Pfizer: Arzneimittelfälschungen zehnmal lukrativer als Drogenhandel

16. Juli 2013, 14:50
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200.000 Malariatote pro Jahr gehen laut WHO-Schätzungen auf Kosten gefälschter Malariamittel

Wenn Drogendealer festgenommen werden, gibt es Schlagzeilen. Doch mit gefälschten Medikamenten laufe weltweit ein Geschäft ab, das viel problematischer sei, behauptet der US-Pharmakonzern Pfizer. Gefälschte Arzneimittel seien zehnmal lukrativer als Kokain oder Heroin und viel gefährlicher. "Kein Konsument kann erkennen, was er da wirklich einnimmt", sagte David Shore, Global Security Director für den EU-Bereich bei Pfizer, am Dienstag bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

Immer mehr gefälschte Medikamente ...

Shore war 20 Jahre lang als Kriminalist bei Scotland Yard auf Drogenkriminalität spezialisiert. Bei den gefälschten Arzneimitteln habe man es mit ähnlichen Strukturen des organisierten Verbrechens zu tun, so Shore, doch es fehlt an Problembewusstsein, rechtlichen Regelungen und Personal bei den Behörden.

Das Ausmaß des Problems sei enorm: Im Jahr 2007 seien in Großbritannien 8,6 Millionen Dosen gefälschter Arzneimittel beschlagnahmt worden, 2011 seien es 11,4 Millionen gewesen, im vergangenen Jahr nur noch 4,6 Millionen. Kriminalpolizei, Justiz und Zoll seien auf diese Machenschaften nicht ausreichend vorbereitet.

Die Bekämpfer der Arzneimittelfälschungen haben zwei verschiedene Märkte identifiziert: Einerseits den Internethandel vor allem mit Lifestyle-Medikamente, andererseits gefälschte Ware in der legalen Arzneimittel-Versorgungskette. Der Pfizer-Sicherheitsbeauftragte: "Lebensrettende Medikamente kauft man nicht im Internet. Bei Internet-Apotheken, die Rezepte akzeptieren und gleich Arzneimittel ausliefern, geschieht das oft automatisch." Der Abstand zwischen Bestellung und Abwicklungsbestätigung liege bei Sekunden. Da könne niemand prüfend dahinterstehen.

... auch in legaler Versorgungskette

Auch in die legale Versorgungskette kämen weltweit immer mehr gefälschte Medikamente. Das geschehe etwa über Parallelimporte zur Nutzung unterschiedlicher Arzneimittelpreise in verschiedenen Ländern oder über Ketten von Großhändlern.

1.500 Lizenzen für den Arzneimittel-Großhandel würden pro Jahr in Großbritannien ausgegeben. Ein solches schließlich ausgehobenes Unternehmen sei eigentlich eine Fahrschule gewesen, berichtete Shore. Hier sollte stärker kontrolliert werden. "Doch auch in Schweden, wo man sagte, es gibt keine gefälschten Arzneimittel, weil es dort nur zwei Pharmagroßhändler gibt, fanden sich welche", so der Experte. "Das ist ein Riesengeschäft. Ein modernen Krebsmedikament kostet in der Monatspackung 3.000 bis 6.000 Euro. Da lässt sich viel verdienen."

Shore bezeichnet es als "grässlich", auf welche Labors zum Teil unter freiem Himmel die Fahnder stoßen würden, wenn sie Produzenten in China, Thailand oder Indien ausheben. Ebenso schockierend sei die Analyse, was in den oberflächlich perfekt gestalteten Tabletten enthalten ist. So habe ein gefälschtes Schmerzmittel in Bolivien ein Insektizid, Bodenwachs und Ziegelstaub enthalten. Der einzige Grund, weshalb niemand daran gestorben sei: Das Insektizid hatte sich so fest an den Ziegelstaub gebunden, dass es nicht freigegeben wurde.

200.000 Tote jährlich wegen gefälschter Malariamittel

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass von einer Million Malariatoten 200.000 pro Jahr auf Kosten gefälschter Malariamittel gehen. Zwischen 2007 und 2012 seien in Österreich 28.000 Dosen an gefälschten Medikamenten aufgegriffen worden, in Deutschland vier Millionen, so Shore. Die Zahlen passten in der Größenordnung - beim sonst oft genannten Faktor zehn für solche Vergleiche - nicht wirklich zusammen.

Verbesserungen für Europa soll ein neues EU-System ab 2017 bringen, bei dem jede einzelne Arzneimittelpackung eine Seriennummer erhält, die bei der Abgabe in der Apotheke dann überprüft wird. Shore: "Das wird viel bringen, aber alle Vorkehrungen können auch missbraucht werden." (APA/red, derStandard.at, 16.7.2013)

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    Auf die Dimensionen des Handels mit gefälschten Medikamenten sind Kriminalpolizei, Justiz und Zoll nicht ausreichend vorbereitet, sagt ein Sicherheitsdirektor des US-Pharmariesen Pfizer.

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