Prozess um tote Patientin: Mangelndes Wissen als Grund für Tod im Spital

16. Juli 2013, 18:21
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Ein Schuld- und zwei Freisprüche nach Herzinfarkt durch Überdosis Schmerzmittel

Wien - 6300 Euro ist Kirstin B.s Leben wert gewesen. Zumindest aus juristischer Sicht. Denn zu dieser Strafe verurteilt Richterin Andrea Philipp am Dienstagnachmittag, nicht rechtskräftig, Martin J. - und sieht es damit als erwiesen an, dass der 39 Jahre alte Arzt die 23-Jährige im November 2008 fahrlässig getötet hat.

Atembeschwerden durch zu viele Medikamente

Der Hintergrund: Die junge Frau war im Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland an beiden Füßen operiert worden - ein an sich harmloser Eingriff. Doch auch Stunden nach der Operation klagte sie über starke Schmerzen - welche J., damals Turnusarzt auf der Station, mit starken Medikamenten bekämpfen wollte. Allerdings: Es waren zu viele. In den Morgenstunden muss das Opfer unbemerkt Atembeschwerden bekommen haben, die schließlich zu einem Herzinfarkt geführt haben.

Auf der Anklagebank sitzen neben J. auch der Operateur Hans-Jörg T., der die starken Opioide verschrieben hat, sowie Johannes S., der Geschäftsführer des Spitals. Der ist allerdings nicht persönlich angeklagt, er steht nur stellvertretend für die Anstalt, der im Rahmen einer Verbandsklage eine Geldstrafe droht.

"Eindeutig toxikologische Menge"

Über Schuld und Unschuld entscheiden in diesem Fall vor allem die Sachverständigen. Im Gegensatz zu psychologischen Expertisen können sie sich aber auf härtere Fakten stützen.

Wie Gerald Zernig, der für den chemisch-toxikologischen Bereich zuständig ist. Seine Aussage ist eindeutig. 107 Nanogramm pro Milliliter hatte die Patientin im Blut. "Normalerweise werden zwischen 5 und 30 therapeutisch eingesetzt, ab 75 Nanogramm beginnt der toxische Bereich", führt er aus. Die Wirkung des Piritramid genannten Medikamentes sei aber individuell, da es bei jedem Menschen anders in den Stoffwechsel übergehe.

Auch sein Kollege Günter Gmeiner spricht von einer "eindeutig toxikologischen Menge". Und: Die gleichzeitige Gabe von Benzodiazepinen habe den atmungsgefährdenden Effekt sogar noch verstärkt. Sylvia Fitzal und Gerichtsmediziner Christian Reiter entlasten den erstangeklagten Operateur: Der Eingriff sei lege artis erfolgt und die von ihm empfohlene Schmerzmitteldosierung gängig.

Mängel im Wissensstand

Vernichtend sind die weiteren Aussagen von Fitzal. J. habe viel zu wenig gewusst über die postoperative Schmerztherapie, wobei sie ein generelles Problem ortet: "In dem Spital gab es Mängel im Wissensstand." Außerdem hätte die Patientin überwacht werden müssen, als klar wurde, dass trotz der Medikamente ihre Schmerzen nicht nachließen - dadurch sei sie eine Risikopatientin gewesen. J.s Kardinalfehler war allerdings, dass er nicht beachtete, was die Anästhesisten nach der Operation bereits verabreicht hatten.

45.000 Euro für die Eltern

Sein Verteidiger Ernst Schillhammer kämpft in seinem Schlussplädoyer tapfer, aber erfolglos. Der Vorwurf, die Tötung sei unter besonders gefährlichen Bedingungen erfolgt, sieht Philipp zwar nicht bestätigt. Aber neben der Geldbuße muss J. auch 45.000 Euro Schmerzensgeld an die Eltern zahlen.

Operateur und Spital werden dagegen, ebenso nicht rechtskräftig, freigesprochen. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 17.7.2013)

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