Eine Kommune wäre mir zu heftig

15. Juli 2013, 09:11
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Die Künstlerin Zenita Komad hat zwar eine Bleibe, doch tatsächlich wohnt sie in ihrem Atelier in Wien-Neubau

Die Künstlerin Zenita Komad hat zwar eine Bleibe, doch tatsächlich wohnt sie in ihrem Atelier in Wien-Neubau. Michael Hausenblas war zu Besuch und konnte sich nicht entscheiden, auf welchem Sessel er sitzen soll.

"Ich habe zwar eine Wohnung am Naschmarkt, aber dort bin ich momentan nur zum Schlafen. Den Rest meiner Zeit verbringe ich hier in meinem Atelier, mitten im siebenten Bezirk. Morgens spaziere ich her und abends dann wieder zurück. Das sind meine Denkwege. Diese Lösung ist gut, sonst würde ich von der Stadt um mich herum wahrscheinlich gar nichts mehr mitbekommen.

foto: lisi specht
Gestern Kronkorkenfabrik, heute Kunstwerkstatt: Zenita Komad in ihrem Wohnatelier im siebenten Bezirk, wo sie so gut wie jeden Tag Besuch empfängt.

Es ist nicht nur so, dass ich hier arbeite, wohne und koche, auch meine Freunde und Bekannten empfange ich alle hier. Besuch ist für mich sehr wichtig, auch beim Arbeiten. Es gibt Menschen, die setzen sich mit einem Buch auf die Couch und lesen, während ich arbeite. All das würde ich als erweiterten Familienbegriff bezeichnen. Und eigentlich kommt jeden Tag irgendwer. Die Leute fühlen sich wohl hier.

Das Atelier liegt in einem Hinterhof im ersten Stock. Früher einmal wurden hier Kronkorken produziert. Das Atelier besteht aus einem sehr großen Raum mit Riesenfenstern und einem kleinen Lager. Alles zusammen misst ungefähr 120 Quadratmeter. Ach ja, und im unteren Stockwerk gibt es noch ein Badezimmer. Die Räumlichkeiten sind sehr großzügig, sie lassen viel Luft zum Atmen und geben Raum, in dem Neues entstehen kann.

Das Schöne ist: Die Hausbesitzer haben sich ausdrücklich einen Künstler für diesen Raum gewünscht. Sie genießen diese Atmosphäre. Ich bin mit ihnen viel in Kontakt. Unter mir befindet sich eine Garage, in der die Hauseigentümer mit ihren Enkeln herumbasteln. Ich mag das. Ich bin jetzt seit April hier, das heißt, eigentlich müsste ich sagen, wieder hier, denn das Atelier war früher schon einmal mein Zuhause, bevor ich in ein Prateratelier übersiedelte. Nachdem der Vertrag der Vormieterin hier auslief, haben sich die Hausbesitzer gemeldet und gemeint, sie wünschen sich mich als Mieterin zurück. Ich hab diesen Raum in all dieser Zeit sehr vermisst. Man kann durchaus von Liebe sprechen.

Ich versuche zwar schon, Wohnen und Arbeiten zu trennen, aber das ist kaum möglich, weil die Arbeit – wie soll ich sagen? – eine selbstverständlich permanent aktive Ebene meines Lebens darstellt. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht trennbar, genauso wie ich nicht ohne die Verbindung zu anderen Menschen leben und arbeiten kann. Diese Verbindung zwischen Menschen steht auch im Zentrum meines Werks.

Dieser Ort hier ist ein sehr gesicherter Bereich. Man muss meine Telefonnummer haben und mit mir was ausmachen, sonst kommt man gar nicht erst ins Haus rein. Allein deshalb schon, weil es auf der Gasse keine Klingel und kein Namensschild gibt. Auf der einen Seite schätze ich die Offenheit hier, auf der anderen Seite genieße ich auch diese Art von Schutz und Rückzug.

Die Einrichtung ist sehr zweckmäßig. Ich mag zwar schöne Dinge, aber alles, was mit Dekoration zu tun hat, ist mir fremd. Natürlich hat das auch etwas mit den finanziellen Mitteln zu tun. Ich investiere lieber in eine neue Arbeit oder in ein schönes Abendessen mit Freunden, anstatt ins Möbelgeschäft zu gehen. Ich hab hier ungefähr zehn Sessel. Alle sind sehr verschieden, und jeder hat seine eigene Geschichte. Ein Sessel ist zum Nähen da, einer zum Schreiben, einer zum Zeichnen – eine meiner häufigsten Tätigkeiten! Ich habe die Sessel irrsinnig gern.

Meine ideale Vorstellung vom Wohnen wäre in meinem Fall ein Areal, auf dem alle meine Freunde wohnen könnten. Am besten gleich bei mir ums Eck ein ganzes Stadtviertel! Nein, keine Kommune, das wär mir zu heftig, aber so etwas in der Richtung. Und im Alter dann wäre das Kapitel Die alte Frau und das Meer sehr wünschenswert." (DER STANDARD, 13./14.7.2013)

Zenita Komad wurde 1980 in Klagenfurt geboren. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Im Jahre 2007 erhielt sie ein Mak-Schindler-Stipendium in Los Angeles.
Die Künstlerin stellte bereits in vielen namhaften Galerien und Museen auf der ganzen Welt aus – unter anderem in der Wiener Albertina, im Kunsthaus Zürich, in der Österreichischen Galerie Belvedere, in der Kunsthalle Wien, im Jüdischen Museum in Wien, im Kunsthaus Graz sowie im Museum moderner Kunst Kärnten.

Link

zenita-city.at

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