Eine andere Spannung

18. Juli 2013, 17:00
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Für Elisabeth Kulman ist der Auftritt im Haus für Mozart in Salzburg eine Premiere. Die Mezzosopranistin singt dort zum ersten Mal. Daniel Ender plauderte mit ihr über ihre Rolle der Mrs. Quickly in Verdis leichter Oper "Falstaff"

Auch das gibt es bei einem Künstler: Der erste Auftritt an einem Ort. Elisabeth Kulman ist dem Salzburger Festspielpublikum bekannt, sie hat hier schon sowohl im Großen Festspielhaus gesungen als auch in der Felsenreitschule. Wenn man nun zum ersten Mal einen Saal, ein Opernhaus betritt, in dem man später auftreten wird: Was macht man da? Lässt man einfach einmal den Raum auf sich wirken? Gibt es fixe Arien und Lieder, mit denen man erst einmal die Akustik austestet? Schickt man jemanden in den Publikumsbereich, der eine Rückmeldung gibt, wie die Stimme im Raum wirkt?

"Natürlich lässt man zuerst einfach die Atmosphäre auf sich wirken", erklärt Kulman. "Das ist, wie wenn man in eine Kirche geht, da schaut man sich das auch zuerst einfach einmal an." Selbstverständlich sei für einen Sänger die Akustik das wichtigste Kriterium: "Prinzipiell habe ich mir aber angewöhnt, mich nicht von der Akustik abhängig zu machen – weil das irritierend sein kann. Ich als Sängerin kann mich ja nicht von außen hören. Dafür braucht man einen Lehrer oder eine Aufnahme oder jemanden im Publikum mit guten Ohren." Deswegen habe sie in gewissem Sinne aufgehört, ihren Ohren Glauben zu schenken: "Ich höre mehr auf meinen Körper, ich spüre ihn, und der weiß, wie der Ton zu produzieren ist." Hauptverantwortlich dafür, dass die Balance auf der Bühne stimmt, sei selbstverständlich der Dirigent. "Ich versuche einfach, mich zu akklimatisieren, mich nicht irritieren zu lassen und mich wie in meinem Wohnzimmer zu fühlen."

Es entstehen emotionale Bindungen

Gibt es Aufführungsorte, die einem sympathischer sind als andere, oder ist man da Profi und sagt, das nehme ich nicht groß zur Kenntnis? "Natürlich gibt es ­emotionale Verbundenheiten", sagt die gefeierte Mezzo­sopranistin – mitunter auch gepaart mit lokalen Widrigkeiten. "Wenn ich im Musikverein singe, dann schauen mir die Leute in der ersten Reihe fast in die Nasenlöcher rein. Aber trotzdem: Es ist der Musikverein! Die Akustik ist fantastisch!" Vor kurzem habe sie einen Liederabend in der Londoner Wigmore Hall gegeben und sei irritiert gewesen, weil die Akustik sehr hallig und der Raum so klein sei: "Meine erste Reaktion war: ‚Ich brauch mehr Platz, ich brauch mehr Platz!'" Nach einer Probe zur Eingewöhnung habe sie hier aber einen ihrer besten Liederabende ­gesungen, in einer einzigartig intimen Stimmung.

Opernhäuser, an denen sie schon viel gesungen hat – da entstehen wahrscheinlich auch gewisse Bindungen. "Natürlich. Wenn man die Leute hinter der Bühne schon kennt und grüßt, die Bühnentechniker, Chormitglieder, Orchestermusiker: Ich mag das. Und natürlich auch das Publikum. Wenn ich in Wien an der Staatsoper auftrete, dann merke ich schon zu Beginn: Die kennen mich, die mögen mich. Das ist berührend und macht's einem leichter." Bei den Salzburger Festspielen zu singen: Ist das angenehmer als der normale Opernbetrieb, weil Sommer ist, weil es ausreichend Probenzeit für eine Produktion gibt, oder ist es aufgrund des enormen Erwartungsdrucks stressiger? "Das Besondere an Festspielen wie Salzburg ist, dass es innerhalb kurzer Zeit relativ viele Premieren gibt. Und dadurch liegt schon eine andere Spannung
in der Luft wie beim normalen Repertoirebetrieb." Bekommt man von den anderen Premieren und Produktionen denn etwas mit, oder ist man nur auf die eigene Sache fokussiert? "Nein. Man streckt die Fühler aus, trifft die Kollegen, tauscht sich aus."

In Salzburg singt die gebürtige Burgenländerin im Haus für Mozart – an jenem Spielort des Festspiel­bezirks, der wahrscheinlich auf die wechselvollste Geschichte zurückblicken kann. 1925 von Clemens Holzmeister gebaut, wurde das vormalige Kleine Festspielhaus mehrmals umgebaut. 1937 wurde der Publikumsraum um 180 Grad gedreht; ein Jahr später wurden nach dem Anschluss ans Deutsche Reich die Fresken Anton Faistauers, die Mosaike Anton Koligs und die Skulp­turen von Jakob Adelhart entfernt. "Reichsbühnenbildner" Benno von Arent leitete den Umbau, der 1939 mit einer Aufführung von Richard Strauss' Der Rosenkavalier unter der Leitung von Karl Böhm eröffnet wurde.

Nach erneuten Baumaßnahmen Anfang der 1960er-Jahre wurde das Kleine Haus vom Holzmeister-Schüler Wilhelm Holzbauer und dessen Schüler François Valentiny zum jetzigen Haus für Mozart umgestaltet: Der schlauchartige Publikumsraum wurde um zehn Meter verkürzt, das Fundament um vier Meter tiefer gelegt, wodurch ein zweiter Rang errichtet werden konnte. Die akustischen Verhältnisse sind seither deutlich vorteilhafter geworden.

Im Haus für Mozart singt Kulman nun also die Mrs. Quickly in der Neuproduktion von Verdis perlend leichtem, vergnüglichem Opernletztling. Den Falstaff kann man als ein von der Komödiensonne beschienenes Eiland beschreiben, dem mit Theaterblut getränkten Kontinent des Verdi'schen Opernschaffens mit Respekt­abstand nachgelagert. Das gewichtige Zentrum der ­federleichten Burleske ist Sir John Falstaff, der Ritter von der üppigen Gestalt – in Salzburg dargestellt von Ambrogio Maestri. Falstaff ist in Geldnöten, zwei gutsituierte Damen sollen ihm aus der pekuniären Malaise helfen. Trotz seines fortgeschrittenen ­Alters und seines etwas abgenützten ­Erscheinungsbildes vertraut der einge­bildete Don Juan auf seine Qualitäten als unwiderstehlicher Womanizer.

In der auf Shakespeares The Merry ­Wives of Windsor basierenden Komödie stellt er gleich zwei (verheirateten) Frauen nach: Mrs. Page und Mrs. Ford. Diese durchschauen das Spiel von Anfang an. Deren umtriebige Nachbarin Mrs. Quick­ly spielt die Rolle einer mit allen Wassern der Täuschungskunst gewaschenen Liebesbotin.

Der Partie der Mrs. Quickly blickt Elisabeth Kulman mit Freude und Gelassenheit entgegen: "Ich hab die Rolle drauf, ich habe sie schon oftmals an der Wiener Staatsoper gesungen. Und wir haben die Inszenierung mit Damiano Michieletto intensiv geprobt, die Inszenierung steht." Den jungen Italiener – er inszenierte im letzten Sommer in Salzburg eine charmant zeitgenössische Bohème, in der er Anna Netrebko an die Würstelbude schickte – ­beschreibt Kulman als "hochmusikalischen" Menschen, der wahnsinnig viele Ideen habe und auch eine tolle handwerkliche Fähigkeit, sie umzusetzen. Die Arbeit mit ihm habe irrsinnigen Spaß gemacht.

Drei fesche Frauen auf dem kürzeren Ast

Michieletto versetzt die Handlung des Falstaff in die Casa Verdi von heute – das Altersheim in Mailand, welches der Komponist für Künstler im Ruhestand errichten ließ. Kommt das bei ihr und ihren Kollegen gut an? "Ich halte es für eine gute Idee. Nur wir Damen sind – als Geister, die aus einem vergangenen Jahrhundert kommen – zu unserem Leidwesen auf viktorianische Weise eingepackt bis zum Hals, blass geschminkt, die Kostüme sind graubraun und beige. Da haben wir sachte protestiert. Schließlich sind wir drei fesche Frauen, die auch ihre optischen Qualitäten in der vermeintlichen Verführung des Sir John einbringen wollen. Aber das Konzept ist anders, und da spießt sich die Vorstellung des Sängers mit der des Kostümbildners. In diesem Fall sitzen wir Sänger am kürzeren Ast und müssen dar­auf vertrauen, dass das ausgedachte Konzept aufgeht."

Mit dem Bühnenbild und dessen akustischen Auswirkungen zeigt sich die 40-Jährige nach einer ersten Probe vor Ort hochzufrieden: "Es ist geschlossen und fast zur Gänze aus Holz gebaut. Das ergibt einen schönen, satten, runden Klang, der Sänger wird nicht zum Forcieren verleitet. Das Haus für Mozart scheint mir auch ganz besonders geeignet für unsere Geschichte in der ‚Casa Verdi'."

Was ihr Sorgen mache, und darüber hat sie sich ja schon öffentlich geäußert, sei die enge Disposition der Vorstellungen. "Vier Aufführungen an fünf Tagen, das ist nicht lustig. Das kann man so eigentlich nicht machen, so was hat es auch noch nie gegeben. In Salzburg zahlt das Publikum Unmengen von Geld, um das Beste vom Besten zu hören. Da gibt man sich nicht zufrieden mit einem müden Sänger. Und es ist für uns einfach grundsätzlich kritisch, wenn dem Körper nicht die Ruhe gegönnt wird, um diese Höchstleistungen zu erbringen. Ich habe es Alexander Pereira gesagt, und er hat sich auch dafür entschuldigt. Wir werden sehen, ob's geht, ob wir Ausfälle haben oder nicht."

Die Proben seien entspannt und intensiv gleichzeitig gewesen: "Wir sind eine zusammengewürfelte Truppe mit vielen Italienern, der Falstaff ist ein Ensemblestück, und da ist es schon wichtig, dass man sich gut kennt. Und das braucht seine Zeit." Zubin Mehta ist für die Feinabstimmung der Vokalartisten wie Ambrogio ­Maestri, Fiorenza Cedolins oder Stephanie Houtzeel verantwortlich. Der Stardirigent ist schon im Falstaff-Alter, charakterliche Parallelen zur Titelfigur kann Kulman nur bedingt ausmachen: "Ich habe gehört, dass er gern einlädt und ein großzügiger Gastgeber ist. In diesem Sinn hat er vielleicht etwas von der barocken ­Lebenslust des Sir John Falstaff." (Stefan Ender, Rondo Spezial, DER STANDARD, 19.7.2013)

Haus für Mozart

  • ab 1925: erstes Festspielhaus der Festspiele
  • Seit dem Mozartjahr 2006 trägt es den Namen Haus für Mozart.
  • 1495 Sitzplätze
  • 85 Stehplätze
  • 19. Juli 2013: Premiere der Oper Falstaff
  • 27. Juli 2013: Premiere der Oper Lucio Silla
  • 17. August 2013: Premiere der Oper Norma
  • 21. August 2013: Premiere der Oper Così van tutte

Dieser Artikel wurde finanziert von Montres Rolex SA. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Elisabeth Kulman ist mit dem Bühnenbild des Falstaff und der Akustik im Haus für Mozart sehr zufrieden: "Das ergibt einen schönen, satten, runden Klang, der Sänger wird nicht zum Forcieren verleitet." Ob die Couch eine tragende Rolle spielt, war nicht herauszufinden.
    foto: lisi specht

    Elisabeth Kulman ist mit dem Bühnenbild des Falstaff und der Akustik im Haus für Mozart sehr zufrieden: "Das ergibt einen schönen, satten, runden Klang, der Sänger wird nicht zum Forcieren verleitet." Ob die Couch eine tragende Rolle spielt, war nicht herauszufinden.

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