Woran soziale Innovationen scheitern

15. Juli 2013, 11:08
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Ein Projekt will jungen Straftätern eine Alternative zur Haft bieten. Für die Finanzierung fühlt sich aber niemand richtig zuständig

Als vor zwei Wochen die Vergewaltigung des 14-jährigen U-Häftlings an die Öffentlichkeit gedrungen ist, war die mediale Entrüstung groß. Die Meinungen zeigten überraschenderweise, wie kritisch die Inhaftierung Jugendlicher überwiegend gesehen wird.

Seit 2009 arbeiten wir mit "Out of Box" an einer Alternative zur Haft für Jugendliche. Out of Box ist weder als Bootcamp noch als kuschelpädagogisches Ferienlager geplant, sondern als Programm mit dem Ziel, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren. Basierend auf Bausteinen wie Bildung, Bewegung, Gesundheitsförderung, Projekten, die die Jugendlichen ins Tun bringen und intensive sozialpädagogische und sozialtherapeutische Einzelarbeit.

Ungleiche Startvoraussetzungen

Unser Herz brennt aus zwei Gründen für diese zweifach preisgekrönte Projektidee, die 2012 den Social Impact Award und Ideen gegen Armut gewonnen hat. Zum einen sind es menschliche Gründe: Wer sich mit der Zielgruppe auseinandersetzt, weiß, dass jugendliche Devianz Resultat von Marginalisierung, Chancenarmut und Exklusionserfahrungen ist. Unrecht hat damit seine Ursache in Unrecht bzw. ungleichen Startvoraussetzungen ins Leben. Wenn nach dem Philosophen Rawls Gerechtigkeit die erste Tugend sozialer Institutionen sein soll, dann müsste die Rechtsprechung diese ungleichen Startvoraussetzungen berücksichtigen und gerade Jugendlichen Unterstützung zur Perspektivenentwicklung ermöglichen.

Zum anderen sind es volkswirtschaftliche Gründe: Ein Tag in Haft kostet den Steuerzahler mindestens 100 Euro. Die sozialen Folgekosten sind schwer zu quantifizieren, lassen sich aber mit erhöhten Vermittlungsschwierigkeiten in den Arbeitsmarkt, hohen Transferleistungen und geringen Beiträgen ins Sozialsystem argumentieren. Ähnlich ausgerichtete Projekte wie Out of Box können Vermittlungsquoten von 80 Prozent in den Arbeitsmarkt bzw. in Ausbildung und eine Reduktion der Rückfallquote auf unter 20 Prozent vorweisen. Das heißt vierfach so hohe Erfolgsquoten bei 25 Prozent geringeren Kosten.

Großes Interesse - bis es um die Finanzierung geht

In den letzten vier Jahren haben wir über 75 Projektvorstellungen hinter uns. AMS, Justizministerium, Sozialministerium, unterschiedliche Stadt- und Länderressorts, Jugendwohlfahrt und verschiedenste Stakeholder wie Staatsanwälte, Richter und Opferschutz-Einrichtungen kennen Out of Box. Bis es um die Finanzierung geht, gibt es in der Regel großes Interesse. Nach einer grundsätzlichen Bereitschaft, mitzufinanzieren, wenn auch die anderen dabei sind, müssen wir häufig hören, dass in erster Linie andere primär zuständig seien.

Die Justiz sieht mit dem Ziel Arbeitsmarktintegration das AMS gefragt. Das AMS sieht bei straffällig gewordenen Jugendlichen die Justiz am Zug, da ja Straffällige dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Seitens des Sozialministeriums sieht man die Verantwortlichkeit bei den Kommunen, die ja durch die positiven Effekte die Begünstigten eines solchen Programms wären. Die Kommunen sehen die Länder zuständig für jugendwohlfahrtsrelevante Agenden.

Ohne mit dem Projekt noch in der Umsetzung zu sein: Gelernt haben wir bis jetzt, dass soziale Innovationen politische Entscheidungen brauchen, die Menschen und nicht Zuständigkeiten in den Mittelpunkt stellen. Wir sind optimistisch. (Michael Kvas, DER STANDARD, 13./14.7.2013)

Michael Kvas gründete den Verein EP, der langzeitarbeitsuchenden Jugendlichen bis 25 Jahre eine Perspektive geben möchte.

  • Die Out-of-Box-Initiatoren Lena Enge und Michael Kvas möchten eine wirksamere, volkswirtschaftlich sinnvollere Alternative zur Haft von Jugendstraftätern bieten, scheitern aber an der Finanzierung.
    foto: urban

    Die Out-of-Box-Initiatoren Lena Enge und Michael Kvas möchten eine wirksamere, volkswirtschaftlich sinnvollere Alternative zur Haft von Jugendstraftätern bieten, scheitern aber an der Finanzierung.

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