Wer rettet uns vor der Zivilgesellschaft?

Kommentar der anderen16. Juli 2013, 18:17
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Eine kleine Attac-Attacke vor der Sommerakademie des globalisierungskritischen Bündnisses

Für das Burgenland begann die Finanzkrise nicht erst mit den Lehman-Brothers, sondern mit der Bank Burgenland. Das war knapp zehn Jahre früher - interessant, wenn man bedenkt, dass dem Burgenland in vielerlei Hinsicht Rückständigkeit zugeschrieben wird. In dieser Sache also war man der Welt einmal voraus. In der Welt ist auch der Verdacht, dass der Fall der Bank Burgenland damals nicht durch ein Zuwenig, sondern durch ein Zuviel an gesellschaftlicher Kontrolle begleitet gewesen sein könnte. Insofern hat die heurige "Attac-Academy" (17. bis 20. Juli in Eisenstadt) lokalen Witz. Der Ort ist gut gewählt, nur Klagenfurt wäre noch geeigneter gewesen.

Auch wenn, wie dem Programm zu entnehmen ist, eine Abgeordnete zum burgenländischen Landtag die Akademie eröffnen wird, ist wohl kaum mit Aufklärung über den Verbleib der Gelder der Bank Burgenland zu rechnen. Schon damals hat diese Frage weder die Gesellschaft noch ihre Verwaltungs- und Kontrollorgane besonders interessiert. Der "deutsche Betrüger" war als Teufelsfigur gut genug, um einen allfälligen Verdacht in gewohnter, gleichwohl säkularisierter katholischer Rhetorik abzuleiten. Es hätte auch ein Yankee sein können, ein Spekulant, Hedgefonds oder Swap.

Bei so vielen Bösewichten ist es jedenfalls gut, wenn sich die Gesellschaft auf die Kontrollkompetenz ihrer Organisationen und Institutionen, wie Parteien, Landtage und Regierungen, verlassen kann. Und diese können sich auf die Gesellschaft verlassen: Wann immer das Geld (ver)schwindet, will die Zivilgesellschaft gegen die internationalistische, kapitalistische, neoliberale Teufelei gestärkt werden. Und das wird sie auch, gewiss, wenn auch vorwiegend in besonderen Strukturen wie Parteien, Sozialpartner und Vorfeldorganisationen.

Nicht dass der Neoliberalismus lustig wäre. Aber in einer Gesellschaft, aus der durch Gegenreformation, Josephinismus und Vernichtung des jüdischen Bürgertums der Liberalismus gründlich entfernt wurde, ist erstens zu fragen, ob man sich vor der Wiederkehr eines Monsters fürchtet. Und zweitens: Wer oder was in einem Land, wo Parteienstaat und Kirche konkordial herrschen, uns davor bewahrt, allein von "Krone" und "Kirchenzeitung" erzogen zu werden.

Die Lösung kann nur aus der Zivilgesellschaft kommen - das hört man so oft, dass man hellhörig wird. Was ist die Realität dahinter? Wo ist sie, die Zivilgesellschaft? Vielleicht im Schulsystem? Das ist immerhin der größte Konzern in jeder Republik, der Kohorten von Gleichaltrigen wie in der preußischen Kadettenausbildung zuverlässig im 50-Minuten-Takt unter die national-feudale Weltanschauung weist? Ist sie gar - vielleicht nur unsichtbar - im Kampf gegen die in der Schule herrschende Parteibuchwirtschaft sichtbar?

Schon wegen tausender Beamter, die mit ihrer Pragmatisierung besonderen Schutz für freies Denken mitbekommen haben, sollte man sie dort vermuten. Doch wann immer in den vergangenen Jahren etwa die Idee zur Abschaffung von Schulinspektoren oder die Selbstverwaltung von Schulen aufkam, geschah dies - eigentlich seltsam - nicht unter Lehrern oder Eltern, sondern durch die jeweiligen Unterrichtsminister.

Offenbar nimmt die Zivilgesellschaft mit den globalen Spekulanten lieber gleich größere, weltweite Aufgaben ins Visier. Der Kampf gegen monströse Gefahren bringt es dann freilich mit sich, dass man zu Hause zusammenhalten muss. Außerdem kann man da eh nichts machen. Bei uns ist es eben so. Oder: Wir sind eben so.

Umso flotter tanzt die Zivilgesellschaft international um globale Probleme. Zivilgesellschaft - ein Begriff, der weltweit gehandelt wird wie Börsenpapiere. Fides substantia rerum est - der Glaube ist das Wesen der Dinge. Doch angesichts ihrer erbärmlichen Performance in der heimischen Republik und ihrer kosmopolitischen Ahnungslosigkeit sollte die Sorge wachsen, ob es sich hier nicht um ein Spekulationspapier der besonderen Art handelt.

Kann uns die Zivilgesellschaft vor dem globalen Desaster retten? Das ist eine notwendige Frage. Wer rettet uns vor der Zivilgesellschaft? Das ist eine vielleicht nicht ganz so nette, doch womöglich ebenso notwendige Frage. (Hans Göttel, DER STANDARD, 17.7.2013)

Hans Göttel ist Leiter des Europahauses Burgenland.

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