Ich schau dir in die Augen

15. Juli 2013, 11:40
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Direkte Kommunikation ist in Change-Projekten die beste Form

Echte Führungskräfte erkennt man nicht in Schönwettersituationen. Sie erkennt man daran, wie sie sich in schweren und schwierigen Zeiten verhalten. Wie sie es schaffen, Sicherheit zu geben und ähnlich einem Kapitän an Bord zu bleiben - mit Wort und Tat. Veränderungen wie Merger, Integrationen, Restrukturierungen sind eine solche schwere und schwierige Zeit. "Kommunikation ist die eigentliche Arbeit der Führung", sagt dazu Nitin Nohria, Dekan der Harvard Business School.

Einen zahlenmäßigen Beleg für die Bedeutung der Führungskräftekommunikation liefern Towers Perrin und Tom Lee. Sie untersuchten die Frage, welche Informationsquelle auf welche Art das Verhalten der Mitarbeiter beeinflusst. Formale Medien der internen Kommunikation wie Intranet, Newsletter, Magazine sind zu sieben Prozent dafür verantwortlich, dass sich das Verhalten der Mitarbeiter ändert. Der Einfluss der Führungskräfte auf Mitarbeiter liegt aber bei 61 Prozent.

Vorsortierung von Wichtigem und Unwichtigem

Die Kraft des Instruments Führungskräftekommunikation liegt noch in einem zweiten Bereich: Insgesamt prasseln auf die Mitarbeiter eine Fülle von Informationen nieder. Im Normalfall wie im Change. Es braucht heute schon beträchtliche Anstrengungen, die täglichen Mails, Newsletter, Rundschreiben, Anrufe aufzunehmen - und noch mehr Anstrengung ist es, sie in wichtig und unwichtig einzuteilen. Veränderungen haben es an sich, dass diese Einteilung in wichtig und unwichtig noch nicht präzise ist: Ein heute nebensächlicher Schauplatz kann morgen große Auswirkungen haben, und umgekehrt kann eine aufgeblasene Diskussion plötzlich platzen und sich in Luft auflösen.

Führungskräftekommunikation hat die Aufgabe, die "Vorsortierung" für die Betroffenen zu machen: wichtige Aspekte zu erklären und von unwichtigen zu trennen. Und damit alle notwendigen Kräfte zu bündeln. Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter und Organisationsentwickler Warren Bennis fasste diese Aufgabe der Führungskommunikation so zusammen: "Communication creates meaning for people. Or should. It's the only way any group, small or large, can become aligned behind the overarching goals of an organization".

Vernetzung der Führungskräfte

Ein zentrales Instrument der Change-Kommunikation ist die Vernetzung der Führungskräfte auf der mittleren und unteren Management-Ebene. Sie sind Mittler von Botschaften von "oben" und sollen Fragen "von unten" klären. Doch Führungskräfte im "Mittelbau" können selbst nur so gut informieren, wie sie selbst informiert sind. Sie können nur dann überzeugen, wenn sie selbst überzeugt sind. Und sie können nur dann auf Fragen richtige Antworten geben, wenn sie selbst Antworten haben.

Als zentrale Säule in jedem Wandelprojekt brauchen sie daher besondere Aufmerksamkeit und eine hohe Informationsdichte plus Reflexionsmöglichkeit - durch eigene Informations- und Diskussionsveranstaltungen für Führungskräfte, Manager-Newsletter, Intranet-Plattformen mit Infos für leitende Angestellte oder Peerings.

BMW hat hier einen sehr guten Weg gewählt, als die Strategie "Number One - der Weg vom Automobilproduzenten zum Mobilitätsanbieter" implementiert wurde. Das Unternehmen entwickelte ein neues Vernetzungsformat mit ganztägigen Workshops für Führungskräfte aller Ebenen und Funktionsbereiche, um das neue Selbstverständnis vertieft kennenzulernen, um die Strategie zu hinterfragen sowie sich untereinander zu vernetzen. (Gerhild Deutinger, DER STANDARD, 13./14.7.2013)

Gerhild Deutinger ist Kommunikationsberaterin für Veränderungsprozesse und Autorin des Buches "Kommunikation im Change", Springer 2013.

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