Twitter statt Experten-Beurteilung im Wissenschaftsbetrieb

16. Juli 2013, 17:50
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Soziale Medien und offen zugängliche Wissenschaftsportale sorgen für Umbrüche der Publikationskultur

Wie lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse messen? Wie können sie verbreitet werden - und welche Probleme gibt es dabei? Diese Fragen stehen im Zentrum der dreitägigen Konferenz für Bibliometrie und Szientometrie, die noch bis morgen, Donnerstag, an der Universität Wien stattfindet. Es ist die 14. internationale Konferenz der International Society for Scientometrics and Informetrics (ISSI). Mit den Veranstaltern Austrian Institute of Technology (AIT) und Universität Wien tritt Österreich erstmals als Gastgeber auf. Über 350 Wissenschafter nehmen daran teil.

Bibliometrie und Szientometrie sind Forschungsfelder der quantitativen Wissenschaftsforschung, in der etwa Publikationsleistungen von Wissenschaftern und Institutionen gemessen und analysiert werden. Wie Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Vizerektorin für Forschung der Universität Wien, am Dienstag feststellte, hatte die Disziplin in den letzten Jahrzehnten damit enormen Einfluss auf die Umstrukturierung des Wissenschaftsbetriebs.

"Basierend auf ihren Daten fällen wichtige Akteure im Wissenschaftsbetrieb Entscheidungen - diese Verantwortung tragen sie auf ihren Schultern", sagte sie. Mehr denn je entscheiden sich Berufungen zu Professuren eher nach der Publikationsleistung als etwa der Lehrerfahrung. Auch für die Verteilung von Drittmitteln sind Publikations- und Zitationsindizes von zentraler Bedeutung.

Die Bibliometrie stellt zwar immer noch ein entscheidendes Kriterium dar, wenn es um die Bewertung von wissenschaftlicher Qualität geht, gerade in den letzten Jahren ziehen ihre Methoden aber auch immer mehr Kritik nach sich. "Wir sind eine Disziplin, die versucht zu messen, was sich nicht vermessen lässt: die Wissenschaft", sagte der Konferenz-Vorsitzende Juan Gorraiz, der die Bibliometrie der Uni Wien leitet. Anstatt allein Publikationen und Zitierungen zu zählen, müssen sich die Wissenschaftsforscher mehr darum bemühen, ihre eigenen Methoden kritisch zu analysieren - darüber herrschte Einigkeit.

Für Diskussion sorgte hingegen der Eröffnungsvortrag von Johan Bollen von der Universität Indiana. Er thematisierte die immer wichtigere Rolle sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter sowie frei zugänglicher Open-Access-Journals im Wissenschaftsbetrieb, was die etablierten Peer-Review-Journals in seiner Analyse ein wenig alt aussehen ließ. Bei ihnen entscheidet ein strenges Begutachtungsverfahren über die Publikation einer Studie, der Zugang ist in der Regel kostenpflichtig.

Ein ähnliches Bild zeichnet Vincent Larivière von der Universität Montreal. Einer Studie zufoge, die er mit Kollegen durchführte, werden Arbeiten, die ausschließlich im frei zugänglichen Archiv arXiv publiziert werden, in ähnlichem Ausmaß zitiert wie arXiv-Publikationen, die zusätzlich in renommierten Fachjournalen erscheinen - "dieses Ergebnis hat uns selbst überrascht", meinte einer der Studienautoren.

Anarchistisches Modell

"Wir brauchen kein Peer-Review, wir wissen schon, wo die guten Leute sind", lautete Bollens provokante These. Seiner Analyse zufolge ist die Gruppen-Intelligenz, die sozialen Netzwerken wie Twitter erwächst, in ähnlicher Weise fähig, die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten zu beurteilen wie die traditionellen Peer-Review-Verfahren. Das sei ein "anarchistisches Modell", meinten Kritiker. Die Diskussionen darüber setzten sich nicht nur in den Kaffeepausen, sondern auch in dem Medium, das den Anstoß dazu gab, fort: auf Twitter.  (Tanja Traxler, DER STANDARD, 17.7.2013)


Der Twitter-Hashtag der ISSI-Konferenz lautet: #issi2013, die offizielle Website: www.issi2013.org

  • Etablierte Fachmagazine sehen zunehmend alt aus neben Open-Access- Journals und neuen Publikationsplattformen in sozialen Netzwerken.
    foto: standard/fischer

    Etablierte Fachmagazine sehen zunehmend alt aus neben Open-Access- Journals und neuen Publikationsplattformen in sozialen Netzwerken.

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