Der kurze Weg vom Ferkel zum Braten

16. Juli 2013, 18:46
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Die Österreicher sind Schweinefleischliebhaber - Auch wenn sie mehr auf Nachhaltigkeit achten - die Fleischqualität von Bio sei nicht besser als aus konventioneller Massentierhaltung, sagen Veterinärmediziner

Von der Empfängnis bis zur Schlachtung eines durchschnittlichen österreichischen Zuchtschweins vergeht nicht einmal ein Jahr. 114 Tage Trächtigkeitsperiode, vier Wochen Wurfzeit, sieben Wochen Aufzucht, 18 Wochen Mast. "Natürlich geht das sehr rasch, doch diese Tiere sind nur am Leben, um gegessen zu werden - eben Nutztiere", sagt Martin Wagner von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vet-Med).

Seine Projektpartnerin Isabel Hennig-Pauka, Professorin an der Klinik für Schweine an der Vet-Med, sieht das ähnlich nüchtern: "Viele Menschen leben nur mit der Bilderbuchidee eines Bauernhofs, verdrängen aber, dass in Europa die Produktion von Fleisch und die industrielle Verarbeitung die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen."

Österreich ist ein Land der Schweinefleischliebhaber. Der durchschnittliche Bürger isst etwa hundert Kilo Fleisch im Jahr, davon mehr als die Hälfte Schwein - und liegt damit im europäischen Schnitt an der Spitze. Es gibt rund 31.000 Schweinezuchten in Österreich, die meisten in Oberösterreich, Niederösterreich und der Steiermark. Ungefähr drei Millionen Schweine sind in Österreich heimisch.

Geht es um deren Verarbeitung durch den Menschen, unterscheidet Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover zwischen drei Phasen seit dem Jahr 1945: Die erste Phase ist die des Mangels. Es ging vorerst darum, erschwingliche Lebensmittel zu erzeugen und die Produktivität zu steigern. In der zweiten Phase wurden die Risiken ins Bewusstsein gerufen - das Thema Lebensmittelsicherheit rückte in den Vordergrund. Die letzte und bis heute andauernde Phase ist die des Schuldbewusstseins.

In dieser Zeit gilt es nicht mehr bloß, Hunger zu stillen. Fragen um das Tierwohl, Antibiotikareduktion und Nachhaltigkeit wurden und werden immer wichtiger, nicht nur für Tierschützer, sondern auch für den normalen Konsumenten. "Die Tierschutzgesetze in Österreich und Deutschland sind die besten der Welt. Doch die Tierschutzstrategien sind gescheitert, weil man sich bloß auf die Gesetze konzentriert und nicht auf das Tierwohl", sagt Blaha. Er kritisiert unter anderem, dass die Tiere an die Haltung angepasst werden - und nicht umgekehrt.

Qualitätssicherung statt Ethik

Den Werdegang der Schweine vom Ferkel bis zum Braten untersuchten Forscher der Vet-Med, der Universität für Bodenkultur Wien sowie neun Firmenpartner unter der Leitung von Martin Wagner. Das soeben abgeschlossene Projekt "Präventive Veterinärmedizin - Verbesserung der Schweinegesundheit für eine sichere Fleischproduktion" wurde durch das Kompetenzzentren-Programm Comet von Wirtschafts- und Infrastrukturministerium gefördert. Die Schwerpunkte waren Fütterungsmanagement, Impfungen, der Nachweis von Krankheitserregern und die Qualitätssicherung in der Schweineproduktion - um ethische Fragen ging es nicht.

Wagner will nicht leugnen, dass Tierschützer auch in Österreich "Worst-Case-Beispiele" von schlechter Tierhaltung finden können, ist aber davon überzeugt, dass die Fleischqualität in Österreich mit seiner kleinteiligen Landwirtschaft überdurchschnittlich gut ist. Jedes einzelne Fleischstück, das über das Fließband läuft, werde hierzulande von einem Tierarzt beschaut, die Daten würden erfasst und damit auch Rückmeldung und -verfolgung zum Bauern ermöglicht.

Wagner wie auch seine Kollegin Isabel Hennig-Pauka wollen außerdem deutlich machen: Ein Bio-Siegel bedeute nicht, dass das Fleisch besser sei als das aus Massentierhaltung. "In der Biolandwirtschaft gibt es eigene Regelwerke, die die Tierhaltung und die Futtermittel betreffen, Krankheiten können in diesen Betrieben aber genauso auftreten wie in der konventionellen Landwirtschaft", sagt Hennig-Pauka. Hygienischer sei sogar das Fleisch aus der Massenhaltung und Bio damit mehr eine Frage der Ethik.

Antibiotika-Resistenz

Unbestritten ist die Resistenzentwicklung von Keimen gegen in der Humanmedizin verabreichte Antibiotika - und der mögliche Zusammenhang, dass die resistenten Keime aus der Tierproduktion stammen. Denn die in der Veterinärmedizin verwendeten Antibiotika sind mit den humanmedizinischen oft eng verwandt.

Die prophylaktische Beigabe von Antibiotika zur Tiermast ist zwar seit einigen Jahren in der gesamten Europäischen Union verboten worden - "doch wenn die Tiere krank sind, muss man es tun", sagt Wagner. Weiterhin erlaubt sind Antibiotika auch dann, wenn im Betrieb ein Erreger gefunden wurde, noch bevor die klinischen Symptome zu erkennen sind. "Es ist billiger, Antibiotika zu verabreichen, als die Hygienebedingungen zu verbessern", sagt Thomas Blaha.

Jedenfalls sei schlechte Tierhaltung nicht auf die Betriebsgröße zurückzuführen. Sehr positive wie auch sehr negative Beispiele gebe es bei Kleinbauern genauso wie in Massenhöfen. "Zu strenge Tierschutzauflagen führen vor allem dazu, dass kleine Betriebe sie nicht erfüllen können. Die Alternative ist Fleisch aus dem Ausland", sagt Hennig-Pauka. Für sie ist der trotzdem beste Tipp an den Konsumenten, der am Tierwohl interessiert ist: "Fleisch aus der Region kaufen." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 17.7.2013)

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    Das Tierwohl wird immer wichtiger für die Schweinsbraten- und Schnitzelkonsumenten. Doch schlechte Tierhaltung kann ebenso bei Kleinbauern wie in Massenhöfen vorkommen, meinen Forscher.

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