Comedian-Star mit Bodenhaftung

Porträt16. Juli 2013, 07:00
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Schauspielerin Melissa McCarthy pfeift auf sämtliche Schablonen, die Hollywood für Frauen bereithält. Derzeit ist sie in dem Buddy-Cop-Movie "Taffe Mädels" zu sehen

Melissa McCarthy kann sich nicht nur über eine rasant wachsende Fangemeinde freuen, sondern auch über eine, die für sie in die Bresche springt. Als der Filmkritiker Rex Reed die Schauspielerin in einem Artikel Anfang Mai als "fettes Nilpferd" beschimpfte und als "tractor-sized" beschrieb, kannten McCarthys Fans auf Twitter keinen Pardon für Reed.

Während die Aussagen des 74-Jährigen in den sozialen Medien und auch von KollegInnen zahlreich kommentiert wurden, reagierte die 42-Jährige  erst einmal gar nicht. Erst gut sechs Wochen später meinte sie gegenüber der "New York Times": "Jemand, der in so viel Hass schwimmt, tut mir wirklich leid." Bei aller Coolness gab sie aber auch zu, dass sie in jüngeren Jahren ein solcher Artikel "vielleicht zerstört hätte". Und auch als Mutter zweier Töchter (5 und 3 Jahre) machen ihr die verbreiteten negativen Körperbilder Sorgen. Vor allem junge Mädchen könnten die kontinuierliche Botschaft "du siehst nicht gut genug aus" nicht so einfach von sich weisen.

Brautjungfrau  Megan

Wie die verhältnismäßig sanfte Reaktion auf Rex Reed zeigt, macht Melissa McCarthy nicht viel Aufhebens um sich selbst. Nicht, wenn sie angegriffen wird und auch nicht - was derzeit weitaus öfter vorkommt -, wenn sie in den Himmel gelobt wird für ihre Filmprojekte und Rollen. "Ich habe eine realistische Sicht auf das Business, in dem ich arbeite", meint McCarthy. Es sei unvorhersehbar, wann sich das Fenster zum Erfolg öffne und wann es sich wieder schließe.

Mit dem überraschenden Erfolg der US-Komödie "Brautalarm" (2011), die McCarthy eine Oscarnominierung als Beste Nebendarstellerin einbrachte, hat sich das Fenster für sie definitiv geöffnet. In der vielgelobten Komödie spielt sie die außen knallharte und innen butterweiche Megan. Als Regierungsbeamtin streift sie nicht nur ein ordentliches Gehalt ein, sondern kennt auch sämtliche Codes für die Zündung von Atomwaffen, ist sexuell offensiv und weiß auch sonst sich zu nehmen, was sie will.

Eine Szene aus "Brautalarm". Melissa McCarthy als Megan und ihr Mann Ben Falcone als Air Marshal. Quelle:  YouTube

"Brautalarm" machte auch deutlich, wie sehr Hollywood noch immer ein Boys Club ist. Denn dass Frauen die mitunter derben Pointen liefern, ist tatsächlich noch immer ungewöhnlich. Viel eher schütteln sie sanft den Kopf und kommentieren diese mit einem verhaltenen  "Oh Jim", wie McCarthy wohl mit Seitenhieb auf die Comedy-Show "Immer wieder Jim" mit James Belushi und Courtney Thorne-Smith meint. Mit Tina Fey ("30 Rock") und "Braualarm"-Hauptdarstellerin Kristen Wiig zählt Melissa McCarthy zu den ersten weiblichen Comedy-Superstars der USA.

Ihr Fach gelernt hat McCarthy wie viele andere US-Comedians im "The Groundings", einem Improvisationstheater und Ausbildungsstätte in Los Angeles, wo sie seit den späten 90ern lebt. Das Theater, bei dem sie zehn Jahre lange Mitglied war, hielt sie auch in der Stadt, in der sich "die Menschen selbst in der Kaffee-Warteschlange interessant machen wollen", so McCarthy über Los Angeles. Im "The Groundings" lernte sie auch ihren Mann Ben Falcone kennen, den sie 2005 heiratete.

Aufgewachsen ist McCarthy auf einer Farm in Plainfield in Illinois, wo sie ihre Eltern auch auf die Universität schickten. Allerdings hielt sie es dort nur für anderthalb Jahre aus, bevor sie nach New York und schließlich nach Los Angeles übersiedelte.

Die manische Köchin Sookie St. James

Ihren Erfolg hat sich McCarthy schwer erarbeitet. Nach der harten Schule als Stand Up Comedian in New York und im "The Groundings" sowie zahlreichen kleineren Rollen in Film und Fernsehen wurde sie einem größeren Publikum durch die Rolle der etwas manischen Köchin Sookie St. James in der Erfolgsserie "Gilmore Girls" (2000 bis 2007) bekannt. Nach mehreren Nebenrollen im Kino und TV-Serien bekam sie 2010 schließlich eine Hauptrolle in der Sitcom "Mike & Molly", für die sie einen Emmy gewann. Gemeinsam mit Billy Gardell spielt sie darin ein Paar, das sich bei einer Selbsthilfe-Gruppe für Übergewichtige trifft. Eine ziemlich brave Rolle im Vergleich zu den darauffolgenden Charakteren, die für McCarthy schließlich den Durchbruch bringen sollten.

In der Gaunerinnen-Komödie "Voll Abgezockt" übernahm McCarthy eine Hauptrolle, die ursprünglich für einen Mann vorgesehen war - zumindest solange bis die Produzenten des Films auf McCarthy aufmerksam wurden. Und seit kurzem ist die Schauspielerin in einem Buddy Cop Movie zu sehen. McCarthy spielt in "Taffe Mädels" die Streifenpolizistin Mullins, Sandra Bullock die FBI-Agentin Ashburn. Kerniger Working Class Hero mit Hang zur Gewalt versus regeltreuer Ehrgeizling - dieses Spiel durften bisher in zahlreichen Buddy Cop Movies nur Männer spielen: "Starsky & Hutch", "Auf die harte Tour" oder "Bad Boys" sind nur Beispiele für ein riesiges Genre, das bisher eine klare Männerdomäne war.

Quelle: YouTube

Sie sei froh, dass sie jemanden anderen spielen könne, denn sie selbst wäre ziemlich langweilig, so McCarthy über sich selbst. Dieser Selbsteinschätzung scheint McCarthy mit ihren Rollen wohl kräftig entgegenzuarbeiten. Ob McCarthys vollzogene Brüche mit den vorherrschenden Frauenrollen in Hollywood auch etwas mit Feminismus zu tun hätten? "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht", so McCarthy in einem Interview. "Doch weil ich mir diese Frage noch nicht gestellt habe, werte ich das mal als Fortschritt." (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 16.7.2013)

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    Melissa McCarthy ist derzeit in "Taffe Mädels" zu sehen.

  • Ihre Rolle als Megan in "Brautalarm" brachte McCarthy den Durchbruch.
    foto: epa/suzy hanover

    Ihre Rolle als Megan in "Brautalarm" brachte McCarthy den Durchbruch.

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