"Im Gefängnis verfestigen sich kriminelle Karrieren"

Interview15. Juli 2013, 18:15
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Statt Chance auf Resozialisierung zu haben, würden Häftlinge durch Psychopharmaka und Wegsperren ruhiggestellt, sagt Kriminalsoziologe Arno Pilgram

STANDARD: Justizministerin Beatrix Karl hat eine Reihe von Maßnahmen gegen die vieldiskutierten Missstände in der Jugendhaft vorgestellt. Reichen diese aus?

Pilgram: Den großen Sprung nach vorn bringt das Paket nicht, es stellt bestenfalls Missstände ab. Zum Teil bleiben die Maßnahmen sogar hinter dem zurück, was das Gesetz jetzt schon vorsieht: Demnach soll Einzelunterbringung in Zellen über Nacht längst die Regel sein, doch versprochen werden nun wieder nur Zweitbettzimmer. Außerdem ist das Verhindern von Gewalteskalationen in der Haft nur eine Sache. Ich finde in den Vorschlägen zu wenig positive Resozialisierungsvision. Wenn Jugendliche schon in den Strafvollzug müssen, dann sollten sie vor allem etwas für ihre Reintegration mitbekommen.

STANDARD: Und das ist in den Gefängnissen derzeit nicht der Fall?

Pilgram: Für Resozialisierung stehen die Chancen schlecht. Nur eine Minderheit kommt in den Genuss von Programmen, die wirklich weiterhelfen - etwa zur Berufsausbildung. Telelearning böte große Möglichkeiten, doch entsprechende Projekte wurden wieder eingestellt, sobald die EU-Förderung ausgelaufen war. Wichtig wäre für die Insassen auch, an Geschehnissen der Außenwelt teilnehmen zu können, etwa an Sport- und Kulturveranstaltungen. Weil es dafür aber Begleitung braucht, scheitert vieles an den Personalproblemen. Oft beschränken sich die Anstalten darauf, die Häftlinge ruhig zu halten.

STANDARD: Wie geschieht das?

Pilgram: Durch simples Wegsperren und auch den Einsatz von Psychopharmaka - was angesichts der vielen Drogenabhängigen naheliegend, aber keine Lösung ist. Menschen mit psychischen Problemen sind - genauso wie die Jugendlichen in der Anstalt Josefstadt - auch im Normalvollzug untergebracht und nicht in gut ausgestatteten Sondereinrichtungen. All das führt dazu, dass die Haftbedingungen derzeit eher die Desintegration fördern.

STANDARD: Vielleicht ist Resozialisierung aber auch nur eine romantische Träumerei. Sind Erfolge messbar?

Pilgram: Es gibt schon belegbare Unterschiede. Nachdem arbeitende Gefangene 1993 Anspruch auf Kollektivlohn und Arbeitslosenversicherung bekommen haben, ist die Rückfallsquote gesunken: Die Leute wurden besser vom AMS vermittelt, hingen weniger in der Luft. Es ist nicht gleichgültig, was im Strafvollzug passiert.

STANDARD: Trotzdem werden 53 Prozent aller Strafgefangenen rückfällig. Als Hardliner könnte man sagen: Ist es für die Gesellschaft nicht sicherer, die Menschen konsequent wegzusperren?

Pilgram: Wegsperren ist teurer für die Allgemeinheit, die dann Heerscharen an Häftlingen bis ins hohe Alter versorgen muss, aber kein bisschen sicherer. Länder wie die USA sperren Kriminelle viel restriktiver weg, haben fünf oder sechsmal höhere Gefangenenraten, ohne dadurch mehr Sicherheit gewonnen zu haben.

STANDARD: Schreckt denn die Aussicht auf Gefängnis potenzielle Straftäter denn nicht ab?

Pilgram: Dieser Effekt wird wesentlich überschätzt. Die Kriminalitätsrate hängt von vielen Faktoren ab, von der Arbeitslosenrate, den wirtschaftlichen Chancen - eine direkte Korrelation mit Strafhöhen und Gefängnispopulation ist auch international nicht nachweisbar. Die beste Versicherung für die Gesellschaft ist ein Strafrecht, das ein so riskantes Mittel wie den Vollzug so sparsam wie möglich einsetzt. Das übermäßige Wegsperren ist weit gefährlicher, weil sich kriminelle Karrieren im Gefängnis eher verfestigen.

STANDARD: Wie soll stattdessen gestraft werden?

Pilgram: Die Alternativen sind allesamt schon erfunden, sie müssen nur ausgebaut werden: bedingte Strafen, Bewährungshilfe, gemeinnützige Arbeiten, außergerichtlicher Tatausgleich. Was die jungen Straftäter betrifft, fehlt eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Jugendwohlfahrt und Justiz. Außerhalb von Wien gibt es keine Jugendgerichtshilfe, die als Fürsprecher auftritt, es fehlen alternative Unterkünfte, um den Betroffenen die U-Haft zu ersparen. Das führt dazu, dass Österreich immer noch vergleichsweise viele Jugendliche inhaftiert. Setzt die Politik nun nur bei den Haftbedingungen an, zäumt sie das Pferd von hinten auf. (Gerald John, DER STANDARD, 16.7.2013)

Arno Pilgram, geboren 1946, Studium der Psychologie und Anthropologie, ist Universitätsdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS), dem er seit der Gründung 1972 angehört. Von 2000 bis 2004 fungierte Pilgram als Leiter der Einrichtung.

  • "Für Resozialisierung stehen die Chancen schlecht. Nur eine Minderheit kommt in den Genuss von Programmen, die wirklich weiterhelfen", sagt der Kriminalsoziologe Arno Pilgram.
    foto: der standard/fischer

    "Für Resozialisierung stehen die Chancen schlecht. Nur eine Minderheit kommt in den Genuss von Programmen, die wirklich weiterhelfen", sagt der Kriminalsoziologe Arno Pilgram.

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