"Wir haben sehr viel mit dem Islam gemeinsam"

Interview16. Juli 2013, 05:30
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Rudolf Gehring über Homosexualität, verfolgte Christen und weitere Wahlkampfthemen der Christlichen Partei

daStandard.at sprach mit Rudolf Gehring, dem Bundesobmann der Christlichen Partei Österreichs (CPÖ), über das Programm seiner Partei, ihre Position zu Flüchtlingen und Asylwerbern und die Fragen, was die Christen von Gender-Mainstreaming halten, wieso Muslime sie wählen sollten und was die CPÖ von den anderen Parteien in Österreich unterscheidet.

daStandard.at: Einige Ihrer Themen lesen sich wie ein Mix aus ÖVP- und FPÖ-Forderungen. Was haben Sie mit diesen beiden Parteien gemeinsam und was unterscheidet die CPÖ von der ÖVP respektive der FPÖ?

Gehring: Dass unsere Forderungen mit ÖVP-Forderungen etwas gemeinsam haben, halte ich für etwas weit hergeholt. Wir haben im Grundsätzlichen sehr wenig gemeinsam. Natürlich gibt es gewisse Übereinstimmungen, aber im Grundsätzlichen sind wir sehr unterschiedlich. Sei es bei der Frage des Lebens, sei es bei der Frage der Familie. Wenn ich aus der ÖVP höre: "Familie ist dort, wo Kinder sind", klingt diese Definition zwar nett, aber das definiert nicht die Familie. Auch in wirtschaftlichen und Bildungsfragen unterscheiden wir uns stark von der ÖVP. Und nicht viel anders ist es bei den Freiheitlichen, obwohl hier und da die Freiheitlichen ähnliche Positionen beziehen und sich erfreulicherweise unseren anschließen. Seit es die CPÖ gibt, merken wir, dass zum Beispiel im Familienbereich einige unserer Forderungen zur Diskussion gekommen sind, die früher nicht da waren.

daStandard.at: Welche zum Beispiel?

Gehring: Die Forderung nach einer Vertretung der Familien, so wie es eine Vertretung der Senioren gibt. Das haben zuletzt sogar die ÖVP und die FPÖ in ihr Programm aufgenommen. Das Familienwahlrecht und die Förderungen für Familien sind auch solche Themen, die Gott sei Dank von diesen beiden Parteien mittlerweile aufgegriffen wurden.

daStandard.at: Können Sie das Konzept des Familienwahlrechts näher erläutern?

Gehring: Die Idee dahinter ist, dass Familien zusätzlich eine Stimme bekommen für die Kinder, die noch nicht wahlberechtigt sind. Durch das derzeitige Wahlrecht haben die Familien und die Jugend zu wenig Gewicht in der Politik. Wir fordern eine Generationengerechtigkeit, und die spielt bei dieser Überlegung eine große Rolle. In der katholischen Kirche wird das bei den Pfarrgemeinderatswahlen auch so gehandhabt und praktiziert.

daStandard.at: Ihre Partei tritt vehement gegen Gender-Mainstreaming auf. Warum?

Gehring: Weil das Gender-Mainstreaming - man kann es vereinfacht sagen - menschenverachtend ist. Die absurde Idee, dass unser Geschlecht nicht angeboren ist, sondern dass es sich im Laufe des Lebens entwickelt, ist für uns nicht nachvollziehbar. Dieser Auffassung nach wird man erst durch die Erziehung oder durch die Umwelt zu einem Mann oder zu einer Frau. Einen größeren Unsinn gibt es kaum. Ich möchte aber ergänzen, dass die Forderung nach Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau etwas ganz anderes ist, das hat nichts mit Gender-Mainstreaming zu tun. Die Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau ist eine urchristliche Position. Das wurde auch nicht erst in der Aufklärung erfunden, sondern ist eine urchristliche Sache. In der überblickbaren Geschichte der Menschheit ist dieser Gedanke zuerst im Christentum aufgekommen, und andere haben es in der Folge übernommen.

daStandard.at: Wie viele Frauen werden auf Ihrer Nationalratswahlliste vertreten sein?

Gehring: Wir haben die Liste noch nicht endgültig erstellt, ich denke aber, dass es ziemlich ausgewogen zwischen Männern und Frauen sein wird.

daStandard.at: Die CPÖ fällt immer wieder mit schwulenfeindlichen Aussagen auf. Welches Problem haben Sie mit Schwulen und Lesben?

Gehring: Persönlich habe ich kein Problem mit Schwulen und Lesben. Ich habe mit der Institutionalisierung der Homo-Ehe ein gewaltiges Problem, weil das wider unseren natürlichen Auftrag ist. Unserem Verständnis nach ist Homosexualität eine Verirrung. In der Menschheitsgeschichte sind Schwulen- und Lesbenbeziehungen immer und zu Recht als Beziehungen wider die Natur bezeichnet worden. Und warum soll es jetzt auf einmal anders sein? Die Sinnhaftigkeit ist bei null. Eine Ehe ist logischerweise nur zwischen Mann und Frau möglich und sinnvoll, denn ein wichtiger Bestandteil der Ehe ist die Weitergabe des Lebens, und das geht bei zwei gleichgeschlechtlichen Menschen nicht.

daStandard.at: Homosexualität an sich ist für Sie also weniger das Problem, sondern die Institutionalisierung der Homo-Ehe?

Gehring: Der Homosexualität würde ich in der Verantwortung gegenüber der Jugend nicht so einen großen Stellenwert einräumen, den sie derzeit hat. Das ist eine Irreführung der Jugend, und da muss man schon sehr aufpassen, weil es dann manche Jugendliche cool und lustig finden, aber das ist nicht cool und lustig. Das ist zu viel des Guten.

daStandard.at: In einer Presseaussendung haben Sie beim Thema Flüchtlinge und Asylwerber gefordert, dass sich Österreich verstärkt um Menschen kommern sollte, "die wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden". Wie sieht es mit Menschen mit einem anderen oder keinem Glaubensbekenntnis aus?

Gehring: Man muss zwischen Flüchtlingen und Asylanten unterscheiden. Grundsätzlich sollte jeder Mensch egal welcher Glaubensrichtung in Österreich Zuflucht finden können, wenn er verfolgt wird. Unsere Forderung ist politisch aktuell, weil aus vielen Berichten hervorgeht, dass die Christen die größte verfolgte Gruppe auf der ganzen Welt sind. Die Christian Solidarity International hat ziemlich genaue Zahlen veröffentlicht, die erschreckend sind. In Syrien werden aktuell sehr viele Christen verfolgt, und da sollte man vorrangig helfen. Soweit ich es aus der Ferne beurteilen kann, sind Muslime nicht so stark gefährdet, und deswegen sollte die Konzentration auf den Christen liegen.

daStandard.at: Warum sollte Sie jemand mit einem muslimischen Glaubensbekenntnis wählen?

Gehring: Weil wir im Grunde genommen die gleichen Werte vertreten wie der Islam. Also was die Ehe betrifft, was die Familie betrifft, was die Homosexuellen betrifft und auch was das Wirtschaften betrifft, etwa bei der Frage der Zinseszinsen. Wir haben sehr viel gemeinsam.  

daStandard.at: Wie stehen Sie zum Bau von Minaretten und Moscheen in Österreich?

Gehring: Gebetsräume sollte jede Religion so viele haben, wie sie für nötig erachtet. Die Moschee ist aber mehr als nur ein Gebetsraum, und da habe ich schon ein Problem damit, weil in diesen Moscheen eine Parallelgesellschaft aufgebaut wird, und das ist für Österreich nicht gut. Gegen die Parallelgesellschaften habe ich schwere Bedenken. In Tirol wurden zuletzt Friedensrichter eingesetzt, um zwischen den Religionen zu vermitteln, und das ist genau die Spitze dieser Parallelgesellschaften, und das ist problematisch.

daStandard.at: Was sind die Schwerpunkte Ihrer Migrationspolitik?

Gehring: Jeden, der legal nach Österreich kommt, muss man auch so behandeln wie einen Österreicher. Für diese Personen muss auch der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Arbeit dient schlussendlich auch der menschlichen Würde. Die Menschen, die illegal nach Österreich über irgendwelche Schlepperbanden hereinkommen und die zweifelhafte oder kriminelle Vergangenheit haben, müssen wieder zurückgeschickt werden. Menschen, die nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Österreich kommen oder sich in ihren Heimatländern nicht so wohlfühlen - das geht nicht.

daStandard.at: Sprich, "Wirtschaftsflüchtlinge" sollten in Österreich nicht aufgenommen werden?

Gehring: Wir haben ein System mit der Rot-Weiß-Rot-Karte, und wenn da die Auflagen erfüllt werden, dann ist alles in Ordnung. Aber die, die über Schlepperbanden hereinkommen, und das sind viele, Tausende jedes Jahr - klar sind viele von ihnen sehr arm, aber Österreich kann nicht die Probleme der ganzen Welt lösen. Es gibt auch reiche arabische Staaten, und da höre ich nicht, dass sie ihre Glaubensbrüder aufnehmen.

daStandard.at: Was werden die wichtigsten Wahlkampfthemen der CPÖ sein?

Gehring: Themen rund um die Familie sind unser ganz großes Anliegen, der Lebensschutz vom Anfang bis zum Ende, also keine Euthanasie. Dann die Sorge um die Schwachen, denen geholfen werden muss. Beim Thema Wohnen werden wir die Position der Mieter unterstützen, die ganz sicher zu den Armen und Schwachen in Österreich gehören. Ein weiteres Thema wird natürlich die Generationengerechtigkeit sein. Auch notwendige Veränderungen im Justizsystem werden wir thematisieren. Generell werden wir viele Bereiche der Gerechtigkeit ansprechen, und da geht es nicht nur um materielle Gerechtigkeit, sondern um die Frage, wie geht man gerecht mit der Natur um, also Umweltschutz, wie gehen wir mit unserer Geschichte um. Beispielsweise in der Judenfrage: Wir ziehen vom Golan ab, da hängt uns unsere Geschichte nach. Die Frage, wie gehen wir mit unserer Geschichte um, sind wir da gerecht oder sind wir einseitig, ist auch etwas, was wir besprechen müssen.     

daStandard.at: War der Abzug der österreichischen Soldaten von den Golan-Höhen richtig?

Gehring: Die Soldaten haben dort nichts verloren. Unser Grundprinzip ist: Auf der ganzen Welt haben Soldaten in einem fremden Land nichts verloren.

daStandard.at: Wie viel Prozent sind für Ihre Partei bei der Nationalratswahl realistisch?

Gehring: Vier plus. (Siniša Puktalović, daStandard.at, 16.7.2013)

Rudolf Gehring engagiert sich seit 2008 bei der Christlichen Partei Österreichs. 2009 übernahm er das Amt des Bundesobmanns. Aufgrund der Kandidatur bei der Bundespräsidentenwahl 2010 gab er diese Funktion vorübergehend wieder ab. Bei dieser Wahl errang er 171.668 Stimmen beziehungsweise 5,43 Prozent.

  •  Rudolf Gehring, Chef der Christlichen Partei, kandidierte bei der Bundespräsidentenwahl 2010.
    foto: siniša puktalović

    Rudolf Gehring, Chef der Christlichen Partei, kandidierte bei der Bundespräsidentenwahl 2010.

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