Behinderungen im Tanz der Geschlechter

16. Juli 2013, 17:58
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Wim Vandekeybus und Michael Turinsky brillieren mit zwei scheinbar gegensätzlichen Stücken

Wien - Bild eins: Eine junge Frau schiebt einen Mann im Rollstuhl auf die Bühne und kippt das Gefährt nach hinten. Der Körperbehinderte scheint hilflos liegen zu bleiben. Bild zwei: Eine Tänzerin sitzt hinter einem Tischchen und schlägt, klopft, kratzt darauf. Ein Soundsystem verstärkt das bis an den Rand des Erträglichen. Es sind Kommandos, denen zwei Männer folgen, die wie ferngesteuert horizontal auf dem Boden wirbeln.

So beginnen bei Impulstanz zwei Stücke, die völlig gegensätzlich zu sein scheinen: Das Solo heteronomous male des österreichischen Choreografen und Philosophen Michael Turinsky und die Gruppenarbeit What the Body Does Not Remember des Belgiers Wim Vandekeybus. Auf der einen Seite der Mann im Rollstuhl und auf der anderen neun akrobatische Tanzvirtuosen. Hier eine unbekannte, intellektuelle Arbeit aus jüngster Gegenwart, da ein emotionsbetontes, actionreiches Schlüsselwerk der Tanzgeschichte aus den späten Achtzigerjahren.

Beide Anfangsbilder suggerieren den Versuch, den Mann als Opfer hinzustellen. Aber so sind Anfänge der darstellenden Kunst eben oft. Sie können täuschen. Sobald die Rollstuhlschieberin in heteronomous male abgegangen ist, windet sich Turinsky aus seinem Rollstuhl, richtet sich halb auf und beginnt zu tanzen. Seine Bewegungen sind so, wie sie ein "gesunder" Tänzer niemals ausführen könnte, und sie besitzen Qualitäten, die sofort in eine Welt führen, die der Mehrheit unserer Gesellschaft unbekannt ist.

Gerade das Verlassen des Rollstuhls bedeutet das Überschreiten einer Grenze, ein Sich-Hinauswagen in ungesichertes Gelände und die ungestützte Preisgabe des Körpers darin. Turinsky scheint sich in den Raum zu hängen, darin zu zittern, zu pendeln. Auf den Knien bewegt er sich fort, zieht sich an einem Tisch auf der Bühne des Schauspielhauses hoch. Und er beginnt zu sprechen. Mit hoher Konzentration, denn auch das Reden ist schwierig für ihn.

Seine Sätze sind einigermaßen theoretisch und eine Herausforderung für die Zuschauer. Ihr Inhalt - die Position des Behinderten in Tanz und Gesellschaft - ist ernst, Turinsky fängt dieses Gewicht jedoch ab. Drei Spielzeug-Stehaufmädchen aus Plastik pendeln unter dem Tisch und geben ein lustiges Klingklang von sich. Der Tänzer krabbelt auf den Tisch und lächelt schelmisch. Verunsichertes Lachen im Publikum.

In diesem Augenblick sind wir Zuschauer dort, wo Turinsky uns haben will: zwischen allen Schubladen. Er sagt: "Um der feministischen Kritik an Jackson Pollocks Drip-Paintings zu folgen: In welchem Maß kann die Nähe des behinderten Tänzers zum Boden als Kritik der phallozentrischen Vertikalität formuliert werden?"

Da ist es wieder, das Anfangsbild von Vandekeybus' What the Body Does Not Remember im Volkstheater: die auf den Boden gezwungenen Männer als patriarchales Wahnbild zwischen Machismus und Masochismus. Und schon geht es dahin. Männliche und weibliche Tänzer stürzen sich in einen Wettkampf, einmal agieren sie miteinander, dann plötzlich wird es sexistisch. Die Männer tasten die Frauen ab. Diese wiederum weichen aus, greifen an oder erstarren. Sie gehen zu Boden, springen hoch. Ein Mann übernimmt eine Frauenrolle. Das Bild verrutscht.

Imitation der Gewalt

Am Ende steht Gewalt. Der Versuch, einander zu zertreten. Und die Imitation der Gewalt als virtuoses Spiel, in dem das Zertreten in eine Geschicklichkeitsübung überführt wird. Vandekeybus hat dieses sein Debütstück von 1987 nicht bloß als die spektakuläre Action formuliert, zu der es immer verkürzt wird, sondern als Darstellung des Kampfs - auch der Geschlechter - gegeneinander als gefährliche gesellschaftliche Behinderung. An Brisanz hat diese Arbeit (noch einmal am 17. 7.) heute eher gewonnen als verloren.   (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 17.7.2013)

  • Michael Turinsky, ausgelieferter "heteronomous male".
    foto: lucas zavalia

    Michael Turinsky, ausgelieferter "heteronomous male".

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