Agententausch zwischen Moskau und Berlin

15. Juli 2013, 17:56
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Verurteiltes Agentenpaar rechnet mit Heimkehr nach Russland

Schweigen ist Gold. Manchmal ist es auch ein Rückflugticket in die Heimat wert. Das russische Agentenpärchen, das unter dem Namen Andreas und Heidrun Anschlag in Deutschland wegen Spionage zu sechseinhalb und fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, hofft auf einen Austausch. Ihr Anwalt Horst-Dieter Pötschke erklärte gegenüber der russischen Tageszeitung Kommersant, der Tausch könne "jederzeit" stattfinden.

Russische Quellen bestätigen diese Einschätzung. Zwar lehnte der russische Auslandsgeheimdienst SWR, für den die beiden spioniert haben sollen, am Montag jeden Kommentar zu dem Fall ab. Anonym bestätigten jedoch mehrere Quellen aus dem russischen Sicherheitsapparat, dass kürzlich Verhandlungen gestartet wurden. "Wir werden unsere da raus holen", sagte ein russischer Geheimdienstler.

Die Rückholaktion ist auch aus dem Selbstverständnis von Präsident Wladimir Putin - selbst einst für den KGB im Ausland tätig - leicht zu erklären. Schon 2010 hatte er eine groß angelegte Austauschaktion in die Wege geleitet, nachdem ein russischer Spionagering in den USA aufgeflogen worden war. In Wien wurden die russischen Agenten gegen vier in Russland wegen Spionage einsitzende Häftlinge ausgetauscht. Anschließend versprach Putin den aufgeflogenen Agenten einen "würdigen" Job in Russland. Die bekannteste Beteiligte der Spionageaffäre, Anna Chapman, bekam eine eigene Show im Fernsehen, andere kamen in der Ölbranche unter.

Die Anschlags können wohl ebenfalls mit Wohlwollen ihrer Vorgesetzten in Moskau rechnen, zumal sie durch den gleichen Überläufer wie der US-Spionagering verraten wurden. Beim Prozess schwiegen sie eisern und gaben keine weiteren Namen preis.

Seit 25 Jahren undercover

Das Ehepaar soll bereits 1988 im KGB-Auftrag mit österreichischen Pässen nach Deutschland eingereist sein. Laut ihrer Legende stammten sie aus Südamerika. Die beiden sammelten Infos über den Raketenschild in Osteuropa, über die Nato-Reform und Kommandostruktur, sowie über die Einsätze in Afghanistan und Libyen. Als wichtigste Quelle diente ihnen ein niederländischer Diplomat.

Schon vor Prozessbeginn hatte Berlin einen Agententausch vorgeschlagen. Moskau lehnte damals ab, weil man sich in der Lubjanka vom Prozess Informationen darüber erhoffte, wieviel der Westen über die russischen Spionageaktivitäten weiß. Es war die letzte Aufgabe für das Agentenpärchen Andreas und Heidrun Anschlag. In Zukunft werden sie wieder Alexander und Olga genannt. Der Nachname bleibt - wie es sich für Spione gehört - geheim. (André Ballin, DER STANDARD, 16.7.2013)

  • Das verurteilte russische Agentenehepaar vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart.
    foto: dpa

    Das verurteilte russische Agentenehepaar vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart.

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