Tabuthema Geld: Gehaltsstrip oder nicht

16. Juli 2013, 10:36
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Was zahlen die Firmen, was verdienen Kolleginnen? Über Löhne und Gehälter redet man nicht gerne, das ist nicht überall so

Über Geld redet man ganz allgemein nicht. Auch Löhne und Gehälter sind als Gesprächsthema eher ein Tabu. Hierzulande genauso wie bei den deutschen oder schweizerischen Nachbarn. Wer mehr als der Durchschnitt verdient, fürchtet vermutlich den Neid der anderen, wer darunter liegt, schämt sich vielleicht.

Das ist nicht überall auf der Welt so. In den USA kann man durchaus sagen, wie einträglich der eigene Job ist. Wer viel verdient, erntet mehr Bewunderung als Neid, so geht zumindest die Mär. In Schweden gilt ein Einkommensstrip als selbstverständlich. Skatteverket, das schwedische Finanzamt, weiß alles und sagt auch fast alles weiter. Jeder, der will, kann jede beliebige Information über seine Mitbürger und Mitbürgerinnen bei Skatteverket abfragen. Anfruf genügt. Die Schweden nützen das - so hört man -  gerne.

Gegen Regelbruch

Transparenz war einer der Grundgedanken des schwedischen Steuerrechts, das in dieser Form 1980 vom Stockholmer Reichstag verabschiedet wurde. "Medien, aber auch andere gesellschaftliche Interessengruppen sollen überprüfen können, wie Menschen in Schweden eigentlich behandelt werden", sagte Gunnar Svensson dem "Manager-Magazin". Svensson ist als Rechtsexperte für das sogenannte Öffentlichkeitsprinzip bei Skatteverket zuständig: "Die Transparenz beugt Regelbruch und Diskriminierung vor."

Vor dem Zugriff des Skatteverket sind nur König Carl Gustaf und Königin Silvia gefeit. Öffentlich gemacht wird das zur Besteuerung bestimmte Einkommen. Die Steuermoral ist laut Svensson hoch. "Klagen tun nur die extrem Reichen, die vorgeben, in Angst vor Drohungen oder Verfolgung zu leben."

Mehr Transparenz in Österreich

Hierzulande versucht man das Pferd bekanntlich anders aufzuzäumen. Seit 1. März 2011 sind private Unternehmen gesetzlich verpflichtet, in jedem Stellenangebot anzugeben, wie viel man mindestens verdient. Der Bund muss seit Jänner des Vorjahres Gehaltsangaben machen. Wer sich nicht daran hält, wird zunächst gemahnt, ab dem zweiten Versäumnis droht eine Geldstrafe von bis zu 360 Euro. Ziel ist es auch hier, mehr Gehaltstransparenz zu schaffen. Vor allem sollen die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen kleiner werden. Die Fortschritte sind bisher überschaubar.

Davon abgesehen fragt sich natürlich auch, wer mit einem neuen Job liebäugelt, ob sich ein Stellenwechsel (ob inner- oder außerhalb der Firma) finanziell auszahlt. Welche Firma welches Gehalt zahlt, ist - so nicht gerade ein Inserat mit zumindest einer Mindestgehaltsangabe gemacht wird - gar nicht so leicht herauszufinden. Über die wichtigste Nebensache in der Berufswelt wird allenfalls hinter vorgehaltener Hand getratscht.

Sprechen verboten

Das ist zuweilen auch von oben verordnet. Zumindest bei den deutschen Nachbarn kam es durchaus vor, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern mittels Klauseln in Arbeitsverträgen verboten, über ihr Gehalt zu plaudern. Vor einigen Jahren kam allerdings ein Landesarbeitsgericht zu dem Schluss, dass solche Klauseln in Verträgen unwirksam sind. Ausgegangen ist der Fall von einem Arbeitnehmer, der mit seinem Kollegen über seine Bezüge geplaudert hatte - und daraufhin vom Chef prompt eine Abmahnung erhielt. Der Arbeitnehmer klagte und gewann.

In Österreich ist die Lage aber ohnedies etwas anders. Laut dem Arbeiterkammer-Arbeitsrechtsexperten Günter Köstelbauer ist es hierzulande "kein Massenphänomen", dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern verbieten, mit ihren Kollegen über die Bezüge zu sprechen. Das wäre ohnedies eher ein Schuss ins Knie, so Köstelbauer: "Solche Verbote sind für die Stimmung in Unternehmen grundsätzlich eher nicht gut." Sollte es dennoch in einzelnen Arbeitsverträgen Klauseln mit Verboten dieser Art geben, käme es wohl auf den Einzelfall an. Denkbar ist etwa, dass ein solches Verbot dem Gleichbehandlungsgrundsatz widerspricht.

Mitarbeiternoten

Die Frage, ob in Unternehmen in puncto Mitarbeitergehälter Offenheit oder Verschwiegenheit herrschen sollen, ist - abgesehen von der rechtlichen Lage - vermutlich gar nicht so einfach zu beantworten. Adi Drotleff, Gründer des auf CAD-Software spezialisierten deutschen Unternehmens Mensch und Maschine, hatte etwa mehr als zwei Jahrzehnte lang ein ungewöhnliches System. Seine Mitarbeiter bewerteten gegenseitig ihre fachlichen und menschlichen Qualitäten. Diese Noten entschieden auch über Gehaltserhöhungen. Jeder wusste von jedem, was er verdient.

"Bis zu einer Größe von etwa hundert Mitarbeitern und unter der Voraussetzung einer einheitlichen Struktur, in der praktisch alle von allen wussten, was sie denn so trieben, war das ein sehr positives System", sagte Drotleff dem Magazin "Brand eins". Dann allerdings wurde das Unternehmen umgebaut, Partnerfirmen wurden integriert, aus 100 Mitarbeitern waren mehr als 600 geworden. Die Grundlage für das Gehaltsmodell und die Transparenz fiel damit weg. Das verlockend klingende Modell wurde zu Grabe getragen.

Schwarminformation nutzen

Ein Berliner Start-up nimmt nun in Sachen Gehaltstransparenz einen neuen - eher auf Schwarminformation basierenden - Anlauf und möchte den Blick auf die Gehälter bei einzelnen Unternehmen via Webplattform ermöglichen. Rund 100.000 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum (Österreich, Deutschland und Schweiz) sind laut Unternehmensgründer Jens Sander erfasst. Wie viele österreichische Unternehmen es sind, kann er allerdings nicht sagen.

Seine Idee: Gehälter fallen nicht nur je nach Branche oder Stadt, sondern eben auch von Firma zu Firma sehr unterschiedlich aus. Wer die richtige Wahl treffen und angemessen bezahlt werden will, sollte wissen, auf welcher Basis er verhandeln kann, sagt Sander. Bei companize.com konnte bisher schon jeder sein Gehalt vergleichen - mit Personen des eigenen Berufes, aus der eigenen Stadt oder Branche oder auch mit den Kollegen aus der eigenen Firma. Jetzt geht er noch einen Schritt weiter: Bei einem Gehaltsvergleich ist ab sofort auch ein Blick in die Gehälter anderer Berufe, Branchen, Städte - und anderer Unternehmen möglich.

Gespeist wird die Website durch die Angaben der Nutzer. Somit gilt: Je mehr mitmachen, umso aussagekräftiger fällt der Vergleich aus. Bislang sind laut Sander allerdings erst 58.000 Nutzer registriert. Die schwierige Frage, ob das Wissen über hohe Gehaltsunterschiede oder verschiedene Anreize wie Boni und Co eher motiviert oder frustriert, ist damit aber ohnedies nicht beantwortet. (rb, derStandard.at, 16.7.2013)

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    Die Hosen lässt man in Sachen Verdienst nicht so gerne runter.

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