Das Auge: Wichtigstes, aber auch fehleranfälliges Sinnesorgan

26. Juli 2013, 10:43
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Evolutionäre Fehlentwicklungen sind verantwortlich für die steigende Zahl an Fehlsichtigen, blinden Fleck - und blaue Augen

Das Auge ist unser wichtigstes Sinnesorgan - es nimmt 80 Prozent aller wahrgenommen Informationen auf. Allerdings ist es auch eines der fehleranfälligsten. Sechs von zehn Österreichern brauchen einen Sehbehelf, Tendenz steigend. In nicht allzu ferner Zukunft sollen sogar alle Menschen unter Kurzsichtigkeit leiden - stimmt das?

Stundenlange Naharbeit

"Die Zahl der kurzsichtigen Menschen nimmt vor allem in den Industrieländern zu. Das hat mit der "Naharbeit" zu tun, die viele Menschen heute täglich stundenlang verrichten müssen", sagt der Evolutionsbiologie Franz Wuketits. Dass aber eines Tages alle Menschen kurzsichtig sein werden, glaubt er nicht.

Aber nicht nur die geänderten Anforderungen unserer Umwelt, auch die genetische Prädisposition spielt bei der Verbreitung von Fehlsichtigkeit eine Rolle. Einer aktuellen Studie zufolge ist das Risiko für Kurzsichtigkeit bei einer ungünstigen genetischen Ausgangslage bis zu zehnmal höher als normal. Welche Rolle nun das Erbgut und welche die Umwelt spielt, ist schwer zu sagen. Fakt ist aber, dass sich die Anforderungen an unsere Augen sich im Laufe der Menschheitsgeschichte massiv verändert haben.

Bei unseren steinzeitlichen Ahnen war laut Wuketits die Fernsicht noch von größter Bedeutung. Eine potenzielle Beute oder einen gefährlichen Feind schon aus der Ferne zu erkennen, war lebenswichtig. Im heutigen Arbeitsalltag, der vor allem in Innenräumen und am Schreibtisch abläuft, spielt das freilich keine Rolle mehr. Mit den sich rasant ändernden Anforderungen konnte die Evolution nicht Schritt halten.

Blinder Fleck

Eine andere Schwachstelle am Auge existiert schon seit es den Menschen gibt: Der blinde Fleck. Das ist jener Punkt, an dem der Sehnerv mitsamt Blutgefäßen die Netzhaut verlässt und an dem aufgrund fehlender Lichtrezeptoren das Gesichtsfeld eingeschränkt ist.

Normalerweise wird der blinde Fleck nicht wahrgenommen, weil die Leerstelle im Gesichtsfeld vom zweiten Auge und ständigen minimalen Augenbewegungen korrigiert wird. Nur wenn man bei Tests gezielt darauf achtet, kann man die Stelle erkennen, die bei einäugiger Betrachtung weiß bleibt. Nicht nur der Mensch, sondern alle Wirbeltiere haben einen blinden Fleck - anders als etwa Tintenfische, bei denen der Sehnerv von außen auf die Netzhaut trifft, ohne das Gesichtsfeld einzuschränken.

Blaue Augen - ein Sonderfall

Keine Fehlkonstruktion, aber ein evolutionärer Sonderfall sind blaue Augen: Ursprünglich hatten alle Menschen braune Augen, bis vor Jahrtausenden durch einen Gendefekt der oder die erste Blauäugige zur Welt kam.

Der Grund: Der Regenbogenhaut (Iris) fehlt das Farbpigment Melanin, das etwa auch für die Hautbräune verantwortlich ist. Dass heute rund zehn Prozent der Weltbevölkerung eine andere Augenfarbe als braun haben (überwiegend blau, aber auch Abstufungen wie grün und grau), liegt an der raschen Verbreitung des Gendefekts - vermutlich, weil damit ein evolutionärer Vorteil bei der Partnerwahl einherging.

So haben Blauäugige meist auch eine hellere Hautfarbe, was zu einer höheren Aufnahme von UV-Licht und somit zu einer gesteigerten Produktion des lebensnotwendigen Vitamin D führt. Dies stellte gerade in nördlichen Regionen einen evolutionären Vorteil dar - und ist der Grund, warum im nördlich gelegenen Estland etwa 99 Prozent aller Menschen blaue Augen haben, rund um den Äquator aber fast niemand. (Florian Bayer, derStandard.at, 26.7.2013)

  • Das Auge ist unser wichtigstes Sinnesorgan - aber nicht alles ist daran perfekt.
    foto: dpa/fredrik von erichsen

    Das Auge ist unser wichtigstes Sinnesorgan - aber nicht alles ist daran perfekt.

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