Punk-Kosmonautin küsst den Knochenmann

15. Juli 2013, 17:50
5 Postings

Als Vertreterin einer feministischen Pop Art wurde Kiki Kogelnik bereits 2011 für die Gruppenschau "Power Up " aus der Versenkung geholt - Die Kunsthalle Krems führt nun diese Neubetrachtung weiter

Krems - "Der Archetyp eines Clubs, schummrig und dreckig, laut, muffig und hässlich", schrieb Punk-Musiker Richard Hell 2006 in seinem Nachruf auf den "berühmtesten Rock-'n'-Roll-Club der Welt", dem New Yorker CBGB in der Bowery 315. Den dort aufspielenden Punk-Rock- und New-Wave-Legenden, darunter die Ramones, Patti Smith, Blondie, Suicide, Talking Heads, lauschte auch Kiki Kogelnik (1935-1997) neugierig. 1978 widmete sie dem Club einen Film.

Für das künstlerische Werk von Kiki Kogelnik ist dieser Film ein wichtiges Indiz. Denn er hilft, das wegen der späten bunten Murano-Glasköpfe ins Kitscheck verfrachtete und dort vergessene OEuvre aus anderer Perspektive zu betrachten. So gelingt es, das Wilde, gegen den Strich Gebürstete, ja, den Punk im Werk der gebürtigen Kärtnerin zu entdecken: Plötzlich blitzt in der zackigen Kurzhaarfrisur ihrer Masken der Irokese auf.

Und so blickt man in der Kunsthalle Krems (Kuratoren: Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Hans-Peter Wipplinger) nicht von den einträglichen Erfolgen zurück, sondern rollt Kogelniks Karriere chronologisch auf, beginnend mit den frühen ungegenständlichen Kompositionen und der expressiv-abstrakten Fingermalerei. Arbeiten, die, so wie jene ihrer österreichischen Malkollegen, vom französischen Informel beeinflusst waren. Etwas ratlos steht man vor diesen wenig überzeugenden, wohl nur innerhalb dieser Retrospektive Sinn machenden Werke. Die Entwicklung ihrer Malerei stagnierte, beurteilt Arnulf Rainer in der TV-Dokumentation Kikis Kosmos (2010) diese Phase. An seiner Skepsis, an Diskussionen und Frustration zerschellen letztlich auch die Heiratspläne der beiden.

Kunst der bunten Leichtigkeit

Erst in New York, wohin sie 1962 mit ihrem Freund und Malerkollegen Sam Francis auswandert, blüht die lebenslustige Kiki richtig auf, kann sich ihre Kunst der bunten Leichtigkeit entwickeln, deretwegen man sie der Pop Art zuordnet. Und tatsächlich gehören Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg und Claes Oldenburg zu ihrem unmittelbaren Kollegen- und Freundeskreis. Ein Repertoire aus grellen Farbpunkten und Frauensilhouetten entsteht, die arrangiert mit futuristischem Accessoire zu Space-Angels mutieren, zu selbstbewussten Kosmonautinnen, die sich den Knochenmann als Liebhaber wählen.

"In Amerika stirbt man nicht", analysierte sie und konterte diese Verdrängung mit der Figur eines wilden, lebensbejahenden Tödleins, ein bunter Punk mit freakigen Sonnengläsern. Ihr Skull (1970) nahm sogar Andy Warhols Siebdruckserie von 1976 vorweg. Pionierin war sie aber auch mit ihren Cut-Outs, den symbolisch aufgeladenen Körperhüllen, die sie aus Papier und Schaumstoff (später Vinylfolie) schnitt; mit diesen behängt, marschierte sie 1967 durch New Yorks Straßen.

Kogelniks Frauen sind magische Hexen, schöne, selbstbewusste Amazonen, die sich mit Schlangen schmücken oder mit ihnen verwachsen. Die Frau ist nicht passiv, sondern sogar Täterin: Den aggressiven Habitus mit dem Pinsel als Waffe und einen wie mit Blut besudelten Malkittel zeigt The Painter, ein Selbstbildnis von 1975. "Sie nahm es nie zur Kenntnis, dass Männer besser malen sollen, dass Männer die Welt beherrschen müssen", sagte Monsignore Otto Mauer über Kogelnik. Eine kämpferische Haltung, die die Realität sicher besser ertragen ließ. Denn ihre Ateliernachbarin Carolee Schneemann, eine Protagonistin der feministischen Kunst der 1960er-Jahre, holt auf den Boden damaliger Tatsachen zurück. "Wir waren die sexy Maskottchen." Um am Männer-Kunst-Club teilhaben zu dürfen, hätte man schön sein müssen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 16.7.2013)

Bis 6. 10.

  • Kogelnik posiert mit "Loverboy": Wegen Platzmangels im Atelier ist diese Plastik von 1963 nicht erhalten.
    foto: kogelnik foundation, wien / new york

    Kogelnik posiert mit "Loverboy": Wegen Platzmangels im Atelier ist diese Plastik von 1963 nicht erhalten.

Share if you care.