Kind in mürrischer See

15. Juli 2013, 17:23
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Das Drama des begabten Britten: Heuer wäre Komponist Benjamin Britten 100 Jahre alt

Wien - Das Unheil hat in der Musik Benjamin Brittens (1913-1976) verführerische Züge. In seiner berühmtesten Oper Peter Grimes scheitert ein Außenseiter an der Gehässigkeit seiner Umwelt. Der Fischer Grimes trägt erhebliche Mitschuld an den Imageproblemen, die er im Dorf hat. Seinen Lehrjungen gegenüber verhält er sich sadistisch, einer seiner Schützlinge ist zu Beginn der Oper bereits tot.

Zugleich zeugt die ganze Natur wider den mürrischen Bootsfahrer. Sturmwind peitscht das Orchester, die Gischt schlägt hoch, ohne dass die Musik jemals nur Lautmalerei betreiben würde. Die Handlung spielt an der Küste Suffolks. Englands östlichste Landschaft ist Brittens Wurzelgrund: eine schroffe, von der Nordsee benagte Gegend, in der die Luft nach Salz schmeckt, das Meer mit jeder zurückrollenden Welle ein Stück Erde mit sich reißt.

In diesem spröden Kulturland wurde Britten als Sohn eines depressiven Zahnarztes geboren. Die früh erkennbare Musikalität des Buben förderte die Mutter. "Benji" war das jüngste von vier Kindern. Als Nesthäkchen wurde ihm eine Fülle von Privilegien zuteil. Das behütete Kindheitsland rund um Lowestoft hat Britten niemals ganz verlassen. Er behielt zeitlebens infantile Angewohnheiten bei. Er kroch dann auf allen vieren herum, sprach in Kinderreimen oder entzog engen Vertrauten ohne vorherige Ankündigung die Freundschaft.

Das Musizieren und das Komponieren fielen dem jungen Britten außerordentlich leicht. Er gab später an, das Papier mit den Notenlinien anfangs aus reiner Freude vollgekritzelt zu haben. Die Kunst, Musikzeichen sinnvoll zueinander in Relation zu setzen, erlernte er unter anderem bei Frank Bridge, einem heute leider vergessenen Meister der gemäßigten Moderne.

Zweideutigkeiten

Vor allem aber verschaffte Britten der Musik seines Landes wieder Anschluss an die Entwicklung der Moderne. Seine Tonsprache steckt voller Zweideutigkeiten. Ohne jemals der Atonalität zu frönen, strapaziert Britten die Harmonik. Während Akkorde sich nach allen Seiten davonmachen, hält er gewisse Noten wie "Scharniere", um den Zusammenhalt zu gewährleisten. Mitunter wird die dritte Stufe der Tonleiter variiert, um zwischen Dur und Moll zu schwanken. Dieses Mittel benützt für gewöhnlich der Blues.

Der Blues mag den Götterliebling oft genug angefochten haben. Seine Homosexualität hat Benjamin Britten nie verleugnet. Mit dem Tenor Peter Pears (1910- 1986) verband ihn eine eheähnliche Beziehung. Als die beiden 1948 das Musikfestival von Aldeburgh in Suffolk begründeten, wirkte Brittens Partner gleichberechtigt an der Seite des Komponisten. Dieser widmete Pears klarer, süßer Stimme die wichtigsten Opern- und Liedpartien.

Alle diese Tatsachen machen die englische Lebenswirklichkeit zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur schwer begreiflich. Die Schwärmerei für junge Burschen führte Britten wiederholt an den Rand des Zulässigen. Zugleich verhallten Rufe schwuler Freunde, er möge seine Neigungen offen einbekennen, ungehört. Britten fiel aus der Rolle des begabten Kindes nie heraus. Er wolle sich "ein warmes Nest der Liebe bauen", schrieb ihm der Dichter W. H. Auden mit leisem Vorwurf, "indem du den liebenswerten, talentierten kleinen Jungen spielst".

Britten reagierte auf seine Weise. Er vertonte Passagen aus Arthur Rimbauds Les Illuminations oder erzählte in seinen Opern von rätselhaften Männern und gefährdeten Knaben. Etwa in The Turn of the Screw oder in Billy Budd, beide nach Henry James und Melville.

Form und Vollendung

Erhalten blieb dem kultivierten Komponisten bis zum Schluss eine Aura der Undurchdringlichkeit. Er verstand sich prächtig mit anderen Außenseitern wie Dmitri Schostakowitsch. Die Verachtung durch Avantgardepäpste wie Pierre Boulez konnte ihm egal sein. Bis in die letzte Partiturseite seiner Kammermusik spürt man eine Sensibilität am Werk, in der die Umrisse verschwimmen, die Instrumente aber nach einem Zentralton suchen, den es nicht mehr "gibt". In Benjamin Brittens Musik klingt im Jahr seines 100. Geburtstages die Kultur des 19. Jahrhunderts formvollendet aus. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 16.7.2013)

Bei Decca ist soeben das Vier- CDs-Set "Britten - The Masterpieces" erschienen. Die Sammlung "Britten - The Complete Works" (Decca) umfasst 66 CDs.

  • Herr der Tasten: Benjamin Britten.
    foto: corbis / hulton-deutsch collection

    Herr der Tasten: Benjamin Britten.

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