Frankreichs rote Briefmarke, die für rote Köpfe sorgt

16. Juli 2013, 22:43
102 Postings

Aufruhr um eine neue Briefmarke in Frankreich: Konservative Kreise rufen zum Boykott auf

Marianne, die französische Nationalfigur, hat ein neues Gesicht. Es ist – comme il faut – jugendlich, leidenschaftlich, mit der revolutionären Phrygiermütze bekleidet. Und es schmückt die neue französische Standard-Briefmarke, die jährlich 2,4 Milliarden mal gedruckt wird.

François Hollande verhehlte seine Freude nicht, als er die rote Version der Marke am Sonntag zum Nationalfeiertag im Élysée enthüllte. Der sozialistische Präsident hatte die Wahl einem Schülergremium überlassen. Bei der Präsentation bezeichnete er die Jugend als Priorität seines Mandats und zitierte den Dichter René Char mit den Worten: "Pack deine Chance, diene deinem Glück, nimm das Risiko auf dich – die anderen werden sich daran gewöhnen, wenn sie dich betrachten."

Einzelne Franzosen wollen sich allerdings nicht so schnell an das neue Konterfei der Republik gewöhnen. Am Montag gab der Schöpfer der Briefmarke, Olivier Ciappa, nämlich in einem Internetbeitrag bekannt, wer ihn inspiriert habe: "Meine Zeichnung auf der Briefmarke zeigt eine Marianne mit den Gesichtszügen einer Anführerin von Femen, Inna Schewtschenko."

Die militante Feministin aus der Ukraine ist in Frankreich nicht unbekannt: Sie hat in Paris die internationale Zentrale der Organisation eingerichtet und dort auch unlängst politisches Asyl erhalten. Ihre barbusigen Einsätze sorgen regelmäßig für Schlagzeilen und in kirchlich-konservativen Kreisen für empörte Reaktionen. Noch weniger wollen sie hinnehmen, dass Schewtschenko die illustre Reihe früherer Mariannen – Brigitte Bardot, Catherine Deneuve oder Laetitia Casta – fortsetzen soll. Im Internet mehren sich Boykottaufrufe gegen die Briefmarke.

"Hollande erspart uns nichts"

"Beleidigung der Frauenwürde und der Souveränität Frankreichs", twitterte die Christdemokratische Partei PCD und verlangt sogar den Rückzug der Briefmarke. Auch gemäßigte Abgeordnete verweisen auf islamfeindliche Kommentare Schewtschenkos, die öffentlich fragt, ob es etwas "Dümmeres" als den aktuellen Ramadan gebe – oder "etwas Hässlicheres als diese Religion". Eine Hauptgegnerin der Homo-Ehe, Christine Boutin, ereifert sich zudem auf Twitter: "Also wirklich, dieser Hollande erspart uns nichts – eine Marianne, die auf der neuen Briefmarke durch eine Femen-Frau inspiriert wird!"

Ciappa stellte klar, dass nicht Hollande die Entscheidung für die neue Briefmarke gefällt habe, sondern eine Jury von Mittelschülern. Der 30-jährige Franzose erklärt, er habe wegen dieser Briefmarke bereits Morddrohungen erhalten. Im Frühjahr hatte er zwei Ausstellungen zugunsten der vom französischen Parlament kürzlich genehmigten Homo-Ehe inszeniert; eine davon war verwüstet worden, auf einer anderen setzten sich prominente Hetero-Künstler als Homosexuelle in Szene.

Die Polemik um die Briefmarke wirkt wie ein Nachhall der Debatte um die Homo-Ehe. Aber nicht nur, denn auch Femen ist für viele Franzosen ein rotes Tuch. Inna Schewtschenko gießt selber noch kräftig Öl ins Feuer. "Femen ist auf einer französischen Briefmarke", frohlockte sie auf Twitter. "Jetzt müssen alle Homophoben, Extremisten und Faschisten meinen Arsch lecken, wenn sie einen Brief verschicken wollen." (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, 17.7.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Präsident Hollande enthüllte am Sonntag die neue Marianne.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Inna Schewtschenko erhielt in Frankreich politisches Asyl.

Share if you care.