Reich und Arm

Blog17. Juli 2013, 05:30
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Wenn Kinder aus verschiedenen Milieus zusammen spielen

Anna-Sophies Mutter steht die Nachdenklichkeit ins Gesicht geschrieben. Mit ihrer Tochter an der Hand hat sie gerade unseren großen Betreuungsraum betreten und blickt über die Kindergrüppchen. Ich muss an ihren Blick denken - das Bild hat sich eingeprägt. Es steht für die großen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Anna-Sophie steht für eine Bildungsgewinnerin. Das können hier nur die allerwenigsten von sich behaupten.

Fragen stellen, Antworten suchen

Eigentlich wohnt die zehnjährige Anna-Sophie in einem anderen Stadtteil, fernab von uns, aber wegen eines der angebotenen Freizeit-Programme fand sie den Weg hierher. Und mit ihr schlich sich eben auch der Unterschied ein. Dieser fängt bei der Sprache an und hört beim Essen auf. Wenn Anna-Sophie spricht, dann in gepflegtem Hochdeutsch. Sie ist umgänglich, höflich, aber gleichzeitig auch fordernd. Sie ist selbstbewusst, stellt viele Fragen und hat viele Antworten. Während die anderen Kinder mit dem, was sie hier vorfinden, zufrieden sind, will sie mehr, mischt sich tatkräftig ein und gibt zuletzt den Takt in ihrer Gruppe an.

Heute sind viele Kinder da, die ähnlich wie Anna-Sophie zum ersten Mal hier sind. Sie alle sind gekommen, um gemeinsam mit unserer "Stammklientel" zu spielen. Wenn man sich umblickt, dann beobachtet man interessante Details: Da vorne sitzt der fürsorgliche Vater, der seinem Kind auf Schritt und Tritt folgt, in meiner Nähe eine junge Mutter, die ihr Kind hier nur zum Spielen abgegeben hat, um einkaufen gehen zu können. Dann sind da noch die vielen Eltern, die keine Zeit haben für ihre Kinder, sie kommen nur kurz vorbei, um dann schnell in die Arbeit zu hasten. Sie wirken anders als die Mutter von Anna-Sophie. Sie fragen weniger nach, sind weniger skeptisch.

Solidarität unter Kindern

Es bilden sich schnell kleine Grüppchen: Während sich die Kinder aus den besser situierten Familien eher um sich und ihr Spielzeug kümmern, hat sich bei den ärmeren Kindern unbemerkt eine Art Solidarität breitgemacht. Hier wird gemeinsam gebastelt, Saft nachgeschenkt, miteinander getratscht. Einen Tag zuvor waren sie noch Einzelgänger. Sie sind es auch, die uns nachher beim Aufräumen helfen.

Mit den Kindern aus der "guten Gegend" wechseln sie nur wenige Worte. Aber mit uns sprechen sie alle. Anna-Sophie erzählt viel über sich, über die Dinge, die sie nicht mag, und was sie so in Zukunft machen wird.

Als ihre Mutter sie wieder abholen kommt, verabschiedet sie sich höflich und geht. Vielleicht werden sich diese Kinder später einmal wiedersehen, aber bestimmt unter anderen, weniger gleichberechtigten Umständen. (red, daStandard.at, 17.7.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

  • Vielleicht werden sich diese Kinder später mal wieder sehen, aber bestimmt unter anderen, weniger gleichberechtigten, Umständen

    Vielleicht werden sich diese Kinder später mal wieder sehen, aber bestimmt unter anderen, weniger gleichberechtigten, Umständen

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