsten Owen: "Möchte zeigen, dass ich nicht perfekt bin"

Interview18. Juli 2013, 18:19
80 Postings

Mit ihrem schlampigen Look war Kirsten Owen das Aushängeschild der Grunge-Welle der 1990er-Jahre - Seither gilt sie auch als Antimodel der Branche - Cordula Reyer sprach mit ihr in Los Angeles

Kirsten Owen ist müde. Gestern Toronto, heute Los Angeles, morgen Tokio. Sie zieht American-Spirit-Tabak aus ihren ausgewaschenen Jeans, rollt eine Zigarette, lehnt sich gegen die Wand der Raucherzone der Hotelterrasse und betrachtet genüsslich den Sonnenuntergang über der Stadt. Ein wenig deplatziert wirkt sie in dem Art-déco-Glamour des Hotels am Sunset Boulevard. Ist sie doch jene Frau, deren Aussehen Anfang der 1990er-Jahre die Moderichtung "Grunge" definierte und die mit ihrer coolen Mischung aus Punk und Eleganz bis heute als Patti Smith unter den Models gilt.

Mit ihrer androgynen Schönheit zog sie Designer in den Bann. Für Helmut Lang eröffnete sie zu dem Lied Here Comes the Sun dessen Show, Alexander McQueen kleidete sie als Ziggy Stardust, und Karl Lagerfeld verlangte von seinen Models, Kirsten Owens schnellen, männlichen Gang für seine Show anzunehmen. Sie warb unter anderem für Givenchy, Calvin Klein und Marc Jacobs und zierte Covers von Vogue bis I-D Magazine. Derzeit kann man die 43-jährige Kanadierin und Mutter von zwei (fast) erwachsenen Kindern in der neuen Prada-Kampagne bewundern.

STANDARD: Fotomodel ist für viele Mädchen ein Traumberuf. War es auch deiner?

Kirsten Owen: Ich habe keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht angefangen hätte, als Model zu arbeiten. Ich hatte überhaupt keinen Ehrgeiz. Für nichts. Ich war total verloren. Ich würde sogar sagen, dass mich dieser Beruf gerettet hat.

STANDARD: Wovor denn genau?

Owen: Vor mir! Ich wuchs auf dem Land auf, und als ich zwölf Jahre alt war, zog meine Mutter mit mir und meinen Schwestern nach Toronto. Ich bin in schlechte Gesellschaft geraten, hab mir meine Haare abrasiert und wurde zu einem aufmüpfigen Punk. Mit 16 wurde ich auf der Straße entdeckt, mit 17 lebte ich in Paris und landete sehr bald auf dem französischen Elle-Cover.

STANDARD: Dein persönlicher Kleidungsstil hat die Modeszene stark beeinflusst. In den 90er-Jahren wurdest du als "Princess of Grunge" bezeichnet. Hat sich dein Stil über die Jahre geändert?

Owen: Nein! Am besten sind meine Outfits, wenn ich nicht darüber nachdenke, sondern einfach irgendwas zusammenwürfle. Als Grunge plötzlich in allen Magazinen zu sehen war, lebte ich in New Mexico. Freunde aus Paris riefen mich an und meinten, das wär jetzt genau meine Zeit. Kurz darauf flog mich Helmut Lang zusammen mit meinem Sohn, der damals noch ein Baby war, ein, um bei seiner Show zu laufen.

STANDARD: Du warst nicht nur "Princess of Grunge", sondern auch eines der ersten Mädchen, die mit ihrer Androgynität Erfolg hatten.

Owen: Ich fing in den späten 1980er-Jahren an zu arbeiten - damals versuchten sie mich in diese Cindy-Crawford-Form zu pressen. Das war grässlich. Ich schaute jämmerlich aus mit auftoupierten Haaren. Erst als ich mit Peter Lindbergh arbeitete und er mich als Bub in einem Yohji-Yamamoto-Anzug inszenierte, kreierte das ein neues Image für mich. Viele bezeichnen mich als burschikos, dabei empfinde ich selbst mich als sehr weiblich. Bei uns zu Hause gab es keine Männer, ich wuchs mit meiner Mutter und meinen zwei Schwestern auf und fühlte mich sehr wohl, von so viel Weiblichkeit umgeben zu sein.

STANDARD: War dir damals klar, dass du mit deinem Aussehen einen völlig neuen "Look" ins Leben riefst?

Owen: Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit bemerkte ich schon, dass ich mithalf, das Bild zu verändern, wie ein Model auszusehen hat. Damals kam eine neue Generation von Fotografen, Stylisten und Visagisten aus London, die eine andere Ästhetik hatten. Das waren Juergen Teller mit seiner damalige Freundin Venetia Scott, die als Stylistin für Marc Jacobs arbeitete, oder der Fotograf David Sims und Melanie Ward, die mit Jil Sander und später mit Helmut Lang zusammenarbeitete - und natürlich Models wie Kate Moss und Stella Tennant.

STANDARD: Was denkst du dir als 43-jährige Frau, wenn du Bilder von dir als 17-jähriges Mädchen ansiehst?

Owen: Ich bin viel selbstbewusster geworden. Früher war ich so schüchtern, dass ich Angst hatte, mich vor der Kamera zu bewegen. Heute macht es mir Spaß, Geschichten zu spielen und etwas anderes darzustellen als das trotzige Mädchen, dass ich damals war.

STANDARD: Mit 22 Jahren bekamst du dein erstes Kind.

Owen: Damals war ich so alt, wie mein Sohn Mael heute ist. Meine Tochter ist 17 Jahre alt. Ich wollte schon sehr früh Kinder haben, weil ich immer die Sorge hatte, dass ich diese Möglichkeit verpasse, nur weil mir meine Karriere wichtiger ist. Für mich war es eine Horrorvorstellung, irgendwann in meinen späten Dreißigern zu sein und mir plötzlich zu denken: "Oh shit!"

STANDARD: Du hattest damals schon eine sehr erfolgreiche Karriere. Macht man sich da Sorgen, dass ein Kind den Schlussstrich bedeuten könnte?

Owen: Früher fühlte ich mich oft einsam. Man ist ein Teenager unter Erwachsenen, die man nicht kennt. Erst durch meine eigenen Kinder begann ich diesen Beruf zu schätzen. Er gibt mir viel Freiheit. Es wäre ungleich schwieriger gewesen, als alleinerziehende Mutter einen Ganztagsjob zu haben. So war ich zwar öfter weg, hatte aber immer wieder lange Zeiträume, in denen ich bei meinen Kindern sein konnte.

STANDARD: Alleinerziehende Mutter und Model: Wie ging das?

Owen: Wenn ich weg musste, zogen meine Mutter oder Freunde zu mir. Ich wollte immer nur jemanden bei meinen Kindern haben, den ich liebte und dem ich vertraute, wo ich wusste, dass sie gut versorgt sind. Irgendein Au-pair-Mädchen - das war nie eine Option.

STANDARD: Du hast mit deinem besonderen Gang auf dem Laufsteg viel Aufsehen erregt. Du bist so männlich über den Laufsteg gedonnert, dass Karl Lagerfeld vor einer Chanel-Show sogar alle Mädchen dazu aufforderte, so wie du zu gehen.

Owen: Meinen Gang hab ich nicht für den Laufsteg erfunden, der ist einfach so. Als ich jetzt während der Modewoche in Mailand für Prada lief, überlegte ich mir vorher: "Okay, jetzt wirst du nicht wie ein Typ den Laufsteg runterlatschen. Du gehst jetzt einfach anders." Doch kaum war ich draußen, kam ich sofort wieder in meinen alten Schritt zurück. Mein Körper macht das automatisch.

STANDARD: Wie hast du es geschafft, so eine Riesenkarriere zu machen, ohne je in die Kamera zu lächeln?

Owen: Ich habe nicht gelächelt, weil ich keine schönen Zähne habe. Wenn ich mittlerweile doch in die Kamera lächle - und das tue ich -, dann auch deshalb, weil ich gerne zeigen möchte, dass ich nicht perfekt bin.

STANDARD: Bei der Prada-Modeschau warst du die einzige Frau deiner Generation, die vorführte. Alle anderen Models waren im Alter deiner Tochter. Kam dir das seltsam vor?

Owen: Ich befürchtete, dass ich mit diesen Mädchen nichts gemeinsam habe. Das Gegenteil war der Fall. Ich habe den Altersunterschied schnell vergessen, und wir sprachen über Dinge, über die Frauen jeden Alters gerne reden: Männer.

STANDARD: Du wurdest gerade mit deiner 17-jährigen Tochter für die kommende Uniqlo-Kampagne fotografiert. Manche hätten da Bedenken gehabt.

Owen: Ich nicht, ganz im Gegensatz zum Vater meiner Kinder. Er sagte mir immer wieder: "Ich will nicht, dass die Kinder mit dieser oberflächlichen Welt in Berührung kommen. Halte sie bloß davon fern!" Kann man sich das vorstellen? Wieso? Es ist ein fantastisches Milieu.

STANDARD: Hast du nie unangenehme Geschichten erlebt?

Owen: Die Dokumentation Girl Model zeigt, was für ein Albtraum dieses Geschäft auch sein kann. Ich habe diese Art von Erfahrungen nie gemacht. Es hat nichts mit dem Beruf zu tun, so wie ich ihn erlebt habe. Vielleicht hatte ich einfach Glück.

STANDARD: Hättest du etwas dagegen, wenn deine Tochter Fotomodel werden möchte?

Owen: Natürlich nicht. Aber ich würde sie nicht darin bestärken. Ich fände es gut, wenn sie sich für etwas anderes begeistern könnte.

STANDARD: Wie würdest du deinen Stil heute definieren?

Owen: Die meisten meiner Kleidungsstücke finde ich noch immer in Secondhand- und Thrift-Stores. Ich bin ein großer Fan von Recycling. Und ich habe noch viele Sachen von Helmut Lang und Marc Jacobs. So ergeben sich gute Kombinationen. Manchmal denke ich, ich schau ein bisschen zu schlampig aus für mein Alter. Vielleicht sollte ich mir eine nette Handtasche zulegen. Handtaschen machen was her.

STANDARD: Eine Chanel-Tasche?

Owen: (lacht) Ja, vielleicht. Ich bin heute kein Mädchen mehr, sondern eine Frau, auch wenn ich mich manchmal selbst daran erinnern muss. Dieses Geschäft erlaubt es dir, dich sehr lange wie ein Teenager zu fühlen, weil man in einer Traumwelt leben kann, in der man für die Menschen, mit denen man arbeitet, immer dieselbe bleiben kann. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 19.7.2013)

  • Fotos wie dieses veränderten in den 1990er-Jahren die Modewelt: Statt für makellose Schönheiten interessierten sich Fotografen wie Juergen Teller plötzlich für die unretuschierte Realität. Sein Bild der damals 23-jährigen Kirsten Owen entstand backstage bei einer Modeschau von Helmut Lang.
    foto: juergen teller

    Fotos wie dieses veränderten in den 1990er-Jahren die Modewelt: Statt für makellose Schönheiten interessierten sich Fotografen wie Juergen Teller plötzlich für die unretuschierte Realität. Sein Bild der damals 23-jährigen Kirsten Owen entstand backstage bei einer Modeschau von Helmut Lang.

  • Auf dem Laufsteg ist Kirsten Owen heute nur mehr selten zu sehen, dafür wird sie aber noch häufig für Kampagnen und Editorials gebucht. Oben die aktuelle Prada-Werbung.
    foto: prada

    Auf dem Laufsteg ist Kirsten Owen heute nur mehr selten zu sehen, dafür wird sie aber noch häufig für Kampagnen und Editorials gebucht. Oben die aktuelle Prada-Werbung.

  • In einer Fotostrecke von Steven Klein.
    foto: steven klein

    In einer Fotostrecke von Steven Klein.

Share if you care.