Harte Sitze und Sommerhitze: Lacherlaubnis in Bayreuth

16. Juli 2013, 19:13
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Zum 200. Geburtstag Richard Wagners wurden in Bayreuth in diesem Jahr auch seine drei Frühwerke als Koproduktion mit der Oper Leipzig aufgeführt. Der Grüne Hügel selbst bleibt "Rienzi ", "Das Liebesverbot " und "Die Feen " jedoch verwehrt

Das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel ist mit Bauplanen verhängt, die aussehen wie ein Bühnenprospekt seiner selbst. Unten im Ort vor der Villa Wahnfried gähnt eine Riesenbaugrube. Den 200. Geburtstag des Meisters feiert man trotzdem. Vom Ring hört man, dass man nichts hört, weil weder Castorf noch Petrenko - ganz im Gegensatz zu den eingebürgerten Gebräuchen - Interviews geben. Bislang jedenfalls. Man hört aber auch nichts, was auf Sand im Vorbereitungsgetriebe hindeutet. Immerhin.

Da wird dann die Idee, die die beiden Wagner-Städte Bayreuth und Leipzig hatten, per se zum Jubiläumsschmankerl. Gemeinsam mit der Oper Leipzig präsentiert man nämlich jene drei Frühwerke, die Wagner aus dem Kanon der für sein Festspielhaus würdigen Stücke verbannt hat. Sein Wort - und wohl vor allem sein inhaltlich richtiges Urteil - achtend, nicht zuletzt aber, weil es logistisch gar nicht anders ginge, profitieren Rienzi, Liebesverbot und Die Feen nur vom Genius Loci Bayreuth, nicht aber von dem des Grünen Hügels.

Aufgeführt werden sie in der Oberfrankenhalle, die den Charme einer Sporthalle, trotz akustischer Nachrüstung mit Segeln, kaum verbergen kann. Harte Sitze und Sommerhitze, die die Wagnerianer eh gewöhnt sind, gibt es gratis obendrauf. Das Leipziger Gewandhausorchester sitzt schön sichtbar und alles in allem auch gut hörbar vor der eingebauten Bühne. Rienzi und Das Liebesverbot gibt es szenisch - im Falle der Feen steuert Ulf Schirmer den Orchesterpart konzertant bei.

Hitlers Lieblingsoper Rienzi hat es mit ihrem Grand-Opéra-Format auch in der Unter-vier-Stunden-Fassung dabei ziemlich schwer. Wobei Wagners amtierender Statthalter auf Erden, Christian Thielemann, aus dem chorstarken, auch mal ins melodiös Staatstragende abschwirrenden, pathosreichen ein präzise präsentiertes Klangereignis machte.

Vokal war das Ganze durchwachsen. Robert Dean Smith wirkte als Volkstribun ständig so, als würde er an seinem Limit singen. Auch Jennifer Wilsons Irene war allzu angeschärft. Die beste Performance lieferte Daniela Sindram als Adriano. Die Inszenierung (Regie: Matthias von Stegmann) beschränkte sich auf ein Spiel mit beweglichen Tribünenelementen und integrierte Videoeinspielungen mit Zitaten aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Zusammen mit konventionellen Operngesten kommt man nicht über die Qualitäten eines Open-Air-Spektakels hinaus.

Ganz anders dann Das Liebesverbot - diese Opera buffa, durch die mitunter auch schon mal Tannhäuser wetterleuchtet. Aron Stiehl und sein Team bewiesen schlagend, dass man in dieser Halle auch eine vollgültige Inszenierung präsentieren kann, wenn man es kann. Stiehl nimmt Wagners Version von Shakespeares Maß für Maß nicht als verkapptes Staatsdrama, sondern er nimmt es als Komödie ernst, macht dieser Beine, lässt sie schweben, ja abheben und sorgt so für ein Wagner-Vergnügen, das man bislang kaum für möglich gehalten hat. Ironisch, witzig, spritzig.

Spaß an der Freude

Jürgen Kriners intelligente Bühne macht im Handumdrehen aus einem mittsommernächtlichen Wald eine karge Klosterzelle oder eine bürokratische Machtzentrale. Dazu opulente Kostüme (Sven Bindseil) zwischen historischem Hippielook, stilisierter Uniformierung und Gehrock. Das Gewandhausorchester folgt diesmal dem zweiten Wagner-Spezialisten im Dirigentenbunde, Constantin Trinks, präzise und mit Spaß an der Freude. Auch das Protagonistenensemble aus Leipzig überzeugt. Göttlich etwa die Schwester Isabella von Christiane Libor, die irgendwann mal "Operette!" ins Publikum ruft. Stimmt. Und was für eine!   (Joachim Lange aus Bayreuth, DER STANDARD, 17.7.2013)

Spielzeit 2013/14, Oper Leipzig

  • Die komische Oper "Das Liebesverbot" trumpft mit opulenten Kostümen auf (David Danholt als Claudio).
    foto: bf medien

    Die komische Oper "Das Liebesverbot" trumpft mit opulenten Kostümen auf (David Danholt als Claudio).

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