"Phoenix": Masse, Macht, Magie & Marshall McLuhan

16. Juli 2013, 19:45
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Als Ende des Zauberhaften, als Ende der Magie der Religion, der Kirche und des Glaubens bezeichnete seinerzeit der als Philosoph des Medienzeitalters berühmt gewordene Fundamentalist Marschall McLuhan die Abschaffung der lateinischen Sprache in der römisch-katholischen Liturgie. Die Durchsetzung mit verständlicher Sprache säkularisiere die Kirche und öffne Kritik Tür und Tor. Nebstbei aber pries er hymnisch TV-Konsum, die Lektüre des "Playboy" als haptisches Empfinden und Rockmusiker wie Mick Jagger als "neue Priester" der Jugend, die sich hinter dem Schleier des Weihrauchs in den Volksmessen nicht wiederfinden könnte.

Ein Rückblick auf die Ereignisse des Jahres 1968 - deren Vorläufer, Nachfolger und Auswirkungen - bildet in der aktuellen Ausgabe des "Phoenix - Zeitschrift über politische Asche und das Salz der Diskussion" die lose geschwungene, aber in ihrem Duktus, ihrer Leichtigkeit und bewussten Weitläufigkeit äußerst gelungene thematische Klammer zu den Strukturen und Metamorphosen, denen die Gesellschaft im Hier und Jetzt unterworfen ist.

Einblicke in die Abgründe wirtschaftspolitischer Verflechtungen

Die diskursiven Probleme der Weltreligionen damals wie heute sind aber nur ein Aspekt, die in dem bunten Kaleidoskop das komplexe Gesamtgefüge unseres Lebens offenbaren. Herausgeber Gerfried Sperl, der auch STANDARD-Kolumnist ist, gelingt mittels einer Volte über Geld und Macht, Demokratie, Politik und Moral, Bigotterie und den 1967 von Studenten proklamierten "sexuellen Notstand" Aufklärung. Die aktuelle Ausgabe gewährt Einblicke in die Abgründe wirtschaftspolitischer Verflechtungen globaler, nicht nur austriakisch-kakanischer Prägung.

Systeme der Parteienfinanzierung, Transparenz sowie Geldflüsse in und zwischen öffentlichen Institutionen und Gremien sowie deren Umgehung und Inkonsequenz weisen zu den revolutionären, teilweise terroristischen Proklamationen des Aufbegehrens "wider das Establishment". Stéphan Hessels "Empört euch" evoziert Erinnerungen an die relevanten Forderungen seinerzeitiger Heroen wie Kennedy, Luther-King, Dutschke, Marcuse, Forum Stadtpark etc. Opulent garniert mit historischen Gimmicks und Zeitungsauschnitten.

Patchwork, Orgien-Mysterien-Theater, politisches Raubrittertum

Zudem erklärt Hermann Nitsch sein Orgien-Mysterien-Theater, Serge Halimi philosophiert über soziale Ungleichheit, Mia Eidlhuber über domestiziertes Patchwork, Julya Rabinowich über politisches Raubrittertum, Hubert Sickinger und der Ökonom Raghuran Rajan erklären die Bedeutung von sozialem Gewissen, und Naomi Wolf erläutert den emanzipatorischen Aspekt von Angelina Jolies öffentlicher Versehrung. Zeitgeschichte, versehen mit der Hoffnung, dass der Bedrohung der Demokratie durch Bürgerproteste, eine autarke und selbstbewusste Zivilgesellschaft, eine freie Presse und Foren aus dem Bereich der Social Media Einhalt geboten wird und tradierte Erstarrungen aufgebrochen werden können. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 17.7.2013)

Gerfried Sperl (Hg.): "Phoenix, No. 2 /2013". 64 Seiten. Einzelpreis: 7 Euro / Abonnement mit 4 Ausgaben: 25 Euro plus Porto. Wien 2013.

  • Artikelbild
    foto: phoenix
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