Google "setzt uns als Medienmacher Pistole an die Brust"

Interview16. Juli 2013, 17:33
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Im Herbst startet die deutsche "Huffington Post". Wie in den USA arbeitet die Mehrheit für das Webportal ohne Bezahlung, sagt ihr Manager Oliver Eckert. Ob er die Bedingungen von Marktbeherrscher Google unterschreibt, prüft er noch.

STANDARD: Warum bringen Sie die "Huffington Post" in für Medien schwierigen Zeiten nach Deutschland?

Eckert: Die "Huffington Post" ist in den USA sehr erfolgreich und hat auch sehr erfolgreiche Launches in anderen europäischen Ländern hingelegt. Wir denken, der deutsche Markt ist bereit und braucht ein neues journalistisches Modell. Die "Huffington Post" ist eine Nachrichten- und Engagement-Plattform, sie verbindet Informationen von Journalisten mit Inhalten von Menschen wie Bloggern, die Beiträge liefern, und das sehr vernetzt in den Medien.

STANDARD: Auf ihrer Website wendet sich die "Huffington Post" an Deutschsprachige - also auch an Österreicher und Schweizer?

Eckert: Ja, auch an Österreich und auch für die Schweiz. In der Startphase planen wir keine Regionalausgaben, aber in einer späteren Phase könnten wir spezielle Ausgaben für Österreich und die Schweiz haben. Alle Menschen, die deutschsprachige Beiträge liefern, sind eingeladen. Das heißt, auch aus Österreich, der Schweiz, aus Liechtenstein, Luxemburg und Südtirol.

STANDARD: Ihr Geschäftsmodell kombiniert Beiträge professioneller Journalisten mit solchen von dafür nicht bezahlten Bloggern. Wie viele dieser beiden Typen werden Sie beim Start im Herbst haben?

Eckert: Wir werden zum Start 15 Journalisten haben und 50 bis 60 Blogger aus allen Bereichen, Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport bis Entertainment.

STANDARD: Ist es vertretbar, dass ein gewinnorientiertes Medienunternehmen von unbezahlter Arbeit profitiert?

Eckert: Die Blogger werden ja nicht gezwungen, sie machen es freiwillig. Wir vergleichen das gerne mit eine Sendung in Fernsehen. In einer politischen Diskussion etwa vetreten Menschen ihre Meinung ja auch und werden dafür nicht bezahlt. Und in deutschen Tageszeitungen werden auch nicht alle Gastautoren bezahlt für ihre Essays. Unser Modell ist kein Widerspruch zur internationalen Praxis.

STANDARD: Ihre wirtschaftlichen Ziele in Deutschland?

Eckert: In fünf Jahren möchten wir unter den fünf größten Nachtrichtenportalen sein, das ist unser Ziel. Und wir möchten ungefähr so viele Leser haben, wie heute "Focus Online" hat - das sind knapp zehn Millionen Unique User pro Monat. Binnen eineinhalb Jahren sollen es drei bis dreieinhalb Millionen sein. Und wir wollen innerhalb der ersten zwei Jahre profitabel werden.

STANDARD: Wie viele Unique User haben Sie in Frankreich und Italien?

Eckert: Die "Huffington Post" ist dort im Herbst 2011 gestartet und hatte im Frühjahr 2013 dreieinhalb Millionen. Italien ist gut gestartet und über Plan, so wie Spanien.

STANDARD: Was können Sie von Frankreich lernen?

Eckert: Ein neues Portal bringt frischen Wind in den Markt. Und wichtig ist eine Leitfigur, eine Anchor-Person. Editorial Director ist dort Anne Sinclair, die ehemalige Frau von Dominique Strauss-Kahn. Sie bringt das Portal nach vorne, bringt Publicity, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor dort.

STANDARD: Wer ist Ihre Huffington, Ihre Sinclair?

Eckert: Wir suchen die deutsche Arianna Huffington. Das kann eine Frau oder ein Mann sein. Eine Anchor-Persönlichkeit in der Funktion des Editorial Director, die bekannt ist aus dem Fernsehen, eine eigene Talkshow hat, etwas in der Art. Und der oder die dem Portal als Berater und als Symbolfigur vorsteht.

STANDARD: Anne Will?

Eckert: Wir kommentieren keine Namen.

STANDARD: Eine aktuelle Umfrage des Reuters Institute an der Universität Oxford sieht die Deutschen eher konservativ in ihrer Informationsnutzung. Sie hätten gut etablierte, vielfältige, vertrauenswürdige Medien.

Eckert: Das Feedback unserer User sagt anderes. Viele sind unzufrieden mit den deutschen Medien, sie hätten gerne neue, frische Stimmen. Wir rechnen mit jungen Menschen in Deutschland, die nicht mit einer Tageszeitung aufgewachsen sind, sondern mit digitalen und sozialen Medien.

STANDARD: Der deutsche Verlegerverband vergleicht Sie mit einer Gratiszeitung.

Eckert: Wir sind kostenlos, so weit stimme ich zu. Es wird keine Paywall geben. Aber unser Qualitätsanspruch ist doch etwas höher als bei Gratiszeitungen. Die "Huffington Post" hat in den USA 2012 einen Pulitzerpreis gewonnen. Unser Anspruch auch in Deutschland ist hochwertiger Journalismus.

STANDARD: Wie viele US-Storys übersetzen Sie ins Deutsche?

Eckert: Im Frankreich sind das drei bis vier Artikel pro Tag. Wir gehen von ähnlichen Größenordnungen aus.

STANDARD: Die "Huffington Post" sammelt Informationen aus anderen Quellen. Wie vereinbaren Sie das mit dem neuen Leistungsschutzrecht in Deutschland?

Eckert: Was wir tun, tun wir im Einklang mit dem Leistungsschutzrecht. Unser Hauptaktionär Hubert Burda hat sich sehr stark für dieses Leistungsschutzrecht eingesetzt. Wir reißen Themen nur an und verlinken dann. Vielleicht gehen wir ja Kooperationen mit anderen Medien ein.

STANDARD: Die Grundidee des Leisstungsschutzrechts ist, wer Inhalte anderer aggregiert, muss dafür zahlen.

Eckert: Ja, aber das Leistungsschutzrecht erlaubt Schlagzeilen und kurze Anrisse ohne Bezahlung. Das darf auch Google. Das Leistungsschutzrecht zielt auf maschinelle Aggregatoren ab. Wenn die "Huffington Post" mit Schlagzeilen und Kurzinfos manuell auf Artikel anderer verlinkt, ist das absolut im Rahmen des Leistungsschutzrechts.

STANDARD: Google verlangt gerade von Medien als Reaktion ihr Einverständnis, in Google News vorzukommen. Werden Sie die Erklärung unterschreiben?

Eckert: Wir prüfen das zurzeit noch. Wir sehen natürlich die marktbeherrschende Stellung von Google in Deutschland. Es gibt neben Google eigentlich keine zweite Suchmaschine, keinen zweiten Aggregator mit so großer Marktmacht. Die Einverständniserklärung bedeutet: Der Marktbeherrscher setzt uns als Medienmachern die Pistole an die Brust. Das prüfen wir jetzt im Rahmen des Leistungsschutzrechts. Wir haben bis Ende Juli Zeit, zu akzeptieren oder zu verweigern. Die meisten Medien prüfen das noch, soviel ich weiß. (Alison Langley, DER STANDARD, 17.7.2013, Langfassung)

Oliver Eckert (40) kam über "Bild" und die Mediengruppe RP zu Tomorrow Focus Media, einer Tochter von Burda.

Link
huffingtonpost.com

  • Oliver Eckert: "Wir suchen die deutsche Arianna Huffington. Das kann eine Frau oder ein Mann sein."
    foto: focus/moelle susanne

    Oliver Eckert: "Wir suchen die deutsche Arianna Huffington. Das kann eine Frau oder ein Mann sein."

  • Die "Huffington Post" in Deutschland.
    foto: screenshot

    Die "Huffington Post" in Deutschland.

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