Auschwitz-Ausstellung: "Ich dachte, nur Japaner können so grausam sein"

16. Juli 2013, 19:06
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China konzentrierte sich bisher auf den Krieg mit Japan - Jetzt soll die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg vielschichtiger werden

Im abgedunkelten Raum stehen maßstabgerecht nachgebaute Modelle der Verbrennungsöfen von Auschwitz. Ein kleiner Bub fragt in die beklemmende Stille hinein: "Warum haben sie Juden getötet?" Seine Mutter sucht nach Antworten: "Sie konnten sie nicht leiden, überhaupt nicht." Mittelschüler Liu Defu schreibt ins Gedenkbuch, das am Ausgang ausliegt: "Nie wieder darf es zu so einem faschistischen Albtraum kommen."

Li Zongyuan, der Vizedirektor des staatlichen "Museums zum Widerstandskrieg Chinas gegen Japan", sagt, dass viele der Besucher ungewöhnlich betroffen auf die kürzlich eröffnete erste Sonderausstellung der Volksrepublik über die Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau reagieren. "Sie hatten das nicht erwartet. Sie kommen aufgewühlt aus den Räumen", erklärt er.

Auf hunderten Fotos, mit Dokumentarfilmen und in minutiösen Schilderungen haben polnische Kuratoren des "Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau" der polnischen Stadt Oświęcim die grausamen Ereignisse im 700 Quadratmeter großen Seitentrakt des Museums aufbereitet. Sie verschaffen den Besuchern nicht nur museumsdidaktisch qualvoll eindringlich, sondern auch inhaltlich einen neuen Blickwinkel: Pekings Museen stellten bisher die Leidensgeschichte von Chinas Bevölkerung nach dem Überfall und der Besetzung durch Japan in den Mittelpunkt ihrer Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Die 50-jährige Pekingerin Bian Yujin zeigt sich nun über die deutschen Vernichtungslager von Auschwitz entsetzt: "Ich dachte, nur Japaner könnten so grausam sein."

Die meisten Chinesen wüssten "zwar über die Massaker der Japaner und ihre bakteriologische Kriegsführung Bescheid, aber nicht, wie viele Gräueltaten der Faschismus während des Zweiten Weltkriegs in anderen Staaten Asiens, in Russland und Europa anrichtete", sagt Li. "Die Ausstellung über Auschwitz verhilft uns zu einem neuen Verständnis, wozu im Weltkrieg Menschen fähig waren."

Neues Weltkriegs-Verständnis

Es ist auch eine Abkehr von einem jahrzehntelang politisch vermittelten vereinfachenden Geschichtsbild, wonach Chinas Bevölkerung zu dem hauptsächlichen Opfer aller Untaten des Faschismus wurde, besonders natürlich der japanischen Aggression und Barbarei.

Anfangs diente das 1987 erbaute Museum vor allem Pekings pa­triotischer, antijapanischer Propaganda. Der Ort tief im Südwesten der Stadt hat geschichtsträchtige Bedeutung: Am 7. Juli 1937 löste ein eher zufälliger Schusswechsel an der Lugoujiao-Brücke den acht Jahre dauernden chinesisch-japanischen Krieg aus. Bis zur Kapitulation Tokios 1945 forderte er mehr als zehn Millionen Tote unter Chinas Zivilbevölkerung.

50 Jahre nach Kriegsausbruch mit Japan wollte Peking mit dem Bau des Staatsmuseums vor allem die Jugend indoktrinieren, dass es Chinas Kommunisten unter Mao waren, die den Krieg gegen die Japaner führten, ihn gewannen und das Volk befreiten.

Nach inzwischen vier detailreichen Überarbeitungen konnten die Museumshistoriker die anfänglich grobe Geschichtspolemik und Agitation korrigieren. Sie rehabilitierten etwa die aktive Rolle, die die damalige National­armee Chinas und ihr Führer Chiang Kai-shek im Kampf gegen Japan spielten. "Wir erkennen sie heute als Patrioten an."

Geschichtsbücher nennen den 7. Juli 1937, als Japans Truppen über die Brücke stürmten und Peking besetzten, "auch den Startschuss für den Zweiten Weltkrieg in Fernost", sagt Li. "Wir wollen heute das gesamte Bild dieses Krieges zeigen, auch, wie die Welt dagegen anfocht."

In China stellten zudem viele Fragen, wie es unter dem Faschismus gerade in Kultur- und Wissensstaaten zu solcher Barbarei kommen konnte.

Seit 2010 arbeitet das Museum in Peking verstärkt mit anderen internationalen Museen zusammen. Die zwei Monate laufende Auschwitz-Ausstellung ist die bisher dritte Kooperation – die nächste ist für das zweite Halbjahr 2014 geplant. Dann soll die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin "Hitler und die Deutschen" nach Peking geholt werden.

Der Inhalt der Auschwitz-Ausstellung wurde allerdings nicht eins zu eins übernommen. China hatte den polnischen Kuratoren zwei Änderungen vorgeschlagen: "Wir baten darum, Modelle der Krematorien und einer Gaskammer für die Ausstellung nachzubauen." Den Besuchern sollte die "unmenschliche Vernichtungsmaschinerie" anschaulich gemacht werden.

Die zweite Änderung bestand darin, dass das jüdische Flüchtlingsmuseum in Schanghai einen der Ausstellungsräume gestalten durfte. Dieser Raum dokumentiert mit Fotos, Pässen, Orginaldokumenten und Exponaten des Alltagslebens, wie chinesische Diplomaten verfolgten Juden zu entkommen halfen.

Es gab aber auch Reibungspunkte. Das Projekt Auschwitz wäre beinahe am Streit um den Ausstellungsteil "Reaktionen der Weltöffentlichkeit" gescheitert. Peking wollte diesen Teil nicht übernehmen, solange sich unter den dokumentierten Weltführern, die sich entsetzt über das KZ-System äußerten, auch der Dalai Lama als Friedensnobelpreisträger befand. China verlangte, ihn zu entfernen. Polen war zu dieser Zensur nicht bereit.

Ausstellungsteil weggelassen

Am Ende wurde der betreffende Ausstellungsteil zur Gänze weggelassen, obwohl dazu auch Chinas Premier Wen Jiabao gehört hätte, der im April 2012 als erster chinesischer Politiker Auschwitz besucht hatte. Ins Gedenkbuch schrieb er dort: "Nur die, die sich ihrer Geschichte erinnern, können eine gute Zukunft aufbauen." (Johnny Erling, DER STANDARD, 17.7.2013)

  • Das KZ Auschwitz war vielen Chinesen bisher unbekannt. Eine Ausstellung soll das nun ändern.
    foto: johnny erling

    Das KZ Auschwitz war vielen Chinesen bisher unbekannt. Eine Ausstellung soll das nun ändern.

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