Proteste nach Freispruch im Fall Martin: Obama mahnt zur Ruhe

15. Juli 2013, 05:47
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US-Präsident: "Wir sind ein Rechtsstaat, die Jury hat entschieden" - Proteste von San Diego bis New York

Washington/Sanford (Florida) - Nach dem Freispruch im Prozess um den Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin hat US-Präsident Barack Obama zur Ruhe aufgerufen. "Wir sind ein Rechtsstaat, die Jury hat entschieden", sagte Obama am Sonntag über das Urteil der Geschworenen, die den Nachbarschaftswächter George Zimmerman am Vortag freigesprochen hatten.

Die sechs Geschworenen waren nach 16-stündiger Beratung zu dem Schluss gekommen, dass Zimmerman nicht des Totschlags an dem unbewaffneten Jugendlichen schuldig sei. In den USA wurden Unruhen befürchtet.

Anlass, Waffendebatte zu thematisieren

"Ich fordere nun jeden einzelnen Amerikaner dazu auf, den Aufruf zu ruhigem Nachdenken zu befolgen", erklärte Obama. Dazu hätten Martins' Eltern aufgerufen. Er kam nicht auf seine früheren Äußerungen zurück, in denen er gesagt hatte, falls er einen Sohn hätte, so hätte dieser "wie Trayvon Martin ausgesehen".

Obama brachte den Fall aber in Verbindung mit seinem Einsatz für strengere Waffengesetze. "Wir sollten uns fragen, ob wir alles unternehmen, um die Welle der Gewalt mit Schusswaffen aufzuhalten", erklärte Obama. Anfang des Jahres war es ihm nicht gelungen, eine parlamentarische Mehrheit für schärfere Waffengesetze zu erlangen.

Justizministerium wird sich Fall widmen

Das Justizministerium erwägt unterdessen nach dem Freispruch weitere Schritte gegen Zimmerman. Die Behörde prüfe, ob sie genügend Beweise habe, um die Strafverfolgung Zimmermans an einem Bundesgericht fortzusetzen, sagte ein Sprecher am Sonntag.

Die Reaktion auf den Straßen fiel in der Nacht auf Montag weniger besonnen aus. Tausende Menschen protestierten in mehreren US-Städten gegen den Freispruch.

"Keine Gerechtigkeit, kein Frieden"

In New York versammelten sich die Demonstranten am Sonntagabend zunächst auf dem Union Square in Manhattan, wo sie "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden" skandierten. Bis zu 2.000 von ihnen zogen dann Richtung Times Square und sorgten für erhebliche Verkehrsbehinderungen. Die Polizei versuchte die Menge aufzuhalten, doch vielen Demonstranten gelang es, sich an den Beamten vorbeizuschieben.

Ähnliche Szenen spielten sich in Boston ab, wo 500 Demonstranten begleitet von Polizei-Motorradeskorten durch die Straßen zogen. Auch in San Francisco, San Diego und Sacramento wurden Proteste organisiert.

Gegen Millionenkaution in Freiheit

Das Urteil war am späten Samstagabend in Sanford im Bundesstaat Florida ergangen. Die sechs Frauen in der Jury, darunter fünf Weiße, mussten einstimmig über Schuld und Unschuld des angeklagten Nachbarschaftswächters entscheiden. Sie begannen die Beratungen am Freitag, vertagten sie aber nach kurzer Zeit auf Samstag. Zuvor hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Schlussplädoyers gehalten. Bei einem Schuldspruch wegen schweren Totschlags hätte Zimmerman lebenslange Haft gedroht. Zuletzt befand er sich gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freiem Fuß.

Zimmerman hatte Trayvon Martin am Abend des 26. Februar 2012 auf einem Patrouillengang in Sanford erschossen, nachdem es in der Gemeinde eine Reihe von Einbrüchen gegeben hatte. Der unbewaffnete Jugendliche befand sich auf dem Weg von einem kleinen Einkauf nach Hause. Zimmerman beteuert, dass Martin ihn zuerst attackiert habe. Der Fall sorgte in den USA für großes Aufsehen, da der Verdacht bestand, dass bei der Tat und dem anschließenden Umgang der Polizei mit dem Fall Rassismus im Spiel war. (APA/red, derStandard.at, 15.7.2013)

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    Demonstranten blockieren die Interstate 10 in Los Angeles.

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    Proteste auf dem New Yorker Times Square.

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    Auch in Atlanta, Georgia, gingen Menschen auf die Straße, um gegen das Urteil zu demonstrieren.

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    Trayvon Martin: Der "Hoodie" wurde zum Symbol.

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