US-Rassismusstreit nach Freispruch: Feigenblatt Obama

Kommentar15. Juli 2013, 19:35
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Psychologisch geht es um ein uraltes Gefühl: Dass schwarzen Amerikanern nur ein Platz in der zweiten Gesellschaftsreihe zusteht

Es ist gut fünf Jahre her, da hielt Barack Obama seine vielleicht beste Rede. Als Präsidentschaftskandidat sprach er über Rassenbeziehungen, eines der schwierigsten Themen in Amerika. Er konnte Tabus anschneiden, der Sohn einer Mutter aus Kansas und eines Vaters aus Kenia, der sich mit den Worten empfahl, er habe Schwestern, Nichten, Neffen und Cousins praktisch jeder Hautfarbe. Freimütig erzählte er von seiner Großmutter, einer herzensguten Frau, die sich anstelle der Mutter rührend um ihn kümmerte und doch in Stereotypen befangen war. Die ihrem Enkel gestand, welche Angst sie ausstehe, wenn schwarze Männer auf der Straße an ihr vorübergingen.

"Diese Menschen sind ein Teil von mir. Und sie sind ein Teil Amerikas, des Landes, das ich liebe", sagte Obama und avancierte endgültig zum gefeierten Versöhner. Und wohl auch zu einer Art Feigenblatt. Als er ins Weiße Haus zog, machte das schöne Wort von den farbenblinden USA die Runde, als seien dunkle Kapitel endgültig abgehakt, als sei die Segregation im Süden nur noch ferne Geschichte. Umso ernüchternder verdeutlicht der Freispruch für den Hobbysheriff George Zimmerman, verdeutlichen die Reaktionen auf das umstrittene Urteil, dass die neue Normalität zu früh proklamiert wurde. Dass Obama ein starkes Symbol ist, aber die Realität viel facettenreicher.

Da ist Charles Blow, der sonst so nachdenkliche Kolumnist der New York Times, den das Schicksal Trayvon Martins, des von Zimmerman erschossenen Teenagers, schier zur Verzweiflung treibt. Bisher, sagt er, habe er schwarzen Jugendlichen immer geraten, in unübersichtlicher Lage bloß nicht zu rennen, denn schon das könnte Verdacht erregen. Martin aber schlenderte betont lässig dahin, als sich der Wächter an seine Fersen heftete. "Soll ich jetzt sagen, lauft bloß nicht zu langsam, denn dadurch macht ihr euch verdächtig?", fragt Blow. Andere beklagen die Zusammensetzung einer Jury, in der fünf weiße Frauen saßen und eine Latina, aber keine schwarze Geschworene.

Es sind bittere Vorwürfe, denen das Gericht entgegnen kann, dass es sich ans bewährte Prinzip hielt: im Zweifel für den Angeklagten. Psychologisch aber geht es um ein uraltes Gefühl: dass schwarzen Amerikanern nur ein Platz in der zweiten Gesellschaftsreihe zusteht. Selbst wenn Obama in der ersten sitzt, das Gefühl ist geblieben. Es gibt Momente, da reißen Wunden, die Optimisten verheilt glaubten, frisch auf. Die Causa Zimmerman ist so ein Moment. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 16.7.2013)

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