Unsterbliche Projektionsfläche

15. Juli 2013, 07:13
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Die Ausstellung "Kleopatra, die ewige Diva" in der Bonner Bundeskunsthalle

"You remember me?" Michael Jacksons Rhythmen und der MTV-Clip im Pharaonen-Outfit zum gleichnamigen Musiktitel gehen auch in der Bonner Bundeskunsthalle - über Kopfhörer - in die Beine. Nicht weit von Jacko entfernt Madonna in altägyptischer Kluft auf einem Foto. Doch es geht hier nicht wirklich um Popkünstler. Vielmehr steht die Urmutter aller Diven im Mittelpunkt: Kleopatra VII., Ägyptens letzte Herrscherin (69-30 v. Ch.)

Kleopatra, die ewige Diva ist eine rasante Inszenierung aus High und Low Culture. Die Palette reicht von barocken Schlangenbiss-Fantasien von Künstlern wie Guido Reni oder Guido Cagnacci bis hin zu Andy Warhols Blue Liz as Cleopatra. Diese Siebdruckserie stimmt ein auf die Spurensuche nach Kleopatra.

Mit einer meterhohen Kopie der südlichen Außenwand des der Göttin Hathor geweihten Tempels von Dendera und Warhols Adaption beginnt der Parcours. Alle Medien und Epochen werden in Sachen Mythenbildung abgeklopft: von der historischen Figur über bildende Kunst, Kostümbild, Film und Werbung bis hin zum Musikvideo. Keinesfalls soll es um die Verwurstung des Pharaonen-Golds oder um archäologische Erkenntnisse gehen, zumal die faktische Datenlage eher dürftig ist.

Wobei an diesem historischen Punkt mit dem Ende Ägyptens und dem Beginn der Vorherrschaft des Römischen Reiches der Gründungsmythos der europäischen Geschichte einsetzt. Ein brisanter Dreier verbindet afrikanische Herkunft (die Wissenschaft diskutiert eine dunkelhäutige Kleopatra), griechisch-römische Historie und westliche Rezeption.

Die Ausstellungsmacherinnen Elisabeth Bronfen und Agnieszka Lulinska versuchen vor allem darzulegen, was die unterschiedlichen Gestaltungen des Kleopatra-Bilds über die jeweilige Epoche aussagen - und umgekehrt. Da wäre das Phänomen der "schönen toten Frau": Kleopatra wird als Tote zum Bausatz, der als Projektionsfläche für weibliche Machtfantasien ebenso taugt wie für erotische Rollenmuster. Ganz im barocken Sinne wird über das Bildmotiv der Kleopatra, die bei einem Gelage für ihren Cocktail eine Perle in Essig auflöst, das verschwenderische Leben mit dem Umkippen in den Tod verbunden. Wobei die Zoologie längst einen Blick auf jene Schlange geworfen hat, von der vermutlich ein Dutzend Bisse nicht ausgereicht hätten, die Schöne zu töten. Liebestod trifft Erklärungsnot.

Michelangelos Renaissance-Zeichnung erschuf ein Kleopatra-Outfit im All' antica-Look. In napoleonischer Zeit wurde aus der Femme orientale eine Femme fatale, die als Lustventil im Gegensatz stand zum Weiblichkeitsideal um 1800. So kreierte man nicht nur im Barock aus dem nicht eindeutig geklärten Tod Kleopatras rasante Bildszenarien mit (phallischem) Schlangenbiss.

Das Spiel mit den Identitäten am Beginn der bewegten Filmbilder, besonders während der Stummfilmära, erinnert an die Katakomben eines Kostümverleihs: die Batterie der Theater- und Filmfotos wirkt erschlagend aufschlussreich, der Zusammenschnitt legendärer Filmszenen nicht minder. "Jazz-Cleopatra" Josephine Baker instrumentalisierte den Kleopatra-Mythos übrigens gegen den Rassismus in den USA.

Die Kosmetikfirma Revlon propagierte 1962, begleitend zum Film mit Liz Taylor, "The New Cleopatra Look", fotografiert von Richard Avedon - dazu die Textzeile: "If looks can kill this one will." (Roland Groß, DER STANDARD, 15.7.2013)

Bis 6.10.

  • Vom Duo BTOY: Liz Taylor als Kleopatra. 
    foto: bundeskunsthalle

    Vom Duo BTOY: Liz Taylor als Kleopatra. 

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